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Neues Album der Beach Boys:Sodbrennen in den Ohren

Aufgewärmte Emotionen, schamlos geklaute Ideen: Das neue Album der "Beach Boys" versucht, die Aufbruchsstimmung der kalifornischen Jugendkultur der Sechziger ins Heute zu transportieren. Das Ergebnis klingt aber eher, als hätte ein gewissenloser Broadway-Produzent ein lustloses Musical über die Beach Boys geschrieben.

Andrian Kreye

Es soll Leute geben, die wünschen sich die Mauer zurück. Das kann man ausnahmsweise nachvollziehen, wenn man das neue Album der wiedervereinigten Beach Boys anhört. Vielleicht war das früher eben doch alles besser. Brian Wilson verlebte seine chronische Rekonvaleszenz als nachhaltig verstörtes Genie, der mit dem Album "Pet Sounds" 1966 einen Goldstandard des Pop geschaffen hatte. Seine Brüder, Verwandten und Bekannten, die weiter als Beach Boys firmierten, fristeten ihr Dasein als Lieferanten für die Ferienmusik amerikanischer Kleinbürger, die sich ihren Urlaub an überfüllten Stränden schöntrinken müssen.

Brian Wilson (Mitte) und die Beach Boys: Schwächen beim Intonieren, die der Autotune-Filter ausgleicht.

(Foto: EMI Music)

Auf "That's Why God Made The Radio" (Capitol) sollte das zur ersten gemeinsamen Tour seit 46 Jahren wieder zusammengeführt werden. Aber es wächst nicht mehr zusammen, was vor Jahrzehnten an Wilsons Wahn zerbrach. Die Songtitel klingen zwar, als hätten sie sich "Pet Sounds"-Fans ausgedacht, die Bands wie die High llamas, oder die Wondermints gründeten.

"Daybreak Over the Ocean", "Pacific Coast Highway" oder "Summer's Gone" versprechen erst einmal jene bittersüße, vielstimmige Harmonie, mit der sich die Beach Boys aus ihrer betulichen Surf-Phase in ihre großen Pop-Jahre gerettet hatten. Schwer zu sagen, was dann in Brian Wilson und seinen Cousin Mike Love gefahren ist, als sie hinter dem Mischpult standen.

Schlagzeug und Bass schieben sich aufdringlich in den Vordergrund. Das könnte man noch als Zugeständnis für zeitgenössische Klangspektren deuten, nur haben Schlagzeug und Bass hier nicht mehr beizutragen, als gesittete Pflichterfüllung, wie man sie von Fernsehorchestern kennt. Die klassischen Chorsätze flattern unterdessen silbrig durch den Autotune-Filter, der auch Brian Wilsons Schwächen beim Intonieren ausgleicht.

Solche Verirrungen in vermeintlich zeitgemäße Klangbilder haben schon andere Pop-Pioniere zur Strecke gebracht, die den Klang ihrer Zeit prägten. "Pet Sounds" war so ein Meilenstein, und dazu gehörte zwar Carol Kayes prägnant gezupfter Fender-Bass als Gegengewicht zu Brian Wilsons Klang- und Chorwänden. Doch was damals überwältigend klang, ist heute vollkommen aus der Balance geraten, wirkt fast dilettantisch.

Karibik-Klischees und Schunkel-Motive

Das gleiche gilt für die Songs. Die Emotionen sind aufgewärmt, die Ideen manchmal schamlos plagiiert - die erste Strophe von "Pacific Coast Highway" ist fast identisch mit den ersten Takten von "(You Make Me Feel Like) A Natural Woman", das Carole King für Aretha Franklin schrieb. Karibik-Klischees und Schunkel-Motive verorten die Beach Boys 2012 dann endgültig in der "Margaritaville"-Seligkeit, mit der Florida-Barde Jimmy Buffett das Erbe der Surfmusik schändete.

Spätestens bei "Spring Vacation" stellt sich ein mentales Sodbrennen ein, das die nostalgischen Qualitäten gut abgehangener Popmusik ins Gegenteil verkehrt. Das weckt eher unangenehme Erinnerungen an erste unkontrollierte Jugenderfahrungen, als an sonnendurchflutete Teenager-Tage, die Musikvideos so gerne verklären.

Alles in allem klingt es, als hätte einer jener gewissenlosen Broadway-Produzenten, die immer häufiger das Erbe des Pop fleddern, ein Musical über die Beach Boys geschrieben und das dann mit jener Sorte lustloser Profimusiker inszeniert, die im Orchestergraben großer Musicalproduktionen ein bürgerliches Auskommen suchen.

Die Zeitläufte mögen ungerecht sein - man kann die Aufbruchsstimmung einer Jugendkultur im Kalifornien der Sechziger nicht mit der Verwaltung des eigenen Erbes vergleichen. Doch nach der letzten der zwölf Nummern wünscht man sich, man hätte sich das Album nie angehört. Das ist dann allerdings zu spät.

3.8. Berlin, 4.8. Stuttgart, 5.8. Mönchengladbach

© SZ vom 01.06.2012/mahu/pak

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