Oper Inzest und Ehebruch: Man ist begeistert

Anno Schreiers Oper "Schade, dass sie eine Hure war" wurde in Düsseldorf uraufgeführt. Ein drastischer Stoff, handwerkliche Brillanz . . . und doch: Das Unerträgliche ist viel zu unterhaltsam . Schade.

Von Michael Stallknecht

"Es handelt sich um Inzest und Ehebruch - man ist begeistert", spottete einst Loriot über Richard Wagners "Walküre", in der bekanntlich ein Geschwisterpaar leidenschaftlich übereinander herfällt. Sehr ähnlich müsste das Resümee über Anno Schreiers neue Oper für die Deutsche Oper am Rhein lauten, die bei der Uraufführung in Düsseldorf ebenfalls auf freundliche Publikumszustimmung stieß. Der 1979 geborene Komponist schreibt neotonal, was nach dem Fall aller avantgardistischen Dogmen zwar kein Problem mehr ist - aber dennoch treibt es fast niemand so weit wie er. Die auffällige Liebe zum gut Hörbaren paart sich bei ihm mit einer fast ebenso auffälligen Liebe für krasse Stoffe. Wie in dem vor gut zwei Jahren im Theater an der Wien uraufgeführten "Hamlet", in dem er den von Shakespeare bekannten Stoff auf das Inzestmotiv zuspitzte.

Er schnitt der Moral seiner Zeit gezielt das Herz heraus

Beim Inzest ist er nun für seine neue Oper gleich geblieben, bei der englischen Rachetragödie auch. "Schade, dass sie eine Hure war" lautet der Titel eines Stücks von John Ford aus dem Jahr 1633, in dem ein Mädchen vom eigenen Bruder schwanger wird, woraufhin er ihr buchstäblich das Herz aus dem Leid schneidet. Das eigentlich Perfide an Fords Stück ist, dass diese Geschwister noch die sympathischsten, weil ehrlichsten Figuren in einer Welt sind, in der alle einander falsche Gefühle vorspielen - und der Mord allgemein der einfachste, angenehmste und bisweilen sogar ethischste Weg zur Beseitigung von zwischenmenschlichen Problemen ist. Ford schnitt der Moral gezielt das Herz heraus, was das schockerprobte englische Publikum seinerzeit unterhalten sollte.

Für die gut zweistündige Oper hat nun Kerstin Maria Pöhler ein Libretto daraus gemacht, das die Grundzüge der Handlung in einer gegenwartsnäheren Sprache beibehält. Auch Anno Schreiers Musiksprache dafür lässt sich als eigen beschreiben, wenn man im Namen einer verlängerten Postmoderne bereit ist, einen Zusammenschnitt aller möglichen Stile als eigenständige Handschrift zu verstehen. Von der Renaissance bis zum 20. Jahrhundert hinein zitiert er sich durch die Musikgeschichte, wobei er klassisch als höher Geltendes aus Oper und Lied munter mit klassisch als nieder Geltendem wie Tänzen und Schlagern aller Epochen verquirlt. Ausgespart bei den Zitaten bleibt nur die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, die für Schreier anscheinend nicht mehr zur Musikgeschichte zählt.

Die fraglose handwerkliche Virtuosität spürt man dabei in der Schnelligkeit der Stilwechsel einerseits, ihrer Instrumentation im traditionellen Orchesterapparat des 19. Jahrhunderts andererseits. Dirigent Lukas Beikircher hält im Graben denn auch schwungvoll das Rädchen am Laufen, während die Inszenierung von David Hermann das Kompositionsverfahren in Schauwerte überträgt. Auf offen verwandelter Bühne werden Versatzstücke verschoben, die ebenso wie die Kostüme Ästhetiken aller Jahrhunderte aufgreifen. Da Schreier penibel an den klassischen Stimmfächern festhält, kann die Deutsche Oper am Rhein hier zudem ihr exquisites Hausensemble zur Geltung bringen, ihren Mezzosopranstar Susan Maclean zum Beispiel in der Rolle der unterhaltsam vulgären Amme, der am Ende zu tändelnden Sechzehnteln à la Rossini die Augen ausgestochen werden.

Es sind Momente wie diese, in denen man spürt, was hier vielleicht hätte möglich werden können: die Maskenhaftigkeit der Musik so weit zu treiben, dass sie der Maskenhaftigkeit der Moral im Stoff entspricht. Nicht umsonst wird John Ford immer wieder mit Quentin Tarantino verglichen, der in seinen Filmen genau diese Unterhaltsamkeit des menschlich Unerträglichen auf die Spitze getrieben hat.

Leider doch nötig: Verdammungschor und Streichertremoli

Doch so weit zu gehen ist Anno Schreier leider nicht bereit, wie man spätestens in der zweiten Hälfte spürt. Da will er das Grauen nämlich doch eins zu eins der Musik einschreiben, wozu er auf die dafür auch bei Filmkomponisten beliebten Mittel wie einen wuchtigen Verdammungschor, Streichertremoli, hektisch kreischende Holzbläser oder unruhig pochende Dissonanzen setzt. Der Bruder (Jussi Myllys) darf mit einem hübsch tenoral gesungenen "Annabella" sein Leben verhauchen, nachdem er seine gleichnamige Schwester (Lavinia Dames) ermordet hat. Da schielt die Musik also doch auf echte Anteilnahme, ohne dass Schreier dafür sein heißlaufendes Handwerksrädchen auch nur einen Moment anhielte. Denn seine Musik kennt viele Brüche, aber nicht den, der unter künstlerischen Kriterien, in welchem Stil auch immer, der entscheidende bleibt: den, in dem Ambivalenzen entstehen, in dem das Uneindeutige, das Nicht-mehr-Beherrschbare sich Bahn brechen könnte.

Bei John Ford gibt es diese Brüche zuhauf, in denen auch der Zuschauer nicht mehr weiß, wo moralisch oben und unten ist. Anno Schreier dagegen kokettiert nur mit einem der bis heute größten Tabus der Menschheit, um ein auch für ein bürgerliches Opernpublikum bestens verdaubares Stücklein Musiktheater daraus zu machen.