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Neues Album "Freetown Sound":Blood Orange - wieder ein Name wie ein Gelöbnis

In "Freetown Sound" ersteht der Prince von "Sign O' the Times" wieder: ein wahrhaft österliches Album im Hochsommer (das zurzeit übrigens nur digital erworben werden kann; Platte und CD folgen Mitte August). Und doch ist der Vergleich mit Prince - oder mit George Clinton - eine Falle. Denn "Freetown Sound" ist keineswegs, wie in mehreren etwas hilflos begeisterten Rezensionen zu lesen steht, eine Neunzigerjahre-Retroplatte. Nein, es wird nur die eklektische Methodik eines Prince auf die musikalischen Materialien der Gegenwart angewandt, etwas, das Prince verwehrt geblieben ist.

Wo Prince Funk und Miles und Hendrix und Sly Stone und sexuelle Mehrdeutigkeit versöhnte, indem er die Bestandteile bis zur Kenntlichkeit überhöht hat - also den ganzen langen Weg ging bis hin zur Lächerlichkeit - dort greift Dev Hynes mit beiden Armen in einen Trog voller Perlen, die für die Schweine von heute bestimmt waren, und lässt sie schimmern und glitzern, dass in jedem Juwelierladen die Alarmanlagen losplärren. Zu den Zutaten, mit denen Prince so sicher zu hantieren wusste, gesellen sich Hip-Hop, die fast atonalen Chöre der Dirty Projectors, cinematografisches Know-how, lästerliche Balladengestimmtheit des neuen Rhythm & Blues, sehr viel Poetry-Samples und - am wichtigsten - eine Produktionsökonomie, die aus den auf uns einstürzenden Eindrücken einen kraftvollen Flow werden lässt, der eine neue Musik antreibt: ein Kraftwerk der Emotionen und Möglichkeiten.

Eine einstündigen Tour de Force ohne Hit - funktioniert trotzdem

Wenn Hynes "Paul's Boutique" von den Beastie Boys als Referenzpunkt nennt, dann ist dies ebenfalls mehr ein methodischer Querverweis als ein nostalgischer Fluchtpunkt. Auch Dev Hynes Schwäche, der Gesang, ist aufgelöst. Wo er sich früher auf eine dominante Gaststimme verlassen hat, die sein nach Operationen geschwächtes und damit eindimensional wirkendes Organ stützen oder konterkarieren konnte, zerschlägt er hier mutig die Konventionen und geht den Hip-Hop-Weg, alles zu Wort kommen zu lassen, was bei drei nicht auf den Bäumen war: Stars und Samples, sich selbst und selbst ein Saxofon. Das 17 Stücke umfassende Album hat nur ein einziges Manko: Ich kann keinen Hit hören. Es funktioniert nur als Ganzes.

Dieselben Songs tauchen fragmentarisch oder umarrangiert an verschiedenen Stellen der einstündigen Tour de Force erneut auf. Bezüge werden erst in zeitlich weit entfernten anderen Songs deutlich. Das hier ist eine Oper, und wie bei Opern üblich, muss man sich halt auch drei Takte Mühe geben, um das große Ganze erfassen zu können. Also, ein Haufen Arbeit hier, eine Menge Spaß, und bevor ich es vergesse: "Freetown Sound" ist ungemein politisch. Wer sich in die Vielstimmigkeit eingehört hat, wird mit den Grundproblemen einer Blackness konfrontiert, die man sich im Mainstream eines weißen Europas und eines weißen Nordamerikas nicht vorstellen kann. Hier kommt der Soundtrack zu "Black Lives Matter", aber reflektierter, als dies vielleicht US-Bürgern möglich ist. Auch konstruktiver, als man dies vom gern zum Selbstmitleid neigenden Afroamerika kennt. Devonté Hynes hat seinen Platz gefunden. Er ist ein Wanderer, wie seine Eltern es waren. Auf der Suche nach Zukunft, nach Frieden, nicht unbedingt nach Identität. Nach Glück eben. Ein gutes Stück davon dürfte er mit "Freetown Sound" gefunden haben.

© SZ vom 29.07.2016/doer
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