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Roman-Debüt von Ocean Voung:Vom Leben als Produkt des Krieges

Ocean Vuong in New York.

Wechselt im Text zwischen Prosa, Essay und Gedicht: der 1988 geborene Ocean Vuong.

(Foto: CELESTE SLOMAN/The New York Time)
  • Ocean Vuong entwickelt mit seinem Debüt "Auf Erden sind wir kurz grandios" eine völlig neue Form politischer Literatur.
  • Es handelt davon, wie der Krieg die Körper verhärtet und die Seelen verstört - und von einem jungen Leben in der strukturell gewalttätigen Gesellschaft der USA.

Ausnahmsweise mal ein Anfang auf Englisch: "An American soldier fucked a Vietnamese farmgirl. Thus my mother exists / Thus I exist. Thus no bombs = no family = no me." So fasst der 1988 in Saigon geborene New Yorker Dichter Ocean Vuong seine Familiengeschichte zusammen, in dem Langgedicht "Notebook Fragments". Es steht in seinem dritten Gedichtband "Night Sky with Exit Wounds" (2016), der in den USA mehrfach ausgezeichnet und bislang in für neue Lyrik sagenhafte zehn Länder verkauft wurde. Auch in deutscher Sprache erscheint er bald, mit Versen wie diesen: "I didn't know the cost / of entering a song - was to lose / your way back. // So I entered. So I lost. / I lost it all with my eyes // wide open."

Selbst wenn man des Englischen nicht so mächtig ist, dass man Gedichte tief ergründen könnte, spürt man die Kraft solcher Zeilen, ihren Rhythmus und ihre Souveränität, ihr Bewusstsein für mythische Sprechweisen, für Traditionen. Und man spürt die Energie ihres Neuanfangs. Hier spricht einer, der etwas erkannt, angenommen, überwunden hat: "Here. That's all I wanted to be" - "Hier. Das ist alles, was ich sein will".

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Den Weg zu diesem "Hier", das eben nicht selbstverständlich ist, beschreibt Vuongs erster Roman, der gerade in den USA und fast gleichzeitig in fünfzehn weiteren Ländern erschienen ist und dessen Titel auch schon über einem Gedicht aus "Night Sky with Exit Wounds" steht: "Auf Erden sind wir kurz grandios". Der Roman führt Motive und auch Formmerkmale der Gedichte zusammen. An die eben zitierte Zeile schließt er so an: "Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage. Eine Frage, stimmt, aber keine Wahl."

Wie der Krieg die Körper verhärtet, und was es heißt, fremd in der Fremde zu sein

Eigentlich ist es eine alte Geschichte, die Ocean Vuong aufschreibt. Sie handelt davon, wie der Krieg die Körper verhärtet und die Seelen verstört, davon, was es heißt, fremd in der Fremde zu sein, bis jemand eine Zuflucht bietet. Und sie handelt von symbolischen Orten wie dem Nagelstudio, das "letztlich ein Ort ist, wo Träume zu dem Wissen verkalken, was es bedeutet, in amerikanischen Leibern - mit oder ohne Staatsbürgerschaft - wach zu sein: schmerzhaft, toxisch, unterbezahlt". Vuong bewegt sich erzählend auf dem Grat zwischen Erfindung und den Markern seines eigenen Lebens, dem des Kriegsgeborenen. Die eingangs zitierten Verse benennen ja deutlich, dass Ocean Vuong buchstäblich ein Produkt des Krieges ist. Ohne den Krieg in Vietnam würde er nicht existieren. Was bedeutet das für ein Leben? - Erst mal Gewalt.

"Das erste Mal, als du mich geschlagen hast, muss ich vier gewesen sein. Eine Hand, ein Wimpernschlag. Eine Strafe. Mein Mund ein Aufflammen von Berührung." Diese Sätze imitieren den Takt der Schläge, um ihn durch die weichen Konsonanten am Schluss in etwas wie ein Wohlgefühl übergehen zu lassen. An solchen subtilen sprachlichen Mitteln erkennt man den Lyriker, dessen Ton die Übersetzung von Anne-Kristin Mittag bis auf wenige Stellen, an denen sie es mit dem hohen Ton übertreibt, so eingefangen hat, dass er einen auch im Deutschen unmittelbar erreicht. Die Angesprochene ist die Mutter des Erzählers, der "Little Dog" genannt wird. Der Roman ist ein Brief an diese Frau, die mit ihrem zweijährigen Sohn und dessen Großmutter 1990 - wie Vuong selbst - in die USA eingewandert ist.

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Carl Hanser Verlag, München 2019. 240 Seiten, 22 Euro.

Vuongs Text wird rhythmisiert durch den Wechsel von Szenen der Gewalt, deren Gipfel die allegorisch zu lesende Vivisektion eines Makaken ist, und Gesten der Fürsorge. Im ersten der drei Teile des Romans nähert sich Vuong der Mutter an, indem er sich durch seine literarische, englische Sprache von ihr distanziert. Die Mutter ist Analphabetin. Die Distanz ermöglicht es ihm, sie besser zu sehen. Die Distanz ist eigentlich eine Form der Zuwendung, weil sie es dem Erzähler ermöglicht, die andere Distanz zu seiner Mutter zu überwinden, die mit der Frage zusammenhängt, warum sie ihn lehrte, Gewalt als Zuwendung zu verstehen: "Vielleicht bedeutet Hand an dein Kind zu legen, es auf den Krieg vorzubereiten." In Alltagsszenen, die mal in der Shopping-Mall, mal vor der Fleischtheke spielen, setzt Vuong das Bild des Traumas zusammen, das auch sein Leben erreicht. Szenen, die sich in die Imagination brennen, weil nicht Erzähllust, sondern Erkenntnisdrang sie diktiert hat.

"Etwas zu lieben" habe in Vietnam geheißen, "ihm einen derart schäbigen Namen zu geben, dass es vielleicht unberührt bleibt - und am Leben". Deswegen der Name "Little Dog". Hinter der Gewalt steht ein Gesetz, dem Großmutter und Mutter sich unterwerfen. Es lautet: Das Leben ist das höchste Gut. Vuong stellt dieses Gesetz infrage, um eine Wahl zu haben, um "hier" sein zu können. Das unterscheidet dieses Buch von einer klischeehaften Migrationsgeschichte. Das macht es zu einem performativen Akt der Selbstermächtigung.

Dieser Akt kann nur gelingen, weil Ocean Vuong - wie die jüngst deswegen aufgefallenen Autorinnen Maggie Nelson und Claudia Rankine und in der deutschsprachigen Literatur Senthuran Varatharajah - eine Form wählt, die zwischen Prosa, Essay, Gedicht changiert. Eine Form, die weniger auf Perfektion der Bilder, den langen Atem der Erzählung und immer vollends überzeugende Stimmigkeit der Gedanken setzt als auf Inspiration, auf den Drang, etwas entstehen lassen zu wollen und dafür sprachlich Offenheit schaffen zu müssen. Das wird besonders im zweiten und dritten Teil des Romans deutlich, in dem Little Dog seiner Mutter von der Liebe zu Trevor erzählt, den er beim Jobben auf einer Tabakplantage kennenlernt. Trevor ist weiß, aber nur wenig privilegierter als Little Dog. Er wird in der sogenannten Opioid-Krise an der Sucht nach dem Medikament Oxycontin sterben.

Allein die expliziten Liebesszenen zwischen den beiden Jungen sind eine Ansage

In der jetzigen Zeit, in der spießige Triggerwarnungen in den USA Leserinnen vor den Zumutungen der Literatur - und Realität - meinen schützen zu müssen, sind allein die expliziten Liebesszenen zwischen den beiden Jungen eine Ansage, ohne dass Vuong diese stille, intensive Liebesgeschichte für eine Botschaft verrät. Die Gewalt, die Little Dog durch seine Mutter als Zuwendung zu verstehen gelernt hat, setzt sich im Sex fort und bekommt doch eine andere Qualität: "Wie nennt man das Tier, das auf den Jäger trifft und von sich aus anerbietet, gefressen zu werden. Einen Märtyrer? Einen Schwächling? Nein: ein Tier mit dem seltenen Vermögen, stehen zu bleiben. Ja, der Schlusspunkt in einem Satz - das ist es, was uns menschlich macht, Ma. Ich schwöre es. Er lässt uns anhalten, damit wir weitermachen können."

Mit diesem hybriden Roman-Text orchestriert Vuong Fragmente einer Sprache der Liebe und der Trauer. Trauer um Trevor, um die Mutter und die Großmutter. Trauer um Little Dog und wohl auch um Ocean Vuong. Er bezieht sich direkt auf Roland Barthes, aber in einem deutlichen Widerspruch, den er mit großer Evidenz aus seinen Lebenserfahrungen ableitet.

Wenn es um die "Muttersprache" geht, die bei Barthes für den Schriftsteller in einer "ständigen Beziehung zur Lust" gesehen wird, antwortet Vuong: "Unser Vietnamesisch ist eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel. Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg."

Was folgt aus diesen Bedingungen? Ein Leben, von vornherein in seinen Möglichkeiten gestutzt durch das Trauma der Familie und eine strukturell gewalttätige Gesellschaft in den USA. Es ist eine neue Form der politisch engagierten Literatur, die Ocean Vuong aus dieser Situation gewinnt. Sie glaubt nicht mehr an die Veränderbarkeit der Verhältnisse und entwickelt genau daraus Handlungsfreiheit und Widerstandskraft.

"Einen Kuchen backen im Auge des Sturms. Sich mit Zucker nähren am Abgrund der Gefahr"

An einer Stelle erinnert Little Dog sich an ein Kinderbuch, das er im Förderunterricht kennengelernt und geliebt hat. In diesem Buch backt eine Großmutter mit ihrer Enkelin einen Kuchen, während ein Unwetter aufzieht: "Einen Kuchen backen im Auge des Sturms. Sich mit Zucker nähren am Abgrund der Gefahr." Dem entgegen steht ein Bild, das Vuong für die transgenerationelle Prägung von Kriegsflüchtlingen gefunden hat: Monarchfalter, die jeden Winter nach Süden aufbrechen und deren Nachkommen die Erinnerung an die Gefahr des Winters in die Gene programmiert wurde, um ihr Überleben zu sichern.

Vuong aber richtet sein Augenmerk auf die wenigen Exemplare, die sich aus der Geschichte ihrer Gattung "streichen". Little Dog streicht seine Mutter und Großmutter aus der Geschichte des Krieges, er streicht Trevor aus seinem sozial vorgeschriebenen Weg. Und er streicht sich aus der Erbfolge der Erinnerung. Von Trevor lernt er, "gut zu nennen", was nach Scheitern klingt, nach Demütigung und Ohnmacht. Ist das resignativ? Von seiner Großmutter, die eine erstaunliche eigene Emanzipationsgeschichte hat, lernt er, dass man nicht für das Überleben, sondern für Schönheit sein Leben riskiert: "Diese ganze Zeit über habe ich mir gesagt, dass wir aus dem Krieg geboren wurden - aber ich habe mich geirrt, Ma. Wir wurden aus Schönheit geboren. Niemand soll glauben, wir seien die Frucht der Gewalt - sondern dass Gewalt, die durch die Frucht hindurch gegangen ist, sie nicht verderben konnte." Ist diese Umwertung unpolitisch? Nein, diese sprachlichen Gesten sind kurze Momente des Widerstands. Plötzlich ist da eine Wahl: "Wenn wir Glück haben, ist das Ende eines Satzes der Punkt, an dem wir vielleicht anfangen können."

Im letzten Teil des Romans fällt Vuong einige Male in den Ton des politischen Pamphlets. Etwa, wenn er von der "Nation unter Drogen, unter Drohnen" spricht. Solche Formulierungen haben etwas von jugendlichem Muskelspiel, und es ist ja auch ein Debütroman eines jungen Autors. Der Wunsch, eine "Sprache für das Herausfallen aus der Sprache" zu finden und in eine der Erneuerung zu verwandeln zählt mehr, wie auch der innige, souveräne Ton, mit dem Vuong den Erzähler zur Mutter sprechen lässt. "Ich glaube, ich war am Ertrinken", antwortet Little Dog auf Trevors Frage, was er vor ihrer Liebe war. Und als Trevor fragt, was er jetzt sei, antwortet Little Dog: "Wasser" - Ocean, feuerfest und selbstbestimmt. Diese Bewegung vom Ertrinken zum Wasserwerden stellt "Auf Erden sind wir kurz grandios" in eine Reihe mit dauerhaft grandiosen Texten der Befreiungsliteratur.

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