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Neues Album von Wanda:Die Sätze sitzen wie Werbeslogans

All das, was sich pseudointellektuelle Diskurspopper mit gelangweilter Attitüde dann eher nicht trauen, wird hier mit Mut zur Peinlichkeit in die Massen gebrüllt, und Bauarbeiter fallen Philosophiestudenten in die Arme, gemeinsam schreien sie lachend mit Tränen in den Augen: "Ich hasse meine Exfreundin!" "Ich auch!" "Die dumme Hure!" "Scheiß auf alles!" "Amore!"

Die Sätze sitzen wie Werbeslogans, die Konzerte laden zum gemeinsamen Fallenlassen ein, mit einem Animator, der nicht davor zurückschreckt, "Jetzt geht's los!"-Choräle einzufordern wie DJ Ötzi. Dabei trägt er seine Lederjacke und eine Hose, die er nie wechselt und ich glaube auch nie wäscht. Das hat er sich so ausgedacht, sagt er, weil er es männlich findet wie Hemingway lesen, Schnaps trinken und fischen.

Genau diese Ästhetik ist es, die auch viele Menschen abstößt. Wenn Marco beim Konzert Fickbewegungen in die Luft macht, muss ich trotz aller Gänsehaut, die ich noch kurz davor hatte, erschrocken das Youtube-Video schließen. Das ist zu viel für die moderne Emanze, etwas zu viel Männlichkeit auf einmal. Ich rieche förmlich den Hodenschweiß, der sich tief ins Gewebe der ranzigen Hose eingefressen hat und mit Bukowski'schen Bierschissresten korrespondiert.

Ausgerechnet Ronja von Rönne darf im Video auftreten

Wanda repräsentieren die wilden Jungs, mit denen Musikjournalisten Mitte vierzig, die mittlerweile brav ihre Kreditraten überweisen, bevor sie Paul in die Waldorfschule bringen, gerne einen heben würden. Arge Typen, auf die man seine Sehnsucht nach wilder Promiskuität mit blutjungen Mädchen und Exzess projizieren kann. Ständig fällt in Artikeln über sie das Wort SEX. "Hallodris", "Strizzis", all diese Wörter, deren weibliches Pendant wohl "Nutte" wäre.

Obwohl Marco in seinen Literaturprofessor-Interviews meistens harte Arbeit, ein gedankliches Konzept, erschlagende Müdigkeit und das kontrollierter werdende Trinkverhalten betont, wird ihnen vor allem als impulsiven Prolljungs von der Straße auf die Schulter geklopft. Die Journalisten sehen in ihnen den letzten kraftvollen Brunftschrei, das letzte verzweifelte Schwanz-Rausholen, bevor das Matriarchat endgültig eingeläutet wird und die Gender-Diktatorinnen die Kastrationsbestecke wetzen.

Auch die Frage, warum sie ausgerechnet Ronja von Rönne zur Hauptfigur ihres Videos "Bussi Baby" - der Song, bei dem einen am Oktoberfest zukünftig Männer in Lederhosen mit feuchten Schnurrbärten das Gesicht abschlabbern wollen werden, "weu es spüt es Bussi-Liadl!" - eingeladen haben, bleibt unbefriedigend beantwortet. Sie wäre eben die einzige junge, fesche Schauspielerin gewesen, die sich gemeldet hätte und reinpasste. Man habe halt nicht gewusst, dass Rönne eigentlich Autorin sei und dadurch bekannt wurde, dass sie sich mit einer Entsolidarisierungsaufforderung gegenüber Frisösen und ähnlich niedrig gestellten Frauen in die Herzen der NPD geschrieben hat und sich stellvertretend für Chauvi-Opas vor den Feministinnen ekelte. Irgendwas an dieser Geschichte geht einfach nicht auf.

Mittlerweile höre ich die CD sogar absichtlich und fühle mich wie 15: verzweifelt, frei, wild und traurig

Doch zurück zum Kern dieses Artikels, der Musik. Spätestens nach der Ansicht der Youtube-Videos haben sie mich leider erwischt. Sie haben mich erfolgreich gebrochen. Man darf sich nicht zu sehr auf die Affektiertheit der Interviews und die pubertäre Männlichkeitsidee konzentrieren, dann funktioniert's. Mittlerweile höre ich die CD sogar absichtlich, gehe durch die Straßen, singe "Die Flaaaaschen von geeestern", dabei mache ich Bewegungen mit den Armen, als würde ich fliegen. Ich fühle mich gelöst, möchte wieder 15 sein und Bierflaschen auf die Zuggleise eines aufgelassenen Dorfbahnhofs werfen, um mich verzweifelt und frei zu fühlen, wild und traurig.

"Ans, zwa, drei, vier, es ist so schön bei dir!"

Die satanischen Messen, die sie Konzerte nennen, haben mich überzeugt. Es ist ein Bierstadl mit anrührendem Wahrhaftigkeitsanspruch, die klare Poesie einfacher, unverblümter Sätze, wenn man sie laut genug schreit.

Nach sieben Bier tanzt sogar mein Freund Witzmann nackt durch die Wohnung und schreit "Ans, zwa, drei, vier, es ist so schön bei dir!", und ich bettel drum, nur noch einmal das Lied mit den Schwestern zu hören, um mich betrunken am Küchenboden zu wälzen. Wir schämen uns danach zwar immer etwas, waschen uns und versuchen uns mit Musik von My Bloody Valentine künstlerisch wieder zu reinigen, aber es hilft nichts: Die Sekte hat uns, der Medizinmann hat uns seine Dämonen eingetrieben.

Die Autorin lebt in Wien und ist vor allem bekannt für ihre Reportagen für Vice und den Bayerischen Rundfunk. Ende Oktober erscheint ihr neues Buch "Fitness" (Redelsteiner Dahimène Edition). Bis Mitte Dezember ist sie auf Lesetour in Deutschland.