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Kolumne: Nichts Neues:Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Theodor Lessing

"Der jüdische Selbsthass".

(Foto: Johanna Ardoján)

Eine unheimliche Geschichte über Juden in Deutschland vor 1933.

Von Johanna Adorján

In diesem 1930 erstmals veröffentlichten Buch steht eine irre Geschichte, die auch noch wahr ist. Es geht um einen um 1900 in Berlin sehr bekannten Publizisten, einen Juden, der nichts anderes sein wollte als ein stolzer Deutscher. Er meinte das so ernst, dass er schon als 17-Jähriger (1879) zum Protestantismus konvertiert war. Er nannte sich Maximilian Harden, obwohl er als Felix Ernst Witkowski geboren wurde, Sohn des jüdischen Seidenhändlers Arnold Witkowski. Harden gab von 1892 bis 1922 die Zeitschrift Die Zukunft heraus, in der er es unerschrocken mit dem politischen und kulturellen Deutschland aufnahm. Er schrieb wie mit dem Florett, war bewundert und gefürchtet, genoss Nähe zur Macht, ein einflussreicher Mann im Kaiserreich, dessen Artikel bisweilen schwerwiegende Folgen hatten, ein wichtiger Deutscher. Nach dem Ersten Weltkrieg dreht sich der Wind. Auf einmal gilt Harden als fremd, undeutsch, als Jude. Er wird fallen gelassen, überlebt einen Mordanschlag nur knapp. Es kommt zum Prozess gegen die deutschnationalen Attentäter. Hardens Pech: Deren Verteidiger sind deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Und der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Und diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten versuchten Mord an einem Juden, der keiner sein will - und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist Harden durch seine Artikel selbst daran schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten. Die Attentäter werden verurteilt, aber milde.

Was für eine unheimliche, deutsche Geschichte.

Als Harden 1927 starb, stand in Der Angriff, der Zeitung der Berliner NSDAP: "Maximilian Harden ist durch eine Lungenentzündung hingerichtet worden (...) Wir bedauern am Tod dieses Mannes nur, dass er uns die Möglichkeit genommen hat, auf unsere Art mit Isidor Witkowski abzurechnen."

Der Autor dieses ansonsten sperrigen Buchs, Theodor Lessing, ebenfalls ein jüdischer deutscher Journalist, wurde am 30. August 1933 in Marienbad erschossen, in das er sich nach der Machtergreifung der Nazis von Berlin geflüchtet hatte. Er gilt als das erste Todesopfer des Nationalsozialismus auf tschechischem Boden.

Weitere Folgen der Kolumne "Nichts Neues" finden Sie hier.

© SZ/hert
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