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Nina Kunz' Kolumnensammlung "Ich denk, ich denk zu viel":Das dümmste Tattoo aller Zeiten

Nina Kunz Buch

Liebenswert verzweifelt: Nina Kunz.

(Foto: Goran Basic/Verlag Kein & Aber)

Wobei der "Chrüsimüsi"-Dialekt hilft und warum der koreanische Begriff "Dabdabhada" das Corona-Lebensgefühl gut beschreibt - die schlauen, lustigen Kolumnen von Nina Kunz.

Von Aurelie von Blazekovic

An Zürich fehlt Nina Kunz die Exzentrik, das Pathos. Alles sauber, überall Apéro, nirgendwo Krawall. Doch dann ist da dieses leckere Leitungswasser. Und dieser Alpenblick. Sogar vom Klo in der Uni sieht man die Berge. Mit der eigenen Heimatstadt streng ins Gericht zu gehen, das gehört natürlich dazu, doch die Liebe zu Zürich überwiegt in ihrer Kolumnensammlung "Ich denk, ich denk zu viel". Und wenn es ganz schlimm wird, fährt Nina Kunz eben einfach nach Berlin.

Kunz wurde 1993 geboren, ist in Zürich-Aussersihl aufgewachsen und inzwischen Kolumnistin beim Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers. Sie mag Vergänglichkeit und zweifelt am übertriebenen Individualismus ihrer Generation, beides ist sehr sympathisch.

Sie schwärmt für die Uni, wie sie vor der Bologna-Reform gewesen sein muss, zitiert oft Sartre, Camus, oder auch mal Falco, und sorgt sich um Tiktok-süchtige Teenager und Kylie Jenner. Sie wirkt dann manchmal älter an, als sie ist. Aber Nina Kunz hat auch eine ganz eigene Stimme, die vielleicht etwas mit der Schweiz zu tun hat. Sie selbst spricht von ihrem "Chrüsimüsi"-Dialekt, in dem sie zerstreuter klingt und sich alles nicht so gewichtig anhört wie im Hochdeutschen.

Nina Kunz: Ich denk, ich denk zu viel. Sachbuch. Kein & Aber, Zürich 2021. 192 Seiten, 20 Euro.

Anders als bei zu vielen anderen Kolumnisten handeln Nina Kunz' Kolumnen nicht bloß von ihr selbst. Sie schreibt über Arbeitswahn, über das fatale Frauenbild der Bravo Girl, und darüber, warum der koreanische Begriff "Dabdabhada" das Corona-Lebensgefühl gut beschreibt. Sie sammelt Begriffe und Ansätze, um das Leben und die Welt besser zu verstehen, rezensiert zwischendurch zehn wichtige feministische Bücher der vergangenen zehn Jahre - und fährt dann ins Wallis ohne Handy.

Die schönsten Stellen in "Ich denk, ich denk zu viel" handeln von einer pointenlosen Suche nach ihrem Vater oder von einem Beziehungsende in Tirana, das in ganz wenigen Sätzen so gekonnt beschrieben wird, dass es einem allein beim Lesen schmerzt. Und von einem Tattoo als Sinnbild für eine Lebensphase, in der man glaubt, plötzlich wild und spontan sein zu müssen. Und pathetisch. Und exzentrisch. Und welche liebenswert verzweifelten Folgen das haben kann. Also zum Beispiel, dass man das Tattoo, das man sich gerade erst hat stechen lassen, sofort schon wieder hasst.

© SZ/crab
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