Theater:Optimiert ins Zwischenreich

Lesezeit: 1 min

Hier finden Sie Pressematerial zur Premiere von DER SELBSTMÖRDER von Nikolai Erdmann in der Regie von Claudia Bossard. Premiere: 6. November 2021.

Eine rasante Revue, literarisch wertvoll und mit BMW: "Der Selbstmörder" am Münchner Volkstheater.

(Foto: Gabriela Neeb)

Nikolai Erdmans satirischer Aberwitz "Der Selbstmörder" am Münchner Volkstheater.

Von Egbert Tholl

Wenn ein Stück "Der Selbstmörder" heißt und zu Beginn der Aufführung eine Nonne mit großer, weißer Flügelhaube in der Tür steht und auf Russisch einen coolen, lauten Song singt, dann ahnt man, dass der Abend eher absonderlich werden wird. Nikolai Erdman schrieb sein Stück 1928, hatte Zeit seines Lebens nicht viel Freude in seiner russischen Heimat, wurde interniert und verbannt. "Der Selbstmörder" erlebte seine Erstaufführung im Sowjetreich erst 1982; jetzt soll es die Erfolgsgeschichte des vor drei Wochen eröffneten neuen Volkstheaters in München fortschreiben.

Claudia Bossard inszeniert eine rasante, wundervoll schräge Revue, die erst einmal so wirkt, als hätten Fjodor Dostojewski, Michail Bulgakow und Wladimir Sorokin eine Schriftsteller-WG gegründet, in die sie ein paar Systemtheoretiker einluden, um zusammen das Wesen des Überflüssigwerdens zu diskutieren. Natürlich russisch-hochgebildet, Heinrich von Kleists Doppelselbstmord am Wannsee etwa spielt ein wichtige Rolle, vor allem sein Abschiedsbrief. Überhaupt ist der ganze Abend ein Vexierspiel aus literarischen Verweisen, die einem von einem hochmotivierten Ensemble um die Ohren gehauen werden, unterstützt von den beiden Musikerinnen Alice Peterhans und Anna Tropper-Lener, die in vielen, auch klassischen Stilen zuhause sind und von einigen der Spielenden unterstützt werden. Ein Höhepunkt: Nina Steils, im Bairischen so begabt, als empfehle sie sich für eine Gesamtaufführung aller Stücke Martin Sperrs, singt hinreißend "I wui nur zruck zu dir" von Nickerbocker und Biene, just in dem Moment, als man sich denkt, jetzt fehle nur noch der "Große, schwarze Vogel" von Ludwig Hirsch.

Die Kostüme von Andy Besuch haben so viele kleine Löcher wie die Dramaturgie des Abends, was nicht weiter stört. Auf der Bühne Asche, ein paar Häuserteile und ein alter BMW, hingestellt von Elisabeth Weiß, und Menschen, die erst wie auf einer Halloweenparty ausschauen und bald alle miteinander ein Halbtotenreich gründen, in dem Hamlet auf Ophelia auf Napoleon trifft.

Das ist alles ungeheur witzig, im Kern aber natürlich sehr böse. Semjon, gespielt von dem goldigen Lorenz Hochhuth, ist arbeitslos, überflüssig und brächte sich um, fiele ihm eine befriedigende Inszenierung seines Ablebens ein. Aber er weiß nicht einmal, was er bei seiner Beerdigung anziehen soll. So kommt man aber nicht weiter in einer Welt, in der alles öffentlich ist. Das rettet ihn.

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