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Nina Hagen singt Bertolt Brecht:Faschismus kaputt, Konzert vorbei

Nina Hagen sing Brecht am Berliner Ensemble

Nina Hagen bei ihrer Interpretation von Brecht-Liedern am Berliner Ensemble.

(Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de; Marcus Lieberenz)

Nina Hagen singt am Berliner Ensemble Brecht. Manchmal ist sie dabei brillant, manchmal ringt sie damit, den Verstand nicht zu verlieren.

Konzertkritik von Juliane Liebert

Was macht eigentlich Nina Hagen, jetzt, wo die Welt endlich untergeht? Sie singt Brecht. Aber sie wäre nicht Nina Hagen, wenn sie einfach einen Brecht-Abend veranstalten würde. Die Vorstellung, bei der sie zum "über 25. Mal" Brecht intoniert, heißt "Interaktiver Brecht-Lieder-zur-Klampfe-Abend" und "Brecht himself" ist auch da. So steht es jedenfalls im Programm. Es ist am vergangenen Sonntag also nicht nur ein Brecht-Abend, es ist ein interaktiver Brecht-Abend. Bei Nina Hagen heißt "interaktiv": "Hey, es ist ja noch jemand außer mir im Raum."

Der Raum ist das Berliner Ensemble und der Vorhang noch nicht hochgezogen, da ist Nina Hagen bereits auf der Bühne, federnden Schrittes, und sagt mit dieser fantastischen Stimme, die immer klingt, als würde sie fast keine Luft mehr bekommen: "Ich widme diesen Abend all den eingefrorenen Embryonen in den Konzentrationslagern."

Das Thema zieht sich durch den Abend. Als Erstes singt sie das "Lied vom Krug", dann hat sie schon bald keine Lust mehr auf Brecht, sagt, er wär ein großes Vorbild von Bob Dylan gewesen und singt Dylan.

Zerstreutheit als Wiedererkennungswert

Als sie dann doch wieder etwas von Brecht singt, fällt auf, wie gewöhnungsbedürftig der Hagen'sche Brecht-Blues auch nach Jahren noch ist, sie interpretiert Brecht nicht, sie glaubt, was sie singt. Sie hat sich diese Lieder zu eigen gemacht. Wenn sie also etwa "Lasst die Kinder leben" singt, meint sie etwas anderes als Brecht (nämlich Embryonen).

Sie ist übrigens außerdem gegen Psychopharmaka, gegen das Klonen, und wo seien eigentlich die Blumen hin, und wann seien die Punks reaktionär geworden, solche Sachen. Das Publikum lacht. Manchmal verliert sie dabei mitten im Satz den Faden. Und am Ende wirkt sie wie jemand, der auf offener Bühne damit kämpft, den Verstand nicht zu verlieren, während ihr das Publikum zujubelt. Das ist keine Weltneuigkeit, aber es ist schon bemerkenswert, wie sehr es als Teil der Show begriffen wird.

Nach der Pause folgt ein charmantes Werbevideo für Patverfü, eine Initiative, deren Schirmherrin Nina Hagen ist. Dann singt sie, im Stil der souveränen Entertainerin, die sie eben trotz allem Wahnsinn auch immer noch ist, "Bei mir bist du schön" und "We Will Overcome". Nach dem "Friedenslied" nörgelt jemand aus dem Publikum, dass das doch nur Worthülsen seien, wird aber niedergeklatscht. Dann "Alabama Song", "Mackie Messer", Faschismus kaputt, Konzert vorbei.

Fazit? Wissenschaftler der Welt, hört mit dieser Sache mit den Embryonen auf. Was sie auch immer genau sein mag. Sie bekommt Nina Hagen nicht gut.

© SZ vom 21.12.2016/alpi
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