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Oper:Liebesexperiment mit Affen

Tobias Kratzer ist ein begehrter Regisseur, 2019 wird er in Bayreuth inszenieren. Jetzt hat er in Weimar schon mal Rossinis "Italienerin in Algier" mit dem Planet der Affen und etwas Heidegger verquirlt.

Man hält es erst einmal für einen besonders abgedrehten Regieeinfall, dass der Philosoph Martin Heidegger im Nationaltheater Weimar in einer Vorrede zu Rossinis Buffa "Die Italienerin in Algier" das "abendländische Denken" beschwört, die Frage nach dem "Sein" des Menschen und die nur ihm zugängliche Sprache. Doch diese Videoprojektion markiert ziemlich genau die Fallhöhe der Reflexion des Regisseurs Tobias Kratzers, der 2019 in Bayreuth den "Tannhäuser" inszenieren soll.

Kratzer, Jahrgang 1980, hat Philosophie und Kunstgeschichte studiert und jetzt in Weimar etwas intelligent Komisches ersonnen. Die Oper spielt, ganz ähnlich, aber deutlich gezielter als beim Münchner "Rigoletto" von Doris Dörrie, auf dem Planet der Affen. Wenn sich der Vorhang öffnet, befinden wir uns in einem Laborraum, in dem lauter Affen fachkundig herumwuseln und chorsingen; Bühne und Kostüme stammen von Rainer Sellmaier.

Er zeige die Affen, so Tobias Kratzer, "als eine hoch entwickelte Gattung, die mit wissenschaftlichem Instrumentarium versucht, etwas über die menschliche Liebe herauszufinden". Liebe, was sonst, bestimmt auch den Plot der ersten Oper Rossinis. Der Bey von Algerien Mustafà ist seiner Ehefrau Elvira überdrüssig, da wird ihm die Italienerin Isabella zugeführt. Tamara Gura blendet mit Mezzokoloraturen und graziösem Spiel, das Mustafà, den mächtig aufdrehenden Uwe Schenker-Primus, enthusiasmiert.

Doch Kratzer hört in Rossinis Musik (anders als bei Mozart) keinerlei Seelenregungen. Auch nichts musikalisch Fremdartiges, wie in der "Entführung", zum Thema Zusammenprall der abendländischen mit der orientalischen Kultur. Der Regisseur und sein Ensemble entwickeln eine brillant und zugleich drollig choreografierte Bildergeschichte mit Menschen und Affen, für die der Zuschauer mehr und mehr Sympathie aufbringt.

Aber auch für die um Isabella streitenden Männer, Lindoro, den tapferen Ziertenor Milos Bulajic, und den Verehrer Taddeo, den Alik Abdukayumov polternd gibt. Caterina Maier singt gelenkig die Elvira.

Der 25-jährige Dirigent Dominik Beykirch schickt die Weimarer Staatskapelle in Rossinis Dauerfeuer aus Spaß und Raserei. Tobias Kratzer aber weiß: "Ein Opernhaus kann über die Liebe vielleicht mehr aussagen als das Max-Planck-Institut."

© SZ vom 18.10.2016

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