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Igor Levit im Münchner Konzert:Vor der großen Pause

Mäkela Saal

Mäkela Saal Mäkela Saal.

(Foto: Astrid Ackermann/BR)

Das letzte Münchner Konzert vor dem Lockdown geben die BR-Sinfoniker mit dem Pianisten Igor Levit und dem jungen Dirigenten Klaus Mäkelä. Ein seltener Glücksfall für die fünfzig Zuhörer.

Von Reinhard J. Brembeck

Kein Musiker kann alles. So befremdete der geniale Dirigent Kirill Petrenko, als er an der Bayerischen Staatsoper Wolfgang Mozart (zu harsch) machte, so langweilte der große Schumann- und Ravel-Spieler Walter Gieseking - er stand wie Wilhelm Furtwängler auf der "Gottbegnadeten-Liste" der Nazis - mit megaharmlosen Mozart-Sonaten, so kenterte der Wagner-Apostel Christian Thielemann romantisch pompös im Mozart- Requiem, so leidet die Aufnahme der drei da-Ponte-Opern von Teodor Currentzis unter teils befremdlichen Sängern. Diese Reihe lässt sich lang fortsetzen. Dass sich hier nur Mozart-Missverständnisse finden, ist kein Zufall. Mozart ist zwar übermäßig populär, wird aber gerade von berühmten Musikern meist nur mittelmäßig aufgeführt. Viele fremdeln angesichts dieser an der Oberfläche recht einfach wirkenden Musik, die sich jeder Interpretenwillkür widersetzt. Doch dem Pianisten Igor Levit gelang am Donnerstag im Münchner Herkulessaal eine grandiose Aufführung von Mozarts Klavierkonzert KV 271. Im letzten Konzert der Sinfoniker des Bayerischen Rundfunks vor dem am Montag beginnenden bundesweiten Kultur-Lockdown. Nun ist der 33-jährige Levit nicht für sein Mozart-Spiel berühmt, sondern für seine Darbietungen des zupackenderen und leichter zu bewältigenden Ludwig van Beethoven. Dass Levit bei Beethoven nicht nur Sternstunden kennt, das ist in seiner beachtlichen, aber nicht vollauf überzeugenden Sonaten-Box zu hören. Aber wie gesagt: Kein Musiker kann alles. Dafür ist Levit als Musiker nicht nur leidenschaftlich, sondern auch tollkühn.

Aufgrund einer im Alleingang erlassenen Verfügung von Bayerns Landesvater Markus Thomas Theodor Söder, der sich seit einiger Zeit als Fürst der Kulturfinsternis geriert, musste der Bayerische Rundfunk alle Karten für dieses Konzert zurückziehen und durfte nur mehr 50 Zuschauer in den Herkulessaal assen. Die Stimmung dabei ist düsterer als bei einem Requiem, der Beifall schütter bis unhörbar. Doch der erst 24 Jahre alte Dirigent Klaus Mäkelä lächelt die Leere tapfer weg. Das Lächeln seiner Musiker ist etwas gequälter, sehen sie doch tristen musik- und arbeitsfreien Wochen, wenn nicht Monaten entgegen.

Der Beifall des winzigen Publikums ist schütter bis nicht hörbar

Mäkelä kann sehr viel. Seine Bewegungen sind fließend und mitreißend. Er hat zwei virtuose Streicherstücke um das Mozart-Konzert drapiert, Béla Bartóks "Divertimento" und Igor Strawinskys "Concerto in D". Mäkelä liebt einen vollsinfonisch romantischen Klang, was bei diesen dezidiert antiromantischen Stücken leicht deplatziert wirkt. Gerade die ernsten und abgründigen Momente kommen bei diesem Dirigenten bislang zu verspielt daher. Zudem rundet Mäkelä Rhythmen, Schroffheiten und Kanten ab, und darauf setzten Strawinsky und Bartók gleicherweise. Alles wirkt so, als würde Mäkelä derzeit noch vor dem großen brutalen Ernst der Kunst zurückschrecken, der unabdingbar ist, um ein Publikum von der Relevanz und Welthaltigkeit dieser oft sperrigen Stücke zu überzeugen.

In Mozart erstem überragenden, für Louise Victoire Jenamy (von frühen Forschern zu "Jeunehomme" verballhornt) geschriebenen Klavierkonzert in Es-Dur glaubt man dann allerdings, in eine ganz andere Aufführung geraten zu sein. Jetzt bestimmt Levit das Geschehen: unaufdringlich, elegant, flexibel, feurig. Er führt jetzt auch bei Mozart und im Einklang mit dessen ästhetischen Prinzipien vor, wie Gesellschaft im Idealfall funktionieren sollte. Er zeigt durch die Art seines Klavierspiels, wie das Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Genie und Alltagsmenschen, Vorgesetzten und Untergebenen aussehen sollte. Der Solist gibt dabei den Takt vor, daran lässt Levit keinen Zweifel. Aber er gängelt oder bevormundet niemanden. Er hört immer zu. Und wenn Mozart es fordert, verschwindet er als Solist hinter dem Orchesterklang.

Levit spielt lächelnd, oft versonnen. Er dampft und schwitzt nicht. Er versucht nie, auf Biegen und Brechen etwas Originelles in diesem so bekannten Stück zu finden. Er führt sein Gesellschaftsmodell als ein für Jedermann leicht Nachzumachendes vor: So schön und so leicht kann das Miteinanderleben sein. Eine Utopie? Ganz sicher. Aber Kunst gibt, so sie auch nur halbwegs gelingt, den Menschen solche Utopien, damit sie Kriege, Hass, Tod, Trauer und auch einen Lockdown ein wenig leichter ertragen können.

Die Außensätze sind eine übersprudelnde Liebeserklärung. Levit, Mäkelä, die BR-Musiker treffen das wundervoll leicht. Der langsame Mollsatz dazwischen ist da ein Fremdkörper in seiner Weltverlorenheit, in seiner Einsamkeit, seinem Schmerz. Wie immer bei langsamen Sätzen ist Levit hier ganz bei sich. Im Finale schafft Mozart das Wunder der Integration durch den genialen und verblüffenden Einschub eines verspielt nachdenklichen und langsamen Menuetts in den Schlussjubelrausch. Das versöhnt. Vielleicht, denkt man als Kritiker dann beim 50-Menschen-Beifall, gibt es doch Musiker, die alles können. Und da das nicht Levit ist, er spielt als Zugabe "Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ", muss es wohl Mozart sein.

© SZ vom 31.10.2020
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