Im Kino: "Nowhere Special" von Uberto Pasolini:Letzte Tage der Unschuld

Nowhere Special

Abschiednehmen: Daniel Lamont (links) und James Norton in dem Film "Nowhere Special".

(Foto: Piffl Medien)

Mit seinem Vater-Sohn-Drama "Nowhere Special" bricht Uberto Pasolini, italienischer Filmmacher im britischen Kino, seinen Zuschauern unglaublich sanft das Herz.

Von Anke Sterneborg

Ganz langsam und unaufgeregt gleitet man als Zuschauer in den Alltag von John, ein bisschen so, als gäbe es gar nichts Besonderes zu erzählen, als würde der Blick einfach nur an ihm hängen bleiben, während man irgendwo in einer nordirischen Kleinstadt an einer Straßenecke wartet. Da fährt also dieser ernste junge Mann mit einer tätowierten Vogelsilhouette am Hals in seinem Kombi vor und hievt die Klappleiter vom Dach. James Norton als John überspielt sein blendendes Aussehen mit rauer Wahrhaftigkeit und Zurückhaltung. Er jobbt als Fensterputzer, und während er die Scheiben mit Lappen und Glasreiniger bearbeitet, fällt sein Blick ins Innere der Wohnungen und Büros.

Man spürt eine leise Wehmut, jenen Hauch von Schmerz, mit dem Menschen durch Glasscheiben auf traute Familienidyllen und warmen Lichterglanz schauen, von dem sie ausgeschlossen sind - vor allem in Weihnachtsfilmen. Später sieht man den alleinerziehenden Vater mit seinem kleinen Sohn, die beiden bilden ein schönes Gespann, wenn John sein Auto putzt, schäumt auch Michael seinen Plastiklaster inbrünstig ein, im Supermarkt verwandeln sie den Einkaufswagen in ein Karussell, und wenn der Vater beim Vorlesen im Bett "page" sagt, blättert sein Sohn um. Ganz langsam schleicht sich das Bewusstsein für die Gefährdung dieser kleinen Familieneinheit ein, die Information, dass John nicht mehr lange zu leben hat. Nicht so offensiv wie sonst in Filmen über Abschiede und tödliche Krankheiten - es ist die besondere Qualität von "Nowhere Special", dass er mit seinem Drama so gar nicht hausieren geht, während der Vater eine Art schützenden Kokon um seinen Sohn errichtet, um die letzten Tage und Wochen einer behüteten Kindheit.

Ein Vater-Sohn-Drama frei von Rührseligkeit? Das geht

Schon als Produzent von Filmen wie "Kleine Gangster große Kohle" und "Ganz oder gar nicht" hatte Uberto Pasolini - der das Kino durchaus in den Genen hat, allerdings nicht durch eine Verwandtschaft mit dem namensgleichen Pier Paolo, sondern als Neffe von Luchino Visconti - ein Gespür für die Sorgen und Kämpfe des kleinen Mannes, die sich mit Humor und Menschlichkeit ein bisschen lindern lassen. Trotz seiner italienischen Staatsbürgerschaft arbeitet er seit Jahrzehnten im britischen Kino, auf Englisch. Auch in seiner zweiten Regiearbeit "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" entfaltete er eine sanfte Geschichte über das Sterben. Eddie Marsan spielte da einen Sozialarbeiter, der viel Mühe und Beharrlichkeit darauf verwandte, die Hinterbliebenen von einsam Verstorbenen aufzuspüren.

"Nowhere Special" ist Uberto Pasolinis dritter Film als Regisseur. Darin gelingt es ihm, ein Drama ganz intim und berührend, aber völlig frei von Rührseligkeit zu erzählen. Irgendwann fallen dem kleinen Michael komische Dinge auf, die um ihn herum passieren, all die nachmittäglichen und frühabendlichen Besuche bei fremden Menschen, und die überfreundliche Anbiederung, mit der Wildfremde um seine Gunst werben. Während John die Kräfte schwinden, muss er Vorbereitungen treffen für die Zeit, in der er nicht mehr für seinen Sohn da sein kann, eine Familie finden, die ihn aufnimmt. Es sind die kleinen Momente, die einem dabei die Tränen in die Augen treiben: ein Automechaniker, der nur die Ersatzteile berechnet, eine Sozialarbeiterin, die sich ein bisschen mehr engagiert, als sie müsste, ein Vierjähriger, der seinem Vater am 34. Geburtstag die 35. Kerze für den Schokoladenkuchen reicht, die der nicht mehr brauchen wird.

Nowhere Special, GB, Italien, Rumänien 2020 - Buch und Regie: Uberto Pasolini. Kamera: Marius Panduru. Mit: James Norton, Daniel Lamont. Verleih: Piffl, 96 Minuten. Kinostart: 07. 10. 2021

Zur SZ-Startseite
"Titane" von Julia Ducournau

SZ PlusCannes-Siegerin Julia Ducournau
:"Ob es uns gefällt oder nicht, Monster gehören zu uns"

Sex mit Autos und eine Frau mit einer Wirbelsäule aus Titan: Julia Ducournau wird mit ihrem zweiten Film erneut als Provokateurin gefeiert. Ein Gespräch über schaurige Märchen, nackte Körper und warum ihr "Titane" eine Geschichte über bedingungslose Liebe ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB