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Neuer Roman von Helene Hegemann:Vorauseilender Exhibitionismus

Autorin Helene Hegemann

Helene Hegemanns zweiter Roman dreht sich um die Wohlstandskinder Kai und Cecile.

(Foto: dpa)

Im deutschen Literaturbetrieb ist Helene Hegemann mit ihren 21 Jahren bereits bekannt, was sie ihrem Debüt-Roman "Axolotl Roadkill" verdankt. Nun ist ihr zweites Werk "Jage zwei Tiger" erschienen: Ein Melodram für reife Leser.

Man macht sich derzeit gerne locker, wenn es um Generationen geht. Geschieht dies, weil die einen nicht alt werden wollen oder die anderen nicht länger jünger sein? Sicher ist, dass den einen Schönheit und Ideen zu eigen sind und die anderen vielleicht noch Ideen haben, vor allem aber Macht.

Wo man sich näher kommt, ist man natürlich auch bereit, sich entwaffnen zu lassen, aber nur weil feststeht, dass man hinterher wieder aufrüstet und sich zurückziehen darf in die Feste, die Literaturbetrieb heißen, Kunstszene oder Theaterwelt. Solche Momente dürfen zudem nicht eigensinnig oder unausgegoren wirken. Besser ist es, wenn sie als authentisch oder "krass" gelten. Dann wird man nicht mehr daran erinnert, dass es die Jungen sind, die über die Zukunft bestimmen werden. Und dass man als Älterer nicht mehr dazu gehören wird, weil man dann tot ist.

"Roadkill" an der Mutter

Zu den Gesichtern, mit denen man sich deswegen gerne anfreundet, gehört neben Charlotte Roche auch die mit 21 Jahren noch jüngere Helene Hegemann. Sie wurde berühmt, als sie, noch 17-jährig, den Roman "Axolotl Roadkill" veröffentlichte, dem jetzt ein zweites Buch folgt, "Jage zwei Tiger", das mit dem ersten zumindest so viel gemein hat, dass im Titel wieder ein Tier und gewaltsamer Tod vorkommen.

Es setzt mit dem "roadkill" ein, dem Unfalltod einer Mutter, den ihr Sohn überlebt, Kai: "ein bisschen zu dick, ein bisschen zu unentspannt und ne fette Brille auf der mit unregelmäßigen Sommersprossen bedeckten Nase, unfassbar rührend, vor allem das liebevolle, von großen gegensätzlichen Ansichten geprägte Mutter-Sohn-Verhältnis. Ist ja auch immer super, im 3400-Euro-Lammlederkleid nach Hause zu kommen und sich zurück auf dieses auf Astronomie oder so stehende Kind in Adidas-Jogginghose besinnen zu müssen, auf dem Sofa, kariertes Hemd dazu, gegelter Seitenscheitel, das sich gut mit Technik auskennt."

Chirurgisch optimierte Schamlippen

Sein Vater, so lässt einen Helene Hegemann wissen, hat sich nach dem Unfall "okay" verhalten. Detlev ist ein "schwerstattraktiver Eins-neunzig-Typ in den besten Jahren, auf eine interessante Weise nicht erwachsen geworden und gleichzeitig enorm zerfurcht von der schweißtreibenden Gleichzeitigkeit seines Business und der von diesem und voneinander fernzuhaltenden Frauen unterschiedlichster sozialer Schichten und Altersstufen, alle leider, leider wahnsinnig verliebt in ihn".

Weswegen sie auch weiß, dass er am Krankenbett seines schwerverletzten Kindes vor allem an die "chirurgisch optimierten Schamlippen seiner einundzwanzigjährigen Affäre Isabell, Philosophiestudentin" denkt. Dem Jungen kann er jedenfalls nicht viel versprechen: "Ich kann dir nicht bei Mathehausaufgaben helfen, und ich werde dich nicht davon abhalten können, in vier Jahren oder weiß der Teufel wann Drogen zu nehmen. Ich will auch nicht lernen, wie so was geht, verantwortungsbewusstes Handeln, da muss ich ehrlich sein, auch zu mir selbst."

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