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"No Turning Back" im Kino:Die Freisprechanlage wird zum Star

No turning back Tom Hardy Kino

Ein Mann, ein Wagen, eine Freisprechanlage: Tom Hardy ist der einzige Darsteller in "No Turning Back".

(Foto: Studiocanal)

In Steven Knights "No Turning Back" sitzt Tom Hardy allein im Inneren eines Autos. Auf dem Weg in Richtung Schicksal. In der Filmgeschichte fahren viele Männer vor irgendetwas davon - aber dieser hier ist in die Gegenrichtung unterwegs.

In der ersten Einstellung schwenkt die Kamera über eine riesige, nächtlich erleuchtete Baugrube. Ein Arbeiter in Helm, Schutzweste und Gummistiefeln verlässt die Baustelle, steigt in einen Geländewagen und fährt los. An der ersten Ampel blinkt er links, scheint dann aber in eine kurze Agonie zu verfallen. Er reagiert nicht, als es grün wird, hinter ihm hupt zweimal drohend ein Lastwagen, schließlich setzt er den Blinker rechts und biegt ab.

Erst nach und nach begreift man, wie groß die Entscheidung war, die da gefallen ist. Ein Mann hat seine Wahl getroffen, für die einzige Möglichkeit, mit der er leben kann. Und wird dabei doch sein Glück, seinen Ruf und seine Existenz aufs Spiel setzen. Die nächsten anderthalb Stunden werden die Hölle für ihn, aber er wird nicht umkehren. Die Filmgeschichte ist voll von Männern, die vor irgendetwas davonfahren - dieser hier ist in die Gegenrichtung unterwegs.

Ähnlich entschlossen ist auch Steven Knight, der Autor und Regisseur. Er wird bei diesem Mann bleiben, der nun über die Autobahn von Birmingham nach London fährt und dafür exakt die anderthalb Stunden braucht, die der Film dauert. Im Wesentlichen wird man sein Gesicht sehen, ein wenig Straßenverkehr, nächtliche Lichter. Andere Menschen aber kommen nur als Stimmen am Telefon vor. Mehr ist da nicht. Es wird keinen Unfall geben und keine Explosionen, keinen Terroranschlag und keine Staatskrise, keine Aliens und keine Superhelden. Nur diesen einen Mann und seine Verantwortung. Für seinen Job, seine Familie - und für den Fehler, den er begangen hat. Und doch ist "No Turning Back - Locke" schicksalhaft spannend, fast wie ein antikes Drama.

Ivan Locke starrt in den Abgrund - und bleibt dabei ganz ruhig

Denn kaum ist der BMW auf der Autobahn, kommt die Freisprechanlage zum Einsatz. Sie wird ein echter Star dieses Films. Ivan Locke, so heißt der Mann, telefoniert nun fast ununterbrochen, während das Ausmaß seines Dilemmas erkennbar wird. Schnell ist klar, dass er auf dem Weg zu einer Geburt ist, und das Kind ist seins. Aber offenbar kennt er die Mutter kaum, sie ist auch fast schon zu alt, um Kinder zu haben, dazu eine sehr fragile, furchtsame Person. Nach einem verunglückten One-Night-Stand sieht sie in dieser Schwangerschaft ihre letzte Chance. Ivan Locke aber ist Familienvater, er liebt seine Frau und seine beiden Söhne, und man glaubt ihm, wenn er beteuert, dass dies in all den Jahren sein einziger Fehltritt war.

Was nun die Albträume von Familienvätern betrifft, ist das in der Tat so ziemlich der Super-GAU: Auf stillere Weise fast so peinigend wie die Kaninchen meuchelnde Glenn Close in "Fatal Attraction", die den Machos der Achtzigerjahre den Schreck ihres Lebens beschert hat. Nur dass hier, das macht die Sache noch quälender, nicht einmal wirkliche Attraktion im Spiel war.

Ivan Locke hat nun beschlossen, dieser Frau keine Lügen von Liebe und Zuneigung zu erzählen, aber trotzdem für das Kind da zu sein, auch bei der Geburt. Weil er ein anständiger Mensch sein möchte. Und weil er nicht wie sein eigener Vater werden will, den er als Kind und Jugendlicher nicht kannte - und dafür immer gehasst hat. Wie hoch der Preis für Anständigkeit sein kann, das begreifen er und alle anderen, die in seinem Leben eine Rolle spielen, allerdings erst in dieser Nacht.

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