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Oper:Die Vögel wussten es schon immer

Die Sprachverwirrung, die dem Turmbau zu Babel folgte, wird auf der Schwetzinger Bühne in Elena Mendozas Oper "Der Fall Babel" zu einer Frage der Verwirr-Perspektive: Der Würfel (Bühnenbild: Bettina Meyer) zeigt bei jeder Drehung eine neue Szene.

(Foto: Elmar Witt)

Wie aus Sprache Musik wird: die Schwetzinger Festspiele und "Der Fall Babel".

Von Reinhard J. Brembeck

Das Schönste in Schwetzingen ist nicht der Spargel, dafür ist diese 2 2 000-Einwohnerstadt bei Mannheim berühmt, es sind vielmehr die Vögel. Vor allem an einem ganz frühen Frühlingsmorgen, wenn sie den ins Morgenrot getauchten rötlichen Schlossbau bezwitschern. Sprechen die Vögel eine Sprache? Ist Musik eine Sprache? Ja, sagt die 1973 in Sevilla geborene und seit 25 Jahren in Deutschland lebende Komponistin Elena Mendoza. Das wurde ihr klar, als sie Ludwig Wittgenstein las. Musik hat - genau wie die Sprache - eine eigene Grammatik und Syntax. Aber anders als ein Autor wählt sich die Komponistin sowohl ihr Klangmaterial als auch die Regeln selbst. Und los geht das Spiel.

"Der Fall Babel" heißt denn auch Mendozas dritte Oper, die sie wie üblich zusammen dem Regisseur Matthias Rebstock in engster Synthese entwickelt hat und zum Auftakt der Schwetzinger Festspiele auf die Bühne des schlosseigenen Rokokotheaters gebracht hat. Am Tag danach geht die Sprachverwirrung weiter, kommt es zu einer "Konferenz der Vögel" im Mozartsaal. Wolfgang Katschner, Chef der Berliner Lautten Compagney, hat diesen weltberühmten Mystikklassiker des Farid ud-Din Attar in ein Erzählkonzert verwandelt, mit Mittelalter-, Renaissance- und persischer Musik angefüttert. Pegah Ferydoni, in Teheran geborene, mit der Familie früh aus dem Iran emigrierte Schauspielerin, erzählt zweisprachig, auf Deutsch und wenige Verse im persischen Original, wie die Vögel sich auf die anstrengende und viele abschreckende Suche nach ihrer Königin, der Simurgh, (hier darf der mystische Vogel weiblich sein) machten.

Für die Komponistin Elena Mendoza prägt Zweisprachigkeit ihr Leben. So hat sie sich auch für ihre Oper drei Autoren gesucht, bei denen das genauso ist, die in ihren oft surrealen Texten Sprache und Übersetzung zum Thema gemacht haben. Yoko Tawada, die auf Japanisch und Deutsch schreibt, erzählt zum Beispiel von einer Deutschjapanerin, die Afrikaans lernt, weil das die ihr bisher unverständliche Sprache ihrer Träume ist.

Fabio Morábito, von Italien nach México emigriert und spanisch schreibend, erzählt von einer weltabgeschlossenen und auch sonst versponnenen Übersetzerfamilie, die von der Konkurrenz ausgelöscht wird. Und Cécile Wajsbrot, Tochter von Juden, die aus Polen geflüchtet sind, erfindet schließlich eine jüdisch-französische Frau, die Deutsch, die Sprache (auch) der Nazi-Mörder lernt, um sich so dem Jiddischen zu nähern, der Sprache ihrer Vorfahren.

In diese Reihe hätte auch Pegah Ferydoni gepasst, aber die spielt nicht mit in "Babel", sondern darf in der "Konferenz der Vögel" ihre eigene Geschichte erzählen: Als Kind exiliert und zudem als Künstlerin kann sie nicht in den Iran reisen. Nur mit dem Flugzeug drüberfliegen und träumen von Attar, Rumi, Hafez, Nizami, aber auch von einer parlamentarischen Demokratie, die Attar schon mal recht elitär angedacht hat. Wolfgang Katschner gibt sich verblüfft, wie nah sich die grundsätzlich einstimmige persische Musik und die alten europäischen Tanzsätze, die Estampien und die Basses Danses, sind. Weshalb seine Lautten Compagney überhaupt keine Probleme hat, den von Schlagzeuger Jawad Salkhordeh und dem Kamanche-Spieler (Kamanche ist die persische Stachelgeige) Alireza Mehdizadeh angestimmten persischen Stücken zu folgen, das gilt auch umgekehrt.

Da wird schon ein wesentlicher Unterschied klar. Während Sprache Übersetzung braucht, kann Musik darauf verzichten. Das ist auch in Mendozas Stück so. David Luque rezitiert, von drei Schlagzeugern, den einzigen Musikern in dieser Oper begleitet, die Übersetzer-Club-Geschichte auf Spanisch und muss übertitelt werden, was auf der charmant chaotischen Krusch- und Drehbühne altmodisch vordigital mit auf- und abgewickelten Papierrollen geschieht. Die zwölf Sänger der Schola Heidelberg klöppeln sich mit allerlei Küchen- und Handwerksgerät ihre Rhythmen selber, die Afrikaans lernende Ayano Durniok dialogisiert mit einem Schlagzeuger, Liveelektronik mischt verfremdend mit und Dirigent Walter Nußbaum hält alles federnd am Laufen.

Beiden Abenden eignet Utopisches. Beide erkunden Texte jenseits des Mainstreams, die sie ohne jede Eitelkeit und ohne jede Besserwisserei einem Laienpublikum verständlich machen und übersetzen wollen. Das scheint zu gelingen, der Beifall ist in beiden Fällen groß, nach "Babel" gibt es gar frenetisches Gejohle. Die Übersetzung gelingt in beiden Fällen, weil die Musik die Schärfe des vom von den Texten ausgehenden Diskurses mildert und zudem mit zusätzlichen Sinnschichten spielerisch anreichert. Und Mendozas Rhythmen sind bei aller individuellen Schreibart genauso archaisch und vorindividuell wie die Mittelaltertänze und persischen Stücke.

Niemand wird sich der Magie in Attars Text entziehen können, wenn die 30 überlebenden Vögel zuletzt feststellen, dass sie selbst die Simorgh sind, die unter riesigen Mühen gesuchte Königin. Über den Sinn dieser Parabel kann man genauso lange nachdenken wie über die drei Parabeln, die Mendoza in "Babel" zusammengeführt hat. Aber das bedeutet Denken und somit Arbeit. Die Musik ist da weiter und den Texten schon immer weit voraus. Sie erfordert kein Denken. Sie öffnet die Fantasie, sie evoziert Vorstellungen, Bilder und Räume, sie macht träumen. Sie braucht zudem, anders als die Texte, keine Übersetzung. Das, was Musiker beim Spielen der Partitur machen, ist nicht Übersetzung. Sondern Realisation, Materialisation.

In der Musik erkundet man Räume, die den Texten verschlossen bleiben

Texte setzten die Bereitschaft des Rezipienten zum aktiven Weiterdenken voraus. Musik wirkt sehr viel unmittelbarer. Sie reißt den Hörer hin und fort in ihm unbekannte Bereiche des Fühlens. So erkundet er sich selbst, erfährt etwas über sich, gerät in innere Räume, die ihm zuvor verschlossen waren. Das leistet die Musik sowohl in der "Konferenz der Vögel" als auch im "Fall Babylon". Zudem lässt Musik Differenzen verschwinden. Sie nimmt Schlagzeugklänge wie Tombak-Rhythmen auf, Sprechtexte, Altposaunenzartheiten, verzerrte Stimmen, Lautentöne. So unterschiedlich das alles ist, es wird vom Hirn immer emotional decodiert und so in ein- und dasselbe Tableau verschmolzen.

Zudem kennt Musik, die in der Zeit abläuft, paradoxerweise keine Zeit. Alles, was in ihr geschieht, reichert sich als gleichzeitig in der Erinnerung an. Je mehr geschieht, umso reichhaltiger und faszinierender ist die Erinnerung. Deshalb kann Musik gesellschaftliche Utopien formulieren und die beiden Schwetzinger Abende tun das auch. Schillers "Alle Menschen werden Brüder" wird durch die Zusammenstellung der Texte, durch das Zusammenspiel von Künstlern aus den verschiedensten Kulturen musikalisch eingelöst. Die Schwetzinger Vögel aber zeigen sich am nächsten Morgen vor dem Schloss seltsam unbeeindruckt von dieser Botschaft ihrer Musikerkollegen in ihren geschützten Räumen. Es ist so, als hätten sie das schon immer gewusst.

© SZ vom 29.04.2019

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