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Oper:Psychos unter sich

MIGNON: OPERNSTUDIO UND EXTRACHOR DER BAYERISCHEN STAATSOPER

Mignon (Sarah Gilford, in der Mitte) weigert sich erwachsen zu werden und ist deshalb Ziel der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper wagt sich an das selten gespielte, einstige Erfolgsstück "Mignon" von Thomas Ambroise.

Von Reinhard J. Brembeck

Immer wenn alles gut zu sein scheint, das gilt für die Oper wie fürs Leben, dann ist das nur des Schrecklichen Anfang. Im Münchner Cuvilliés-Theater hat die wunderbar widerborstige Sarah Gilford als Mignon den Vater wie den Geliebten gleichzeitig gefunden, singt mit ihnen selig ein Terzett, und fällt dann tot zu Boden. Ein Versehen? Wohl kaum. Denn Komponist Ambroise Thomas deutet in seiner sehr selten gespielten Oper "Mignon" (die vielen anderen Stücke des Romantikers werden noch seltener bis gar nicht aufgeführt) den tödlichen Ausgang ständig an.

Im 19. Jahrhundert hatte das Libretto etwas Provokantes

Mignon ist und bleibt ein Kind, sie reift nie zur Frau. Zu jener Frau, die die aufgedrehte Juliana Zara als Philine im Übermaß und immer ist. Nicht nur in ihrer Polonaise "Je suis Titania", einst das Paradestück aller Koloratursopranistinnen, die sich in endlosen Koloraturen und einem brillanten Lichtgefunkel bravourös der Oberflächlichkeit, Lebenslust und Erotik hingibt. Mignons Nummern dagegen, das Zitronenlandlied, die Schminkszene und ihre Krankengesänge sind ganz Innerlichkeit: verschattet, grüblerisch, unreif, tastend, verzweifelt.

Erst die Gleichung Mignon plus Philine ergibt einen vollständigen Menschen. Deshalb scheitern beide im Leben, deshalb kann keine von ihnen mit Wilhelm Meister zusammen glücklich werden, der sich wiederum für keine von ihnen entscheiden kann. Bei Philine fehlt ihm, was Mignon ausmacht. Und umgekehrt.

Wilhelm Meister: Die Erfolgslibrettisten Michel Carré und Jules Barbier haben sich aus Johann Wolfgang Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" ein paar Bruchstücke ausgeborgt, haben Provokantes unterdrückt: dass Mignon ein Inzestkind ist, dass Homosexuelles mitschwingt (Mignon ist ein Männername), dass ihre Kindheit Missbrauch suggeriert. Das alles war im Theater des 19. Jahrhunderts tabu. Was die Komponisten nur umso mehr reizte, Thomas steht da in einer Linie mit Richard Wagner und Claude Debussy. Das alles erklärt, warum Mignon nicht erwachsen werden kann und in dem Moment stirbt, als sie den Schritt in die Erwachsenenwelt unternimmt. In dieser grandios komponierten Psychose liegt die Sonderstellung dieses Stücks begründet, die sie weit über die Opernklischees seiner Zeit hinaushebt.

Regisseurin Christiane Lutz versetzt in dieser Produktion des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper die "Mignon" in eine moderne Theaterkantine, auf der Bühne wird William Shakespeares "Sommernachtstraum" gespielt. Lutz folgt etwas zu sehr dem Plot, sie unterschlägt dessen vergebliche Fluchtbewegung aus dem Hier und Jetzt. Realismus genügt in der Oper nie, da sich die Musik nie um Handlungen schert, sondern sich nur in Seelenabgründe bohrt, die nichts mit der sichtbaren Welt zu tun haben. Für diese Welten Bilder zu finden ist die große Kunst der Opernregie, die deshalb sehr viel öfter als das Sprechtheater enttäuscht.

Die Musik ist eine Mischung aus Rummelplatz, Raffinement, und Robustheit

Caspar Singh, er singt seine aberwitzige Partie ohne jede Anstrengung, ist als Wilhelm Meister ein vom Theaterleben und besonders den Künstlerinnen faszinierter Intellektueller, der genau weiß, dass er nie zum fahrenden Volk gehören wird. Oğulcan Yılmaz gibt Mignons Vater, er lässt die Tochter klammernd nie aus den Klauen, eine klangvolle Tiefe, als Figur ist er ein verhuschter Psycho.

Die Sänger werden von Dirigent Pierre Dumoussaud kompetent durch die Partitur geführt. Dumoussaud hat ein Gespür für das Widerständige französischer Musik, für ihre Mischung aus Rummelplatz, Raffinement, Robustheit. Die zum Knalligen neigende Akustik des Cuvilliés-Theater und die durch den minimalistischen Operngraben bedingte Ausdünnung des Orchesters, Paul Leonard Schäffer hat diese Fassung erstellt, rauben dem Stück alles Schwülstige, Ausufernde. Was die Sonderstellung und eigene Machart dieser "Mignon" erst recht betont.

© SZ vom 05.09.2020

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