Theater:Es werde Licht

Lesezeit: 4 min

Honorarfrei bei Creditnennung, nur für die Produktion.    Oedipus

Lichtshow: "Oedipus" in der Inszenierung von Ulrich Rasche, mit Julia Windischbauer, Enno Trebs, Linda Pöppel, Toni Jessen, Yannik Stöbener und Elias Arens.

(Foto: Arno Declair)

Ulrich Rasche inszeniert "Oedipus" am Deutschen Theater Berlin als ekstatisches Cluberlebnis.

Von Anna Fastabend

Sie sind faszinierend: Die Lichtkreise, die durch Schwarzraum und Nebel schweben, erst einer, dann werden es immer mehr, mal liegen sie über dem Geschehen, dann kippen sie in die Senkrechte, bewegen sich aufeinander zu, legen sich ineinander, überschneiden sich. Wie Wesen aus einer anderen Galaxie wirken sie, die gekommen sind, um zu uns zu sprechen, aber nicht mit Worten oder Gesten, sondern mit ihrem anmutigen Tanz und sich veränderndem Licht. Mal leuchten sie in gleißendem Weiß, dann in Azurblau, Orange, Blutrot und deuten so schon ein Geschehen an, das schlimm beginnt und in einer Tragödie endet.

Zu Theaterabenden von Ulrich Rasche pilgern manche wie in einen guten Technoclub

Aufgeführt wird am Deutschen Theater Berlin Oedipus von Sophokles in einer Übertragung von Friedrich Hölderlin, und zwar von keinem Geringeren als Ulrich Rasche, zu dessen Abenden manche Menschen ja pilgern wie andere in einen guten Technoclub. Weil sie sich von seinem Maschinentheater in einen tranceartigen Zustand versetzen lassen und so an tiefere Bewusstseinsschichten herankommen wollen, als es in unserem hyperfragmentierten Alltag möglich wäre.

Nach dem Sarah-Kane-Stück "4.48 Psychose" ist "Oedipus" Rasches zweite Inszenierung an dem Haus und eine Hommage an das antike Theater des Dionysos, das zugleich religiöse Kultstätte als auch Selbstvergewisserung der frühen Demokratie war. Hier wurde die Tragödie eines Mannes, der aufgrund eines Fluches der Götter erst unwissend seinen Vater tötet und dann unwissend seine Mutter ehelicht, zum ersten Mal aufgeführt.

Oedipus sucht nach einem Täter, der er letztlich selber ist

Jener allseits bekannte Mythos ist die Grundlage für Sophokles' Untersuchung von Herrschaft und Verantwortung, Freiheit, Schicksal und Schuld. Die Handlung setzt ein, als in der Stadt Theben, in der Oedipus nach seinem Sieg über die Sphinx zum Herrscher gekürt wurde, die Pest wütet und er nun verzweifelt nach einer Ursache für das Dahinsiechen sucht. Das Orakel gibt eine Antwort, die vieles bedeuten kann. Oedipus aber interpretiert sie so, dass die Misere menschengemacht sei, also von der Ermordung des vormaligen Herrscher herrühre, dessen Täter noch immer nicht gefunden ist. Und so macht er sich aller Widerstände seiner Untergebenen zum Trotz auf die Suche nach diesem Täter, der er letztlich selber ist.

Es ist eine verbohrte, zwanghafte Suche, die von dem Umgang mit der Pest wegführt und zur egoistischen Selbstzerfleischung eines Mannes wird, der irgendwann nur noch Verräter um sich herum sieht, die ihn entmachten wollen. Diesem unzählige Male aufgeführten Niedergang wohnt man nun auch bei Rasche bei, jedoch in einer aus allzu weltlichen Zusammenhängen gerissenen Form, wie sie auch im antiken Griechenland praktiziert worden sein könnte. Mit artifiziellen Choreografien und instrumentaler Musik, die nur dazu da sind, diesen altertümlich klingenden Text direkt in den Körper zu transportieren, wo er nachhallt, wie das Gewisper eines schlechten Traums.

Die Drehbühne rotiert fast lautlos gegen den Uhrzeigersinn. Sie ist die sanfte, aber unerbittliche Gegenströmung, der alle neun Darsteller dieses Abends ausgesetzt sind, doch sie gehen langsam, ja stoisch dagegen an. Sie tragen von Clemens Leander ausgewählte lange schwarze Röcke, trägerlose Leibchen oder transparente Longsleeves, die sich wie ein Trauerkorsett um ihre makellosen, athletischen Körper legen.

Die Darsteller sind weniger Charaktere als Transporteure einer Sprache, die rhythmisch ist und artifiziell. Die Sprache folgt dem Takt der Schritte, der Musik. Es wirkt, als werde sie unter großem Leidensdruck hervorgepresst, jedes Wort ein Kraftakt, auf den ein weiterer folgt.

Rasches Inszenierung wirkt seltsam zeitlos - die Zeitlosigkeit ist aber ihre Stärke

Dabei sind sie immer in Bewegung, aber sie bewegen sich nicht natürlich. Die Arme halten sie seltsam abgespreizt, denn es gibt keine Requisiten, die zu greifen wären, keine Sätze, denen man durch eine ausladende Handbewegung zu mehr Bedeutung verhelfen könnte. Nur einmal kommen die Hände zum Einsatz, als Manuel Harder, der den Oedipus spielt, seinen einstigen Berater und vermeintlichen Feind Kreon alias Elias Arens erwürgen will, doch auch diese Geste ist bloß angedeutet.

Manuel Harder (als Oedipus) während der Fotoprobe für Oedipus im Deutschen Theater Berlin, 25. August 2021. // Von Soph

Heiliger Ernst oder popkulturelle Anspielung? Manuel Harder als Oedipus.

(Foto: Martin Müller/imago images)

Harder spielt seinen Oedipus mit großer Wucht, die er vor allem in seine Stimme legt, ja legen muss. Dabei sind die messerscharfen S-Laute von einer Aggressivität, die sich auf einem schmalen Grad bewegt. So kommt es vor, dass einen die mäandernden Gedanken aus diesem referenzarmen, einen heiligen Ernst gebietenden Raum in popkulturelle, ironischere Gefilde entführen. Bilder vom "Highlander" schleichen sich ein und anderes, und dann kippt der Abend ins Parodistische.

Rasches Inszenierung wirkt seltsam zeitlos in einer Zeit, in der die Welt mal wieder unterzugehen scheint, und diese Zeitlosigkeit ist auch ihre Stärke. Denn so wie Rasche den Urstoff präsentiert, ist man ganz auf seinen Kern zurückgeworfen, auf einen Menschen, der seinem Schicksal nicht entfliehen kann, egal wie sehr er sich bemüht.

Wenn sich allzu Realistisches einschleicht, flacht die Inszenierung ab

Es gibt viele Interpretationen dieses Mythos. Und natürlich könnte man jetzt alles Mögliche in Rasches Version hineinlegen, also die Pest mit dem Coronavirus gleichsetzen, wie es das Programmheft getan hat, oder seine Entscheidung, den blinden Seher Teiresias mit einer Frau zu besetzen, die Oedipus seine eigene Blindheit vor Augen hält, als Statement dazu verstehen, dass ein Mitschuldiger das Patriarchat nicht beenden kann, ohne sich selbst abzuschaffen. Aber das wäre viel zu eindeutig für einen Abend, der das Unterbewusste ansprechen will. Und so flacht die Inszenierung auch immer dann unschön ab, sobald sich allzu Realistisches einschleicht, wenn die Konflikte trotz aller Abstraktion ins Szenische abgleiten.

Doch dann findet sie in den drei Stunden immer wieder zu ihrer eigentlichen Stärke zurück, die in der enormen Sogkraft des stimmgewaltigen Chores liegt. Wie fast der gesamte Abend ist auch er von den von Nico van Wersch komponierten Klängen eines vierköpfigen Musik-Ensembles unterlegt, das live im Orchestergraben Streich- und Zupfinstrumente, Schlagwerk und Synthesizer bedient und damit einen epochalen Sound kreiert, der sich in den besten Momenten in ein Gefühl des überirdischen, alles reinigenden Glücks entlädt.

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