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Oper:Die Tragödie des Menschseins

Salzburg

Ödipus wird ungewollt und ahnungslos zum Vatermörder und Muttergemahl: Christopher Maltman in George Enescus Oper „Œdipe“.

(Foto: SF/Monika Rittershaus)

Dem Regisseur Achim Freyer glückt in Salzburg die Oper "Œdipe" von George Enescu.

Achim Freyers Ödipus-Bühne in der Felsenreitschule liegt im Dunkeln, als die Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher die spätromantisch herben Klangfelder des rumänischen Komponisten George Enescu (1881 - 1955) zu formen beginnen. Auf der Bühne zuckt ein strampelndes Baby mit übergroßem Kopf, irrlichtern verstreute Schemen von allerlei Gestalten um die verhüllten, später bunt aufleuchtenden Felsarkaden. Die Kindheit des Vatermörders Ödipus enthüllt sich wie ein Traum - scheinbar kein Gedanke an den "Ödipuskomplex", mit dem Sigmund Freud das Geheimnis der ersten sexuellen Regung unserer Kindheit aufhellte, die Tat-sache, dass wir den Vater morden, die Mutter heiraten wollen.

Diese Felsenreitschule ist der magische Ort der Salzburger Festspiele. Der ideale Raum für Achim Freyer, den Maler, Regisseur und universalen Bühnenkünstler. Mit seinen 85 rüstigen Jahren hat er nun, die Interpretation und Bebilderung der Oper dynamisierend, eine sechs Meter hohe Skulptur entworfen und vor dem Festspielhaus postiert, die seinen Anspruch als Schöpfer mythischer Gleichnisse und Zeichen untermauert. Sie besteht aus jenen Requisiten und Teilen des Bühnenbilds, die für die Aufführung nicht gebraucht wurden: "Ich hasse diese heutige Wegwerfgesellschaft", sagt er.

Freyer, dessen Salzburger "Zauberflö-te" unvergessen bleibt, ist in der Tat der Mann fürs "Große Salzburger Weltthea-ter", wie Hugo von Hofmannsthal sein für die barocke Kollegienkirche geschaffenes Mysterienstück nach Calderón nannte. Gegen den handfesten "Jedermann" hatte es keine Chance. "Welttheater" als die geistige Ambition der 1920 gegründeten Festspiele: Die Heroen und Clans der griechischen Antike geben bis heute den Ton an, also Idomeneo und Medea, Orpheus und Ödipus. Und die Mythen treffen ins Schwarze: Krieg und Flucht, Schuld und Rache, Sühne, Opfer, denkbare Versöhnung. Die Mythen sind für Salzburgs Intendanten Markus Hinterhäuser die "Archive der Welterkenntnis". Sie sollen das Fürchten lehren und in Schönheit glänzen.

Achim Freyer hebt die Handlung in eine bilderreiche philosophische Dimension

So will es die einzige, leider zu selten aufgeführte Oper "Œdipe" des Meisters George Enescu, an der er zwanzig Jahre lang schrieb, ehe sie 1936 an der Pariser Oper uraufgeführt wurde. Enescu und sein Librettist Edmond Fleg hielten sich, mit Freiheiten, an die beiden Dramen des Sophokles, welche die grausige Lebensgeschichte des Ödipus wie ein böses Märchen erzählen. Wie aus dem Kind der Mann wird, dessen Schicksal der Seher Tiresias im Voraus verkündet, wie er die rätselhafte Sphinx besiegt mit der Antwort - "Der Mensch" - auf deren Frage, was stärker sei als das Schicksal. Wie er, nun König dort und, unwissend, mit seiner Mutter Jocaste verheiratet, durch die ausgebrochene Pest in Bedrängnis gerät. Wie Ödipus in einem unerhört dramatischen Wortgefecht mit Tiresias und dem hellsichtigen Volk sein furchtbares Schicksal als Vatermörder erkennt und sich die Augen zersticht - der Bildmystiker Achim Freyer hebt all diese Handlungselemente des Dramas auf die Ebene mythisch-poetischen Entzugs der Realität, hinein in eine bilderreiche philosophische Dimension.

"In einem Kunstwerk suche ich den Kosmos unseres Lebens, das Sein des Menschen von der Geburt bis zum Tod", hat Freyer gesagt. So können seine Personen zu Chiffren einer zauberischen Innenwelt werden, wo zum Beispiel die beharrliche Langsamkeit des Schreitens und Gestikulierens der Figuren eine betörende, im Zusammenklang mit der Musik Energie des Soghaften entstehen lässt. Freyers Kostüme machen sie erst recht zu Traumgestalten exzentrischen Farbenrauschs - Jocaste als nachtblau flatterndes Geisterwesen, Créon in flammendem Rot, Tiresias als blind-clownesk tapsende Monumentalfigur alle überragend.

Und wie der Regisseur die Bühne in ihrer enormen Breite mit geisterhaften Bewegungsschüben füllt, die Chorverdichtungen in bannendes Straucheln bringt, wie er die Salzburger Felsenarkaden in wechselhaft mit Figuren bestückte, in immer neu hell werdende Veduten verwandelt, all das ist seiner überquellenden Fantasie, genauso seinem überlegenen, in Jahrzehnten gereiften Handwerk geschuldet.

George Enescus "Œedipe", dieser Solitär, ist ein Unikum des Zusammenklangs von Trauerspiel, Sinnbild, Lehrstück und tiefem Geheimnis. Der Komponist hat seine Oper in vier Akten in die Tradition der französischen Tragédie lyrique versetzt, der deklamatorisch gesungene oder in Sprechgesang fallende Text braucht keine Arien, er dringt in der Unmittelbarkeit seiner Wortmacht direkt, ohne Kunstverzierungen, zum Hörer.

Ingo Metzmacher vermag die aufgefächerte Klangfarbenfülle unter einen Bogen zu bringen

Überragend und bewundernswert, wie Bariton Christopher Maltman die Riesen-rolle des Ödipus mit stimmlich und geis-tig nicht ermüdender Wucht, doch immer wieder lyrischer Inbrunst aufladen kann. Oder wie er Freyers spielerische Ironie, die dem endlich zur Macht gelangten Ödipus rote Boxerhandschuhe und -shorts verpasst, mit Lust verkörpert. Dass die Ödipus-Oper Enescus ein "Monodrama mit Nebenpersonen" darstelle, wie der bedeutende Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal meinte, hat gerade bei Christopher Maltman zumindest einen wahren Kern. So plastisch durchgebildet und gesungen auch der Tiresias von John Tomlinson, die sich selbst mordende Jocaste von Anaik Morel, der Créon von Brian Mulligan oder die Sphinx von Eve-Maud Hubeaux auch sein mögen. Für die Sphinx hat sich Freyer freilich bildhafte Spekulationen geleistet, die bei aller Kontrastlust fast monoton wirken.

Die Idee und der Klang des Symphoni-schen, aus einer eigenwillig modernen Spätromantik heraus, tragen die Oper in ihrer ganzen musikalischen Kraft und Vielschichtigkeit. Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern gelingt es grandios, den Reichtum des Melodischen und die harmonischen Kühnheiten, die diffizile, dabei oft kammermusikalisch aufgefächerte Klangfarbenfülle des riesig besetzten Orchesters, unter einen durchgehenden Bogen, in langen Atemzügen, zusammenzufassen. Unbedingt fesselnd, zumal wenn man sich nach einer Weile in Enescus schimmernde Klangidiomatik "eingehört" hat, ist diese Musik in ihrem sehr eigenen Aufbau und Stil, in dem Wagner und Brahms, Debussy, Skrjabin und sogar der Neoklassizismus plus rumänischer Folklore den Erfahrungsuntergrund bilden. Und die der Symphonik Mahlers ebenbürtig ist.

Anders als bei der Frankfurter Inszenie-rung des "Œdipe" 2013 durch Hans Neuenfels, der den vierten Akt nach Sophokles' "Ödipus auf Kolonos" opferte, um den erblindeten Mann ins Elend, höchstens in die Hoffnung, zu schicken, plädiert Achim Freyer für die komplette Oper. Also Nahtod und Verklärung: Zu George Enescus mirakulös sublimer Musik erreicht Ödipus, geleitet von Tochter Antigone, das Lebensziel - Alter, Friede, Tod. Er sei "ein spartanischer Theatermacher" sagte Achim Freyer dieser Tage in Salzburg: "Ödipus, das sind wir selbst".