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Duncan Hannahs Tagebücher "Dive":Warhol, Ferry, Harry, Bowie

"Was für eine Gesellschaft!" - Duncan Hannah (Zweiter v. re.) mit Andy Warhol und den Talking Heads.

(Foto: Lance Loud)

Trunkenheit und Sex und weltberühmte Freunde: Der Maler Duncan Hannah hat seine Tagebücher aus den Siebzigern veröffentlicht.

Von Juliane Liebert

Tagebücher sind die älteste Reality-Show der Menschheit. Wenn es gut läuft, mausern sie sich zu reflektierten Dokumentationen. Dominiert der Glamour, ist das Ergebnis die literarische Variante von Reality-TV-Spektakeln wie "Keeping up with the Kardashians". Kreist die Eitelkeit unkontrolliert um sich selbst, gebiert sie meist einen biografischen Porno. Das ist nicht nur sexuell zu verstehen, aber auch. Selbst wenn man Duncan Hannah und einer der berühmtesten Maler der Gegenwart ist. In seinen jetzt auf Deutsch erschienenen Tagebüchern der Siebziger sind alle Frauen sehr hübsch, sehr willig und wollen unbedingt mit Duncan Hannah schlafen. Aber nicht nur die Mädchen, auch nahezu alle berühmten Künstler, die auftauchen, wollen mit Duncan Hannah schlafen. Bis auf Lou Reed, der will, dass Duncan Hannah ihm in den Mund, nun ja, fäkaliert.

Leute, die nicht mit Duncan Hannah schlafen wollen, kommen in seinen Tagebüchern nicht oder nur am Rande vor - seine Eltern zum Beispiel. Die sind dafür ständig wütend auf den jungen Künstler. Hannah, geboren 1952 in Minneapolis, wächst in Minnesota auf und studiert dann am feinen Bard College, bevor er nach New York geht. Dort stürzt er sich, zumeist schwer betrunken, mitten in die Künstlerszene. Begegnet Andy Warhol, Patti Smith, Bryan Ferry, David Bowie, Debbie Harry, Lou Reed, David Hockney, Dalí. Treibt sich im CBGB und im Max's Kansas City rum. Und alle vier Seiten sagt ihm jemand, wie wunderschön er ist.

Wenn er nicht gerade über Sex schreibt, zählt Duncan Hannah meist schlicht auf, wen er wann und wo gesehen hat

"Ich bin frei, weiß und achtundzwanzig. Vor mir liegt eine rosige Zukunft", jubelt er nach einer Trennung. Wenn er Frauen beschreibt, kommt fast immer an zweiter Stelle nach ihrem Namen eine Einschätzung ihrer Brüste. Aber hey, die Siebziger, da ist man ja schon froh, wenn die Angebetete nicht 13 ist. Dabei hat er durchaus künstlerische Ambitionen. Er verehrt Egon Schiele ("Würde ihn gern in einem Film spielen. Was für eine tolle Geschichte. Mit achtundzwanzig schon tot. Toller Haarschnitt") und würde gerne Popstar werden ("Kann aber nicht singen").

Seine Erlebnisse werden von Listen unterbrochen, in denen er notiert, welche Bücher er gelesen, welche Filme er gesehen und welche Konzerte er besucht hat. Er ist geschmackssicher, aber seine künstlerischen Reflexionen lesen sich banal. Dass die Zeit vergeht, merkt man daran, dass er immer vermerkt, wenn ein Star stirbt: Jimi Hendrix ("fand ihn ein bisschen albern, aber er spielte echt gut Gitarre"), Janis Joplin (mit der er mal gekifft hat und die er nicht mochte, "zu viel Angst"), Elvis ("viele, viele Jahre lang einfach nur peinlich gewesen. So fett! So schmalzig! Die Superhelden-Umhänge! Vegas! Nixon!").

Duncan Hannah: Dive - Tagebuch der Siebziger. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 560 Seiten, 28 Euro.

Der Pressetext zum Buch behauptet, man könne "selten eine Epoche und ein Lebensgefühl derart hautnah und intensiv miterleben" - das stimmt. Allerdings vergisst man das meiste - wie der immer betrunkene Erzähler - auch sofort wieder. Wenn er nicht gerade über Sex schreibt, zählt Duncan Hannah meist schlicht auf, wen er wann und wo gesehen hat. Berühmte Gesichter reihen sich aneinander: "Die Bar wollte allmählich schließen. Alle wollten auf einen Absacker in den Club 82. Im folgenden Chaos landete ich irgendwie mit Warhol, Ferry und Bowie in einem Mietwagen. Was für eine Gesellschaft!" Aus dem Club wird er dann allerdings rausgeworfen, weil er zu betrunken ist.

Für Fans der Siebziger dürfte das Buch lesenswert sein, sie müssen nur gewillt sein, die pseudopoetischen Sexszenen auszuhalten. Wer plant, noch mal LSD zu nehmen, sollte "Dive" allerdings mit großer Vorsicht genießen. Der Geist ist ein empfindliches Gerät, und manche Bilder verlassen einen nie wieder. Während eines Acid-Trips setzt sich Hannah etwa in ein Flussbett. Er spürt den Herzschlag der Erde, erst langsam, dann immer schneller. "Mutter Erde! Sie ist eine Frau!", jubelt er. "Ich begann, geil zu werden. Die Sonne schien herab, der Planet wogte unter mir. Mein Penis war voll erigiert. Jetzt half nur noch, den Reißverschluss meiner Jeans zu öffnen, mich auf den Bauch zu rollen, einen kleinen Schoß in den Schlamm zu graben und den Pimmel hineinzuschieben. Das tat ich auch. Ich fickte die Erde, und siehe da, die Erde fickte auch mich und wiegte sich vor und zurück." Die Vergewaltigung des Planeten hat begonnen, lange bevor die breite Bevölkerung etwas vom Klimawandel wusste.

© SZ/crab
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