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Der Nordirland-Konflikt und Netflix:Kitsch wirkt Wunder

Sinn Fein's President-elect, Mary Lou McDonald, poses for a photograph before a special party conference, at which Gerry Adams will, following a vote, formally step down as President, in Dublin

Gerührt vom Tode Prinz Philips: Mary Lou McDonald, die Präsidentin der irischen Sinn Féin.

(Foto: Clodagh Kilcoyne/Reuters)

Wie die Sinn Féin-Präsidentin Mary Lou McDonald es schaffte, sich für einen viele Jahre zurückliegenden Terroranschlag der IRA zu entschuldigen. Und welche Rolle "The Crown" dabei spielte.

Von Willi Winkler

Nichts geht einem Politiker leichter über die Lippen als die Entschuldigung für eine Schuld, die er oder sie gar nicht persönlich auf sich geladen hat. Papst Franziskus entschuldigt sich für den Mordfeldzug der Kirche gegen die Waldenser im 12. Jahrhundert. Bill Clinton entschuldigt sich für die Sklaverei, auch schon etwas länger her. Der australischen Regierung fallen die Aborigines ein, da gibt es auch einiges zu entschuldigen. Aber Markus Söder wird es bei aller Liebe nicht übers Herz bringen, sich bei Armin Laschet für die Fußtritte zu entschuldigen, die er ihm fortwährend verpasst.

Dass etwas so Unwahrscheinliches möglich ist, hat gerade Mary Lou McDonald gezeigt. Sie ist die Präsidentin der Sinn Féin, die als politischer Arm der ehemals terroristischen Irisch-Republikanischen Armee (IRA) gilt. Wie halb Großbritannien saß sie vor dem Fernseher, als die britische Monarchie dem im Alter von 99 Jahren verstorbenen Prinz Philip das letzte Geleit gab und sich damit auch selber feierte.

Mary Lou McDonald ist alles andere als eine Monarchistin, schließlich hat sich die Republik Irland vor einem Jahrhundert gewaltsam aus dem Königreich verabschiedet. In einem Interview wurde sie gefragt, ob sie bereit sei, sich bei Philips Sohn, Prinz Charles, dem künftigen König, für den Mord an seinem Großonkel Lord Mountbatten zu entschuldigen, den die IRA 1979 umgebracht hat.

McDonald, die bei dem Anschlag zehn Jahre alt war, entschuldigte sich nicht, aber sie sagte - offensichtlich berührt von der Trauerzeremonie in London, dem sparsamen Gepränge, der zur Witwe geschrumpften Königin -, dass es ihr leidtue.

Drei Worte: "I am sorry."

Eine Erinnerung. Die Grenze bei Newry war im Jahr 1997 längst keine mehr, unkontrolliert floss der Verkehr auf der Autobahn zwischen dem britischen Nordirland und der Republik im Süden, still lag die Irische See, auch die sogenannten troubles schienen vorüber, die Auseinandersetzung zwischen der illegalen IRA und den aus London entsandten Streitkräften. Der Mann am Steuer war ein ehemaliger Terrorist, beteiligt an mindestens fünf Morden, aber nach einem Verfahrensfehler freigekommen.

Eine Bombe tötet achtzehn britische Fallschirmjäger: Was für eine Heldentat!

Eamon Collins hatte den Kampf im Untergrund aufgegeben, mit der IRA gebrochen, er hatte ausgesagt und erzählte stolz, wie er in seiner aktiven Zeit, gleich hier in der Nähe, eine Tausend-Kilo-Bombe über die Grenze nach Norden geschmuggelt hatte, für ihn eine Heldentat. Und da, er zeigte hinunter, in der Bucht in Warrenpoint hatten seine Leute 1979 mit ihren Bomben achtzehn britische Fallschirmjäger umgebracht. Was für ein Sieg gegen die Unterdrücker!

Die britische Armee ging in den Siebzigerjahren mit kriegerischer Härte gegen die katholischen Aufrührer im Norden vor, die nicht weniger grausam die Vereinigung mit der Republik Irland erzwingen wollten. Zwischen 1969 und 1998 starben im Nordirlandkonflikt 3489 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, viele Frauen und Kinder darunter. Fast zwei Prozent der Bevölkerung wurden getötet oder verwundet. Belfast ist nie ganz zur Ruhe gekommen, auch jetzt noch flammt der Konflikt immer mal wieder auf.

Doch die IRA hat die Waffen niedergelegt, als Sinn Féin sitzt sie im Parlament in Dublin, Irland gehört zu den Globalisierungsgewinnern und kann mühelos sogar Gastarbeiter aus dem protestantischen Norden ernähren. Die Wende zum Frieden hatte an jenem Mordtag 1979 begonnen. Am gleichen 27. August, an dem die achtzehn Soldaten an der irischen Ostküste starben, wurde auf der Westseite in County Sligo Lord Mountbatten umgebracht.

In der Netflix-Seifenoper spielt das Attentat auf Lord Mountbatten eine besondere Rolle

Der Onkel von Prinz Philip war mit seiner Familie in einem Boot ausgelaufen, unter dem Thomas McMahon eine Bombe angebracht hatte. Mountbatton, ehemaliger Vizekönig von Indien, starb bei dem Anschlag, der ganz Großbritannien treffen sollte, außerdem die Schwiegermutter seiner Tochter, sein 14jähriger Enkel und ein gleichaltriger Schiffsjunge.

In der Seifenoper "The Crown" spielt dieses Attentat eine besondere Rolle. Lord Mountbatten wird da gezeigt, wie er einen Brief an seinen Großneffen schreibt, an Prinz Charles, der sich nicht ganz so royal verliebt hat, wie es sich für einen Thronfolger gehört. Die Verbindung mit Camilla Parker-Bowles würde die königliche Familie enttäuschen, würde sogar ihren Untergang bedeuten, behauptet Mountbatten, und er schreibt es auf kostbar dickes Papier und verschließt den Brief in der Lade.

Diesen Brief gibt es nicht, der echte Mountbatten hat ihn nie geschrieben. Er existiert nur bei Netflix, doch besitzt dieser dramaturgische Einfall eine Tragödieninfamie, für die sich auch Sophokles nicht hätte schämen müssen. Der Brief taucht nur auf, um vorgeblich Unglück von der königlichen Familie zu wenden und bringt doch nur mehr Unglück. Denn der fügsame Charles, der den Brief nach dem Mordanschlag öffnet und ihn gesenkten Hauptes liest, kann gar nicht anders, als den letzten Willen des so hinterhältig Ermordeten zu erfüllen und die ungeliebte Diana Spencer zu ehelichen.

Ein Bild, hier ein handgeschriebener Brief, lügt besser als tausend Worte und kann dabei ganz und gar wahr sein. Charles, der echte Prinz, bezeichnete den Attentäter bei der Trauerfeier als "extremistischen Untermenschen", als jemanden, der "Menschen in die Luft jagt, wenn ihm danach ist".

Wider alles Erwarten kam nach dem Grauen der Frieden

Prinz Charles war wie sein Vater und wie sein Großonkel Soldat: Er gehörte dem Fallschirmjägerregiment an, deren Eingreiftruppe 1972 in Derry dreizehn unbewaffnete Demonstranten erschossen hatte. Erst 2010 konnte sich der britische Premierminister David Cameron dazu durchringen, den kriegerischen Einsatz gegen die eigenen Bürger als Verbrechen zu bezeichnen.

Die IRA befand sich 1979 im offenen Krieg gegen das Vereinigte Königreich und verwies nach dem Attentat von Mullaghmore auf die Hunderte Toten, die der Krieg um Nordirland bereits gefordert hatte. Gerry Adams, ihr damaliger Chef, erklärte: "Was die IRA ihm angetan hat, ist das, was Lord Mountbatten sein ganzes Leben lang anderen angetan hat." Für ihn war es die Propaganda der Tat: "Die Menschen wurden auf das aufmerksam gemacht, was in Irland passiert ist." Eine Versöhnung schien ausgeschlossen.

Doch wider alles Erwarten kam nach dem Grauen tatsächlich der Frieden, er kam mit der Zeit. 1997, bei dieser Fahrt über die grüne Grenze, lag der Mord an Lord Mountbatten bereits achtzehn Jahre zurück. Mit Hilfe des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton kam 1998 das Karfreitagsabkommen zustande. Teil der damaligen Vereinbarung war, dass McMahon, der ehemalige "Untermensch", begnadigt wurde. Prince Charles, der nach dem Willen von Mountbatten oder vielmehr nach dem Willen von Netflix sein Lebensglück der Staatsräson hatte opfern müssen, ist darüber alt und grau geworden. Es ist, Fernsehen oder nicht, eine echte Tragödie.

Keine zwei Jahre nach dieser Fahrt damals über die aufgehobene Grenze hoch über der Irischen See wurde Eamon Collins nicht weit von seinem Haus umgebracht. Bei der Trauerfeier musste der Sarg verschlossen bleiben, so sehr hatten die Mörder ihn entstellt. Gerry Adams fand diesen Mord an einem ehemaligen Mitkämpfer allenfalls "bedauerlich". Es brauchte die Größe seiner Nachfolgerin Mary Lou McDonald, die sich von der Trauer rühren ließ, es brauchte die Verkitschung im Fernsehen, und die Not war wie das Eis gebrochen.

© SZ
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