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Oper:So schön, so pervers

Salome (Ambur Braid) will den erst als Leiche nicht mehr widerspenstigen Propheten küssen.

(Foto: Monika Rittershaus)

Barrie Kosky inszeniert die hemmungslos ihren Lüsten ergebene "Salome" von Richard Strauss in Frankfurt.

Es gibt vieles, was schnell peinlich werden kann in einer Inszenierung der "Salome" von Richard Strauss: der abgeschlagene Kopf des Propheten Jochanaan gehört dazu, den die Titelfigur am Ende küsst, aber auch der Tanz, mit dem sie eben diesen Kopf von ihrem Stiefvater Herodes erpresst. An der Oper Frankfurt tanzt Ambur Braid als Salome denn auch nicht, sie zieht bloß aus ihrem weit geöffneten Schoß einen endlosen Strang in des Propheten Haarfarbe hervor.

Es ist ein deutungsoffenes, durchaus perverses Bild, das stellvertretend für den Reduktionismus in Barrie Koskys Inszenierung stehen kann. Vollständig schwarz bleibt über das gesamte Stück hinweg der Bühnenraum, aus dem nur ein einziger Verfolgerscheinwerfer die Figuren herausleuchtet, manchmal auch nur eine Hand oder einen Kopf. Es ist das Licht des in der Oper gern beschworenen Mondes, das viele der Figuren aus dem üppigen Personaltableau freilich auch gleich ganz im Dunkeln stehen lässt. Radikal räumt Kosky so mit der Üppigkeit auf, die die Stückvorlage von Oscar Wilde vorsieht. "Denn des einen Dekadenz ist des anderen Normalität", wie der Regisseur im Programmheft sagt.

Er hätte auch sagen können: "Des einen Perversion ist des anderen Normalität". Denn Kosky urteilt nicht über seine Figuren, gesteht ihnen dagegen einiges an ungewohnter Komik zu. Herodes, der bei AJ Glueckert ungewöhnlich gesund klingt, Herodias, die Claudia Mahnke ohne alles Keifen als resolute Gattin gibt, und Salome: Sie bilden hier eine ganz normale, also vollständig wahnsinnige Familie. Wie es auch Menschen gibt wie Jochanaan, die ihr persönliches Glück in einem religiösen Fundamentalismus finden. Christopher Maltman erdet die Partie in den konkret gefassten Sprachbildern und kommt ohne alles hohle Tönen aus. Gerundet und warm ist sein Bariton, dessen zunächst aus dem Dunkeln klingender Verführungsmacht Salome verständlicherweise verfällt.

Die Inszenierung weiß genau, dass Erotik vor allem in dem besteht, was man nicht oder nur im Vorübergehen sieht, was sich letztlich auch der Deutbarkeit entzieht

Denn das Dunkel oben auf der Bühne schafft Raum gerade auch für die Musik, deren Üppigkeit sich ohnehin kaum übertreffen ließe. Beim Frankfurter Opern- und Museumsorchester verdickt sie sich leider wie in vielen Aufführungen oft zum diffusen, manchmal auch pauschal lauten Klang. Dirigentin Joana Mallwitz könnte da deutlich mehr an Tiefenstaffelung herausholen, auch mehr an Klangschmelz. Doch sie drängt vor allem voran, was dem Morbiden, Schweifenden, Lustverlorenen der Partitur kaum Raum lässt. Sogar der Tanz muss bei ihr ohne das walzerimmanente Rubato auskommen, in rascher Taktung und ohne plausible Steigerung fallen die sieben Schleier.

Dafür weiß die Inszenierung umso genauer, dass Erotik vor allem in dem besteht, was man nicht oder nur im Vorübergehen sieht, was sich letztlich auch der Deutbarkeit entzieht. Die Gesten der Figuren genau ausarbeitend, lässt Kosky keinen Zweifel daran, dass sich keine von ihnen verstehen lässt, am wenigsten die Titelfigur. Sicher: Salome ist eben deshalb auch eine Projektionsfigur, die Bühnen- und Kostümbildnerin Katrin Lea Tag in immer wieder neuen Kleidern ins Scheinwerferlicht treten lässt. Auch Kosky zeigt es zu Beginn, wenn sie exakt nachspielt, was die im Dunkeln über sie behaupten. Aber er legt Salome nicht erneut fest, weder auf die tradierte Täterrolle der Femme fatale noch auf die in neueren Inszenierungen beliebte Opferrolle des missbrauchten Mädchens. Stimmlich maximal weit entfernt von einer hochdramatischen Besetzungstradition, singt Ambur Braid die Partie mit leicht, aber legatointensiv geführtem Sopran, der in der Höhe leuchtet, die Tiefe freilich nur mit viel Druck herstellen kann. Beweglich in Körper und Stimme, legt sie Salome als hibbeligen, etwas altklugen Teenager an, der, neugierig geworden durch die Macht der Stimme, auch den verfallenden Körper des Jochanaan erkundet, ihm in die Brustwarzen zwickt, ins verfilzte Haar greift.

Dass Kosky das jeder Wertung entzieht, stellt auf atemberaubende Weise den längst verbraucht geglaubten amoralischen Schock des Stücks wieder her. Am Ende setzt sich Salome den Kopf des Jochanaan auf den eigenen, verschmilzt mit ihm zu einem einzigen blutenden Menschen. So schön kann Liebe sein - und so pervers.

© SZ vom 05.03.2020

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