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Nummer-eins-Album von Laith Al-Deen: Austauschbar wie ein BWL-Lebenslauf

Hat Friedrich Nietzsche ihn prophezeit? Konsenspopper Laith Al-Deen.

(Foto: Carsten Klick)

Was nach Laith Al-Deens Album "Bleib unterwegs" noch kommen kann: mehr Streicher. Oder doch der Tod?

Off the Record: die Pop-Kolumne von Juliane Liebert

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne.

Es verkauft sich wie blöde. "Bleib unterwegs" ist eines jener Alben, die so vorhersehbar sind, dass man beim Hören ständig vergisst, dass Musik läuft und den Impuls unterdrücken muss, welche anmachen zu wollen. Eines, bei dem du dankbar bist, wenn endlich Spotify-Werbung kommt. Mainstream, Radiopop, Kommerz. So lautet der Kritikertenor zu Laith Al-Deens neuntem Album, seit Freitag auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Aber man darf es sich nicht zu einfach machen mit dem Massengeschmack. Denn näher betrachtet wirft "Bleib unterwegs" Fragen auf, von denen mancher Avantgardemusiker nur fieberträumen kann.

Nehmen wir das Duett mit Sängerin Cäthe, "Nichts, was es nicht gibt", song-gewordene, wohlproduzierte Konformität. Der Text geht so:

Deine Liebe ist ein Karussell

Sie bewegt sich schnell (STREICHER)

Sie will dich (STREICHER)

Sie will dich (STREICHER)

Sie will dich (STREICHER, ja was will sie denn nun, diese verdammte Liebe?)

Von innen umarmen.

Okay. Erste Frage: Wie umarmt man jemanden von innen? Die grafische Antwort lautet: Ein Teppichmesser nehmen, die geliebte Person der Länge nach aufschneiden, danach in ihren Kadaver kriechen, zwei Löcher für die Arme machen und zudrücken. (Geht nur, wenn die geliebte Person um einiges größer und breiter ist als man selbst, notfalls vorher Diät.) Nein, das ist nicht schön, aber wer - außer Sängern wie Laith Al-Deen - behauptet, dass Liebe schön ist?

Warum hält sich gerade der schlimmste Ich-Du-Liebe-Leben-Feuer-Pop so beharrlich ganz oben?

Zweite Frage: Laith Al-Deen bewegt sich, auch das ist Konsens, in der Mitte der Mitte, jenem gut besiedelten Jedermannsland, in dem die Streicher streichen und das Klavier klimpert, in dem selbst die Trauer weichgespült ist, der Hass leichte Verärgerung, die einzige Obsession Gefallsucht. Die Musik ist perfekt konstruiert und so austauschbar wie ein BWL-Lebenslauf. Die Songtexte sind derart generisch, dass sich die Frage stellt: Würde man sie durch ein Textanalyse-Programm jagen und aus den häufigsten Worten wiederum einen neuen Laith-Al-Deen-Song generieren, einen supergenerischen Übergenese-Song, würde er zu einem Ohrwurmloch mutieren, einer Art popmusikalischem Gleichförmigkeitstunnel, der den deutschen Mainstreampop für immer in sich einsaugen und dadurch obsolet machen würde?

Gesagt, getan. Die Wortanalyse, Füllwörter abgezogen, sagt: "Bleib unterwegs" enthält unter anderem 57 x Du, 42 x Ich, 12 x Feuer, 10 x Welt, 13 x fehlst, 7 x Liebe, 7 x Ende, 7 x egal. Ziemlich selbstlos im Vergleich zu, sagen wir, etwa Ich + Ichs Erstlingsalbum: Da gab's 125 x Ich, nur 77 x Du, viel Licht, Leben und gleich 10 x Schmerz. (Alles ohne Gewähr, bei Bedarf bitte selbst nachzählen.)

Daraus folgen die dritte und vierte Frage: Dass (nicht nur) die Deutschen ihr Geld gern für ironiefreien Befindlichkeitspop ausgeben, wissen wir ja, aber warum hält sich gerade der schlimmste Ich-Du-Liebe-Leben-Feuer-Pop so beharrlich ganz oben? Umso härter die Zeiten, desto schmieriger die Kunst? Oder, genau andersherum: Hatte Nietzsche recht?

Ja, Nietzsche. Es gibt eine vernachlässigte Stelle im immer wieder unterhaltsamen "Also sprach Zarathustra", in der Nietzsche das Ende des Menschengeschlechtes vorhersagen lässt. Sie klingt, als hätte er dabei "Bleib unterwegs" gehört. Tatsächlich, mit minimaler Textarbeit klingt sie erschreckend exakt:

"Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Popstar, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Popstar lebt am längsten. 'Wir haben das Glück erfunden' - sagen seine Fans und blinzeln. Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu hören: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife."

Hat Nietzsche Laith Al-Deen prophezeit? Ist "Bleib unterwegs" die letzte Station unserer Zivilisation, nachdem wir das mit dem Übermenschen verkackt haben? Das wär Frage fünf, aber genug der Philosophie, zurück zur Statistik: Gehen wir den einen, den letzten Schritt weiter und bilden das arithmetische Mittel aus allen verfügbaren Laith Al-Deen Lyrics. Den supergenerischen Übergenesesong. Der hieße (rein Häufigkeits-bestimmt) "Nicht ich und du" und ginge so:

Es sind nicht ich und du

Es ist der Tag, das Feuer der Zeit

was dir im Herzen brennt

dort irgendwo in der Welt.

Nanana dududu (STREICHER!)

Letzte Frage: Was kommt nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der deutschen Popmusik? Nichts, oder um es mit Al-Deens Worten zu sagen: 7 x Liebe, 7 x Ende, 7 x egal.

© SZ.de/jobr

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