Lars von Triers neuer Film Melancholia Erst war sie die perfekte Braut

Dass ihm die Arbeit an "Melancholia" viel Spaß gemacht und aus einer langen Depression befreit habe, hat von Trier ebenfalls erzählt, und man glaubt es ihm gern. Nichts belebt einen Melancholiker mehr, als sich das Schlimmstmögliche vor Augen zu führen. Womit wir bei Justine wären, einer der beiden zentralen Figuren in "Melancholia", diejenige, mit der sich der Regisseur angeblich stark identifiziert. Kirsten Dunst hat für ihre Darstellung in Cannes die Silberne Palme bekommen.

Zunächst ist Justine eine strahlende, kichernde, wunderschöne, kurz: die perfekte Braut. In einer Stretch-Limousine versuchen sie und ihr Ehemann Michael (Alexander Skarsgård) einen engen Serpentinenweg hochzufahren, was an der Länge des Autos fast schon slapstickhaft scheitert. Zu Fuß und viel zu spät kommt das Brautpaar am herrschaftlichen Landsitz der Brautschwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihres reichen Ehemannes John (Kiefer Sutherland) an, wo die Hochzeitsfeier schon im Gange ist. Udo Kier gibt den Hochzeitsplaner, der ob der Unpünklichkeit des Paares sich die Haare rauft - noch wirkt das Ganze wie ein komisches Gesellschaftsstück.

Das ändert sich schnell, als die ersten Reden gehalten werden. Der Arbeitgeber der Braut fordert einen fälligen Slogan ein (Justine arbeitet in der Werbung). Ihr Vater (John Hurt als haltloser Weiberheld und Trunkenbold) und ihre Mutter (Granit im Hippie-Shirt: Charlotte Rampling) führen ihren Ehekrieg fort. Man kann mit amüsierter Nachsicht auf solche Figuren blicken. Die nervöse Handkamera, mit der Lars von Trier diese Hochzeitsgesellschaft studiert, erinnert jedoch eher an die dänische Dogma-Bewegung, die der Regisseur mitbegründete, das Sujet an Thomas Vinterbergs "Das Fest", in dem ebenfalls eine monströse Familie viviseziert wurde.

Justine jedenfalls sinkt Stunde für Stunde tiefer in ihre Depression. Schließlich benimmt sie sich so sehr daneben, dass sie am Ende ihrer Hochzeit ihre Existenz komplett vernichtet hat: Der Job ist weg und der frischgebackene Ehemann auch. Dass die Party unter einem bösen Stern stand, einem rotleuchtenden, den Justine mit einem Blick über die Schulter am Sternenhimmel erspäht, wusste man schließlich aus der Ouvertüre.

Auf diesen satirisch-realistischen ersten Teil, der mit "Justine" überschrieben ist, folgt ein zweiter unter dem Namen der anderen Schwester, "Claire". Sie ist die vernünftige der beiden, hat Mann und Kind, also viel zu verlieren. Sie päppelt Justine nach deren Zusammenbruch wieder auf. Im Angesicht des herannahenden Planeten verliert Claire jedoch zunehmend die Fassung, während Justine aufblüht, sich "sonnt" im Schein des Todessterns, nackt hingegossen an einem Fluss. In diesem Bild fallen Eros und Thanatos zusammen. Der Countdown zum Weltuntergang, der dieser zweite Teil ist, verläuft denn auch nicht linear, sondern als Totentanz - so haben Wissenschaftler die Bewegung der Planeten beschrieben.