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Klassik:Im Lavastrom

Oksana Lyniv im Münchner Herkulessaal.

(Foto: Astrid Ackermann/BR)

Oksana Lyniv zeigt mit den BR-Symphonikern im Münchner Herkulessaal, warum sie zur Zeit eine der weltweit begehrtesten Dirigentinnen ist. Nächstes Jahr wird Lyniv die erste Frau überhaupt sein, die jemals in Bayreuth dirigiert.

Von Reinhard J. Brembeck

Wie ein Derwisch tanzt Oksana Lyniv im Münchner Herkulessaal die Tarantella. Die schlanke junge Frau im schwarze Hosenanzug mit einer goldenen Leibbinde wirbelt im Rhythmus der entfesselten Musik herum, sie heizt sie an, formt jedes Motiv, jede harmonische Ausweitung mit Gesten nach. Oksana Lyniv, geboren 1978 in der Ukraine, ist Dirigentin. Im Livestream dirigiert sie das Finale von Felix Mendelssohns beliebtester Sinfonie, der "Italienischen". Hinter ihr der leere Münchner Herkulessaal, vor ihr die BR-Sinfoniker, die die ohnehin rasanten Tonwiederholungen und Läufe fast schon am Anschlag spielen.

Nicht nur in dieser enthemmten Tarantella vergisst der zuschauende Zuhörer die Leere. Dass da überhaupt kein Publikum ist. Die Musiker dieser Liveaufführung müssen sich anfangs noch etwas zurückhaltend und recht brav in Wolfgang A. Mozarts Sinfonia concertante hineinspielen. Doch in der "Italienischen" verlieren sie dann alle Hemmungen. So können Livekonzerte in Seuchenzeiten gestreamt begeistern. Auch wenn man allein daheim vor dem Computer oder dem Fernseher hockt, der Klang im Vergleich zum Originalsound im Herkulessaal etwas scharf ist und die Lautstärkeneruptionen im eigenen Wohnzimmer allzu zahm daherkommen: die Nachbarn!

Dass dieses Fake-Konzert, das noch unter www.br-so.de zu erleben ist, wider Erwarten begeistert, liegt an der derzeit überall gern beschäftigten Oksana Lyniv. Sie wird nächstes Jahr die erste Frau sein, die bei den Bayreuther Festspielen (so sie denn stattfinden) überhaupt dirigieren wird. Lyniv hält stets eine lächelnde Distanz zu Musik und Musikern, selbst wenn sie sich völlig verausgabt. Nie spielt sie ihr Ego hemmungslos in den Mittelpunkt. Sie liebt zügig flexible Tempi, sie entdeckt oft noch in den heitersten Passagen Spuren von Schmerz, und zielt auf eine Klarheit, in der feine Schatten immer von Geheimnissen künden, von Verwerfungen, Tragödien.

Im "Zorn Gottes" kommt die ganze Welt ins Rutschen

Das waren ideale Voraussetzungen dafür, dass Lyniv vor drei Wochen beim Festival Wien Modern die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas zwanzigminütigem Orchesterwerk "Der Zorn Gottes" im Wiener Musikvereinssaal ohne Publikum im Livestream dirigieren konnte. Der Österreichische Rundfunk sendet das Konzert an diesem Donnerstag um 19.30 Uhr (Ö 1). Die 89-jährige Sofia Gubaidulina gehört zu den erfolgreichsten Komponistinnen, seit der Geiger Gidon Kremer ihr Konzert "Offertorium" im Westen populär machte. Sie ist tief religiös, das inspiriert viele ihrer Werke, die die russische Romantik eigenständig herb in unsere Zeit verlängern, so auch im "Zorn Gottes". Hier kommt die ganze Welt ins Rutschen, die Tektonik der Kontinente kracht zusammen, urweltliche Lavaströme versengen das Leben.

Oksana Lyniv und die ORF-Sinfoniker rühren für Gubaidulina einen kraftstrotzenden und von Jähzorn inspirierten Ausbruch an, der den leeren Musikvereinssaal genauso zu zerbersten droht wie jetzt Mendelssohns Tarantella den Herkulessaal. Oksana Lyniv ist eine Spezialistin für elegant eingefädelte Menschheitskatastrophen. Das macht sie zur Musikerin der Stunde, und diese ihre vulkanische Intensität ist sogar in ihren Livestreams beängstigend großartig. Bravissima!

© SZ/rueh
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