Oper:Schrecklich wenig

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Oper: Vielleicht darf man die Fäkalien an den Wänden ja als Frage verstehen, was der ganze Scheiß eigentlich soll.

Vielleicht darf man die Fäkalien an den Wänden ja als Frage verstehen, was der ganze Scheiß eigentlich soll.

(Foto: Annemie Augustijns)

Die Inszenierung des Skandalromans "Die Wohlgesinnten" als Oper könnte kaum banaler sein.

Von Reinhard J. Brembeck

Zuletzt fährt vom Schnürboden ein wassersprühender Duschkopf nach unten in den anfangs steril weißen Büroraum, der mittlerweile arg dreckverschmiert ist. Peter Tantsits, der in einer grandiosen dreistündigen Tour de Force den schwulen Nazimitläufermassenmörder Max Aue gegeben hat, zieht sich splitterfasernackt aus und wäscht sich den Dreck, die Pisse, die Scheiße ab, die sich in den Kriegsjahren aufgrund all seiner Morde, Verrätereien und Inzestsauereien auf seinem Körper abgelagert haben, ohne dass sie je sein seelisches Wohlbefinden hätten stören können. Dann ist alles wieder gut, Aue macht in der BRD als Fabrikant weiter.

Der katalanische Avantgardekomponist Hèctor Parra, Jahrgang 1976, hat Jonathan Littells 900-Seiten-Skandalerfolgsbuch "Die Wohlgesinnten", 2006 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, für Antwerpen vertont, die Produktion wird auch in Gent, Nürnberg und Madrid zu sehen sein. Alles an diesem Abend ist erst mal beeindruckend. Die fahl angefressenen Klänge, die oft schlagartig von enervierend heftig zu ätzend leise wechseln. Das knapp emotionslose Libretto von Händl Klaus. Die Leistungen der Sänger, des Orchesters, des Dirigenten Peter Rundel, der Klarheit wie Drive erzeugt. Die Regie von Calixto Bieito, der sich noch immer liebend gern auf Bühnenmassaker einlässt.

Beeindruckend ist aber auch, wie dieser Männerabend ganz konsequent nur an der Oberfläche der Kriegsbiografie des Max Aue bleibt und keinen Moment versucht, tiefer in dessen Mördergesinnung vorzudringen. Mord reiht sich an Mord, Inzest an Inzest, Verrat an Verrat. Es könnte ewig so weitergehen, nur das Ende des Zweiten Weltkriegs setzt den Bestialitäten ein Ende. So war die Wirklichkeit. Aber Kunst ist nie gut beraten, wenn sie wie ein Buchhalter nur die Scheußlichkeiten des Alltags katalogisiert, ohne neue Denk- und Gefühlsräume zu eröffnen. Parra, Händl Klaus und Bieito aber geben sich mit der Buchhalterei des Grauens zufrieden. Das ist beeindruckend wenig.

Die Chronologie wird so säuberlich wie altbacken eingehalten, beginnend mit Aues Anwerbung zum SD, über Judenmorde in der Ukraine, Babi Jar, Stalingrad, Auschwitz, Pommern und immer wieder Berlin. Zwischendrin bringt Aue seine Mutter und ihren neuen Mann um. Die Bezüge zum Muttermord in der "Orestie" des Aischylos, aus der auch der Stücktitel stammt, sind oberflächlich unergiebig, niemand macht einen Versuch, das Nazigrauen mit der Atridengeschichte tatsächlich kurzzuschließen. Niemand kümmert sich um Aues seltsam vulgärpsychologische Erklärung, dass er schwul geworden sei, weil ihm nach dem Inzest mit der Schwester keine Frau mehr begehrenswert erschien. Niemand versucht rauszufinden, warum diese humanistisch orientierte Schwester sich immer wieder auf den Bruder einlässt, dieses Charakterschwein, das fürs eigene Überleben und Wohlsein alles tut.

So produziert der Abend bei fortlaufendem Gleichlauf schon bekannter Monstrositäten nie neue Erkenntnisse. Nie wird tiefer in die Charaktere hineingeschaut, nie wird ihrer Motivation auf den Grund gegangen. Alles stagniert auf dem anfangs gewählten Level, es gibt keine Entwicklung. Die Banalität des Bösen erscheint hier in ihrer banalsten Form, und nach drei Stunden ist man als Zuschauer vom dauernden Morden genauso abgestumpft wie viele Wehrmachtssoldaten bei ihren Schlächtereien.

Vor dem unendlichen Abspulen der Handlung kapituliert auch Parras Musik, die nie die Kraft aufbringt, die Führungsrolle an sich zu reißen. Sie gibt vor, eine barocke Suite nachzuzeichnen, ohne daraus dramaturgische Kraft, Schlüssigkeit, Verdichtung zu gewinnen. Immer nur kommentiert sie und hat aber nie mehr zu sagen, als dass sie das alles auf der Bühne da oben schrecklich und grauenvoll findet. Das ist für drei Stunden schrecklich wenig.

Warum aber begnügen sich die allesamt erfahrenen Macher dieser Oper mit so wenig? Warum bringen sie keine Bereitschaft auf, über das Offensichtliche hinauszugehen? Warum haben sie keine eigenen Visionen zu Littells Geschichte? Warum liefern sie nur einen handwerklich gut gemachten Abend, obwohl sie genau wissen, dass das bloß handwerklich gut Gemachte keinerlei Wert in der Kunst hat? Fragen über Fragen. Diese "Wohlgesinnten" sind eine vertane Chance, verschwendete Lebenszeit und letztlich so schwach, dass man sich gar nicht richtig darüber aufregen kann. Schwamm drüber und vorbei.

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