"Night in Paradise" bei Netflix:Letzte Tage am Strand

Night in Paradise; Night in Paradise

Flucht auf die Ferieninsel: Yeo-bin Jeon und Tae-goo Eom (rechts) in "Night in Paradise".

(Foto: Noh Juhan/Netflix)

Ein Gangsterfilm aus Südkorea, der auch mal Ferien macht von der Gewalt: "Night in Paradise" von Park Hoon-jung.

Von Sabina Zollner

"Du kannst gut mit Waffen umgehen", sagt der Gangster zu dem Mädchen. "Ist doch nicht schwer", antwortet sie und stochert mit ihren Stäbchen in der Schüssel herum. Die beiden sitzen in einem menschenleeren Strandrestaurant und essen Mulhoe, eine scharfe Nudelsuppe mit rohem Fisch. Im Hintergrund rauscht der Ozean, ein weiches Sonnenlicht liegt über dem Raum. Tae-gu ist ein junger Mann aus Seoul, der in einem Gangsterkrieg den falschen Mann erschossen hat. Jetzt ist er auf der Flucht, auf der Ferieninsel Jeju. Aber man ahnt, dass seine Tage gezählt sind, und er selbst weiß es auch.

Jae-yeon ist die Nichte eines alten Fisch- und Waffenhändlers, der dem flüchtigen jungen Gangster Unterschlupf gewährt. Sie wohnen an der äußersten Spitze der Insel, wo die Schmuggelboote nach Wladiwostok anlegen. Vielleicht könnte Tae-gu dorthin entkommen, vielleicht aber auch nicht. Auch Jae-yeons Tage sind gezählt, auf andere Art - sie leidet an einer unheilbaren Krankheit, und den Gedanken daran bekämpft sie mit viel Schnaps und Schießübungen auf Dosen am Strand.

"Night in Paradise" beginnt wie viele Gangsterfilme das asiatischen Kinos, mit blau leuchtenden Großstadtnächten und Armeen von jungen Männern, die in brutale Gewalt verwickelt werden, stets in unbedingtem Gehorsam zu höheren und höchsten Bossen, die über Leben und Tod entscheiden. Dieser Strang läuft auch weiter, wenn später über Tae-gus Schicksal verhandelt wird.

Der Wechsel auf die Insel Jeju und die Zeit mit den jungen Verlorenen aber hebt den Film über die Standards den Genres hinaus. Mit "Night in Paradise" wurde der Regisseur Park Hoon-jung, der seinen internationalen Durchbruch mit "New Worlds - Zwischen den Fronten" hatte, vergangenes Jahr zu den Filmfestspielen von Venedig eingeladen. Auf der Insel ist alles ist ein sanftes Blau getaucht, sogar im Sonnenschein werden die Bilder ihren kühlen Schleier nicht los. So entstehen elegante, immersive Aufnahmen der Insel, die mit der inneren Unruhe der Figuren kontrastieren.

Night in Paradise; Night in Paradise

Zwei Verlorene und ihre melancholische Zeit des Wartens - Szene aus "Night in Paradise".

(Foto: Noh Juhan/Netflix)

Zwischen Tae-gu und Jae-yeon entwickelt sich eine Beziehung, die gerade dadurch, das sie manche Erwartungen nicht erfüllt, ihren Reiz behält. Als die Killer schon ganz nah sind, bietet das Mädchen dem Gangster an, mit ihr zu schlafen, darauf antwortet Tae-gu: "Du bist nicht mein Typ. Ich schlafe nicht einfach mit jeder, die willig und bereit ist. Du bist so selbstgefällig." Seine existenzielle Traurigkeit macht ihn natürlich nur attraktiver.

Einmal rätselt Jae-yeon, was Tae-gu wohl getan hat, um sich jetzt verstecken zu müssen: "Du bekamst also die Todesstrafe. Das ist es. Ich habe recht. Ein lebender Toter." Und genauso fühlt sie sich auch, durch ihre Krankheit. Und dann kommt wirklich die Gewalt und holt das traurige Paar ein, und als es so weit ist, wird alles furchtbar brutal und theatralisch, ein Tanz des endlos hinausgezögerten Leidens und Sterbens. Das schafft in seiner Übertriebenheit schon wieder Distanz. Das blutige Ende geht einem längst nicht so nahe wie die melancholische Zeit des Wartens davor.

Night in Paradise, Südkorea 2020 - Regie und Buch: Park Hoon-jung. Kamera: Young-Ho Kim. Mit Tae-goo Eom, Yeo-bin Jeon, Seung-Won Cha. Netflix, 131 Minuten.

© SZ/kni
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