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Neues Album von Paul Kalkbrenner:Berliner Weiße, lauwarm

Paul Kalkbrenner verkraftet keine durchgefeierten Nächte mehr

Paul Kalkbrenner ist der Plüschproll unter den deutschen DJs.

(Foto: dpa)

Paul Kalkbrenner wollte mal eine Generation prägen. Doch mit seinem neuen Album "7" verwandelt sich der nette Techno-Onkel endgültig in einen wunderlichen Schnulzen-Kurator. Fünf Fragen, fünf Antworten.

Von Josa Mania-Schlegel

Warum tun wir uns das an?

Weil es Dinge gibt, die sind wie Unfälle: Umso schrecklicher sie scheinen, desto schwerer wird es, wegzugucken. Und eine der ersten Singles von Paul Kalkbrenners neuem Album "7" war ein Schock. Kalkbrenner präsentierte mit "Feed Your Head" ein Cover. Nicht irgendein Cover: "Feed Your Head" bedient sich beim berühmten Jefferson-Airplane-Titel "White Rabbit" und bewegt sich irgendwo zwischen obszöner Remix-Folter und Weichspül-Version.

Wobei: Ganz überraschend kommt das nicht. Paul Kalkbrenner ist der plüschig-prollige Schwiegersohn unter den Techno-Produzenten. Ein Wegbereiter für Familien-Techno zum Wohlfühlen, spätestens seit seinem Film "Berlin Calling": Der machte auch unseren Großeltern halbwegs verständlich, was das seltsame Gezappel zu dröhnenden Bässen soll. Spätestens seit seinem kontroversen Gratis-Auftritt vor Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, ist Kalkbrenner der anerkannte Lieblings-DJ des kleinen Mannes. Ein Dosenbier-Mozart, der sich vor allem darauf versteht, eingängige Beats mit schmalzigen Melodien zu unterlegen. Easy does it!

Was gibt's zu hören?

Zwölf zartsinnige Heimwerker-Schnulzen, an denen Kalkbrenners typisch poesieloser Männerkitsch haftet, gefühlsklebrig wie eh und je.

Auf "7" versucht sich der DJ an poppigen, rockigen und souligen Anklängen. Doch Kalkbrenner bleibt an der Oberfläche, es gelingt ihm nicht, den Grenzen der Genre-Stimmungen nachzufühlen. Er erinnert dabei an die alte Zirkusnummer, in der ein Clown einen Luftballon aufheben will, ihn aber immer wieder mit seinen Riesenschuhen von sich stößt.

Und es kommt noch schlimmer: Kalkbrenner trägt sogar Stahlkappen an den Stiefelspitzen, mit denen er wirklich jedes Gefühl zunichte macht. Denn eigentlich lauern auf "7" durchaus ein paar harmonische, kitschbefreite Weltraum-Melodien, die gerne ausbrechen wollen, Richtung Flügel oder Orgel. Schön wär's - ihnen tritt Kalkbrenner mit plumpen Beats vors Schienbein, immer im Viervierteltakt, mal klatschend, mal dumpf aufschlagend. Erbarmungslos diktiert er die Formel 4-to-the-floor — mit dem Eisenrohr aufs Mittelohr.

Größter Nervfaktor?

Kalkbrenners Label versprach vorab "den totalen Neuanfang". Das klang nach Rumprobieren, nach Wagnissen und Feuerwerk. Stattdessen dominiert auf "7" die absolute Ungefährlichkeit. Durch Kalkbrenners routinierte Lethargie geht das Album nicht einmal als Hintergrund-Gedudel durch.

Auf dem siebten Album würden "wie in Etüden eines Johann Sebastian Bach" einige ausgewählte Themen mehrfach auftauchen, kündigte Kalkbrenner an. Und es stimmt ja: So manches Riff kehrt wieder. Das Problem ist aber, dass die Themen bereits nach der ersten Wiederholung so abgestanden wirken, wie eine Schale lauwarme Berliner Weiße. Anstatt seine Ideen von verschiedenen Seiten zu bearbeiten, betreibt Kalkbrenner auf "7" nur schamloses Geistesblitz-Recycling.

Wer hört das?

Kalkbrenners ewig treue Gefolgschaft. Zum Beispiel jene Umland-Berliner, die Paule ohnehin für knorke halten. Und jede noch so bittere Pille schlucken — so lange er ihr Dealer ist. Es ist ganz so, wie es in dem Jefferson-Airplanes-Cover heißt: "One pill makes you larger / And one pill makes you small". Mal größer, mal kleiner — seine anspruchslosen Fans befördert Kalkbrenner schon mit Sekundenschlaf-Techno in veränderte Realitäten.

Blöd nur, dass zu Kalkbrenners neuer Platte noch besser die dritte Zeile aus "White Rabbit" passt: "And the ones that mother gives you / Don't do anything at all". Denn "7" ist ein Placebo mit Ankündigung. Die Tic-Tac-gewordene Ecstasy-Pille, die nicht einmal überdosiert einen Rausch hervorrufen würde.

Bester Moment?

Niemand ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Und Kalkbrenner? Es wäre zu einfach zu sagen, sein neues Album sei am besten, wenn es endlich abgeschaltet wird.

Denn natürlich hat auch "7" seine Momente: Der Opener "Battery Park" wabert auf einem aufwendig geschichteten Britzel-Beat. Der heisere Synthie von "Mothertrucker" taugt gut als entspannter Clubnacht-Auftakt. Und der letzte Track "Bright Roller" macht doch tatsächlich gute Laune ohne zu nerven.

Bis auch Kalkbrenners Herzschlag-Groove ein letztes Mal pulsiert. Dann nimmt man die Nadel von der Platte, sortiert sie in ihren Umschlag und stellt sie, fast versöhnt, ins oberste Fach. Aufschrift: Unfallregister.

© SZ.de/khil/dd
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