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Oper:Kein Glühen, kein Rasen

Otello: Jonas Kaufmann (Otello), Gerald Finley (Jago), Anja Harteros (Desdemona)

Giuseppe Verdis "Otello" | Premiere: 23. November 2018 | Musikalische Leitung: Kirill Petrenko | Inszenierung: Amélie Niermeyer

Jonas Kaufmann (Otello), Gerald Finley (Jago) und Anja Harteros (Desdemona) im Nationaltheater.

(Foto: Wilfried Hösl)

Anja Harteros und Jonas Kaufmann singen - trotzdem gerät Giuseppe Verdis "Otello" nur zum Ehedrama.

Von Reinhard J. Brembeck

Der Held kehrt mürrisch heim. Gerade noch hat Otello, in München ein braver Beamter, die Türken besiegt und einem Seesturm getrotzt. Kein Wunder, dass sein Gruß ans jubelnde Volk, das er vor dem Islam gerettet hat, etwas lahm klingt. Er ist nicht nur vom Kämpfen erschöpft. Auch von seiner Ehe. Beunruhigt durch den Sturm wartet Desdemona auf ihn. Die beiden sind, das ist in München anders als bei Giuseppe Verdi, offenbar seit vielen Jahren verheiratet. Sie liebt ihn noch immer, er aber hat sichtbar die Liebe zu ihr verloren. Nur widerwillig ergibt er sich ihren Lockungen und Liebkosungen.

Die Münchner Neuinszenierung des "Otello", Verdis vorletzte Oper, ist der Publikumsmagnet der Spielzeit. Weil Jonas Kaufmann und Anja Harteros singen, weil Kirill Petrenko dirigiert. Also sind die Erwartungen maßlos, selbst Götter könnten sie nicht erfüllen. Außerdem passt "Otello" wegen des vorgestrigen Frau-Mann-Konzepts gar nicht mehr ins Heute. Sie ist die passiv arglos alles Erduldende, er der unbedarfte Macher und sich selbst nicht kennende Großsprecher.

Daher hat Staatsopernintendant Nikolaus Bachler, der Starsänger gern mit unkonventionellen Theatermachern zusammenspannt, eine Frau, Amélie Niermeyer, als Regisseurin geholt. Wohl in der Hoffnung, dass der derzeit beschworene weibliche Blick das Männerbefindlichkeitsstück "Otello" aufbrechen und die Frau aus ihrer Unmündigkeit befreien möge.

Statt des Liebesparadieses einer Brautnacht, gibt es hier nur eine Goldene Hochzeit

Niermeyer, in München ausgebildet und zuletzt Intendantin in Freiburg, bricht nach Kräften auf: Otello ist hier kein gealterter, ungebildeter schwarzer Ex-Sklave, der sich als Maurenschlächter an die Imperialmacht Venedig verkauft hat, und Desdemona kein blutjunges Girlie, das dem faden Großbürgerelternhaus durch die Flucht in die Arme des Exoten Otello entkommt. Niermeyer macht beide zum älteren Paar, sie eine Upper-Class-Lady ohne Aufgaben im Leben, er ein vom Job frustrierter weißer Militärstratege.

Weil beide Teil des Systems sind und nicht Außenseiter wie im Original, erzählt diese Beziehung nichts über die Gesellschaft und ihre Machtmechanismen. Weil die Beziehung von Anfang an gestört ist, weil da kein hemmungslos verliebtes Paar in der Hochzeitsnacht, sondern eine gediegene Goldene Hochzeit gezeigt wird, fehlt die Fallhöhe zwischen Liebesparadies und Beziehungsmord. Hier wird ein belangloses Ehedrama verhandelt, das Gerichte, nicht Opernhäuser beschäftigen sollte.

Niermeyer tut so, als gäbe es keine Flüchtlings- und keine Bildungsdebatte, und als wären 2016 nicht, das BKA machte die Zahl just publik, 149 Frauen durch ihre Männer ermordet worden. So gerinnt der konfliktträchtige Stoff zur aus der Zeit gefallenen Marginalie, die allein die Musik ins Zentrum stellt - und überfordert.

Gerald Finley zeigt den Intriganten Iago als kleinbürgerlichen Stammtischpsychologen. Seine Frau Emilia behandelt er wie eine Sklavin, wogegen sie, emanzipierter als Desdemona, aufbegehrt. Iago und Emilia haben sich nicht auseinandergelebt, sondern nie zusammengefunden. Denn Finleys Iago ist ein Vorstadtstenz, auf dessen Charme keiner lange hereinfällt. Er gibt den Menschenversteher, ist ein feiger und rachsüchtiger Kriecher ohne Gefühle oder Prinzipien. Bei Gerald Finley gehen Gesang und Spiel entspannt ineinander auf, in beiden Gebieten ist er ein Meister: agil, aufbrausend, berechnend, höhnisch, ängstlich, draufgängerisch, kleinlich.

Alles ist handwerklich stupend gemacht

Brillant der verkorkste Witz im Quartett, in dem Iago sich Desdemonas Taschentuch aneignet, um es dann zum lächerlichen, aber von Otello akzeptierten Kronzeugen für Desdemonas Untreue zu machen. Anja Harteros singt Desdemonas Unterwürfigkeit und Sanftheit, Jonas Kaufmann grummelt den zutiefst verunsicherten Otello. Iago und Emilia führen dazu einen Ehestreit, der jede komische Oper zu einem Meisterwerk machen würde. Das Gehacke geht ums Taschentuch, das von Hand zu Hand geht, am Boden landet, im Sessel und zuletzt doch in Iagos Verräterhänden. Das ist eine brillante Slapsticknummer, welche die Banalität von Iagos Machenschaften auf den Punkt bringt.

Doch die witzige Spielfreude mit doppeltem Boden ist nicht Sache der Stars Harteros und Kaufmann. Sie ist eine wunderschöne, stolze Frau, die Desdemonas Inbrunst, Gebete, Anschmiegsamkeit, Zartheit, Träume und Lebensferne ganz unsentimental in klare Töne fasst, sie unangestrengt in den Raum schickt. Harteros entwirft Desdemona als Kunstprojekt. Sie gibt nicht vor, Desdemona zu sein, sondern sie singt so, wie sich eine Vierzehnjährige fühlen muss, die sich schlagartig aus den Familienzwängen befreit hat, der ganz großen Liebe begegnet und nur noch Gefühl, Anbetung, Überhöhung ist.

Dieses grandios artifizielle Vorzeigen eines Charakters steht in unverbundenem Gegensatz zum Realismus der Amélie Niermeyer. Die Regisseurin zeigt Desdemona als reife Frau, ohne Beruf, immer auf den Mann wartend, immer um seine Liebe flehend. Warum ist Kaufmanns Otello von Anfang an so reserviert gegenüber seiner Frau? Nährt er schon länger den Verdacht, dass sie etwas mit Cassio hat? Allenfalls ein leicht sehnsüchtiger Blick, den Evan LeRoy Johnsons smart aufrechter Cassio zu Beginn auf Desdemona wirft, könnte darauf hinweisen. Aber, ach was, das ist alles nur Einbildung.

Jonas Kaufmann singt unter Aufgebot all seiner Stimmmittel. Er peitscht unter Hochdruck mächtige Hochtöne in den Raum, er fistelt Leises, singt stets geschmackvoll und dunkel, bindet die nicht immer unangestrengt gebildeten Töne korrekt aneinander. Das ergibt einen zutiefst unglücklichen Durchschnittsmenschen, dem alles im Leben längst grau ist. Diesem Otello fehlt das Ungezähmte, das intellektuell wie emotional Haltlose, die Raserei des Liebeswahnsinns, der Eifersucht und der Mordlust. Er ist intellektuell zu kontrolliert, um auf Iagos windiges Konstrukt hereinzufallen. Er ist gefühlsmäßig zu gehemmt, um zu solcher Wahnsinnstat fähig zu sein. Er ist zu wenig Soldat, um den Mord derart kaltblütig zu begehen. Zudem ist unverständlich, warum sich Harteros von einem ihr an Größe und Leidenschaft unterlegen Mann so brav erwürgen lässt.

Kirill Petrenko, das Staatsorchester und der Opernchor peitschen die auf der Bühne verkümmernden Leidenschaften wie Liebe und Hass ins Geschehen, sie sind verliebt in Zwischentöne, Brüchiges, Abgründiges. Die großen Klangtableaus machen den Grundfesten des Hauses zu schaffen. Alles ist handwerklich stupend gemacht. Aber eine neue packende Lesart weiß Petrenko genauso wenig zu bieten wie die Sänger oder die Regisseurin. Dieser Otello ist zahnlos.

© SZ vom 26.11.2018

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