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Neue Musik:Das sind die Alben der Woche

Justin Timberlake bringt die Erektion zurück in den Pop und Country zum Hip-Hop. Olli Schulz dichtet famose Zeilen aus einem angeschlagenen Leben. Und was ist eigentlich gute Sexmusik?

Rhye - "Blood" (Caroline)

Was unterscheidet gute Sexmusik eigentlich von schlechter Sexmusik? Im Grunde genau das, was gute Popmusik von schlechter Popmusik unterscheidet. Die zitternde Spannung, das große Verzehren und die noch größere Erfüllung, wenn alles zusammenkommt und harmoniert in einem flüchtigen, idealen Moment. "Blood" (Caroline), das neue Album von Rhye, ist demnach sehr gute Sexmusik. Nicht weil es sich lyrisch und ästhetisch gänzlich ungehemmt in diesen Topos stürzt. Nicht weil da einer elf verträumte R'n'B-Songs lang den Körper und den Herzschlag und den Schmerz und den Atem des anderen spüren will. Sondern weil Rhye eben sehr gute Popmusik machen. Musik, die sich sehnt und windet, die ganz leise tost und tobt und ganz laut schweigt und schwelgt. Der pluckernde Bass, der diese Produktionen von tief unten anschiebt, das sanfte Flöten der Orgel, die Synthie-Tupfer. Und dann ist da noch diese Stimme. Die Stimme des kanadischen Sängers Mike Milosh, die sich jeder geschlechtlichen Zuordnung entzieht und die genau deshalb zu den verführerischsten Stimmen der Stunde zählt. Wenn er seine Worte gegen den zarten Beat haucht, ist es vollends egal, ob das die weiblichste Männerstimme oder männlichste Frauenstimme ist. Dann geht es nur noch um den einen, den perfekten Popmoment, in dem für einen Augenblick alles gut ist.

Julian Dörr

Olli Schulz - "Scheiß Leben, gut erzählt" (Trocadero)

Eine Tour bis auf die letzte Show auszuverkaufen, bevor die neue Platte überhaupt erscheint, das ist ein ganz schönes Ding. Aber Olli Schulz ist ja auch längst mehr als Olli Schulz. "Musiker/ Moderator/ Schauspieler/ Comedian/ Playboy/ Geschäftsmann und Freund aller Kinder" - so beschreibt er sich auf seinem neuen Album "Scheiß Leben, gut erzählt" (Trocadero) selbst. Weil es hier aber um Pop-Kritik geht, bitte kurz den ganzen anderen Trubel ausblenden und auf die eine Frage fokussieren: Wie klingt eigentlich der Musiker Olli Schulz, mit dem vor ein paar Jahren alles angefangen hat, heute, 2018? Die Antwort, kurz und knapp: genauso breit wie sein Jobprofil. Olli Schulz macht immer noch Songwriter-Pop. Hat den aber mit einem trocken wummernden Bass und allerlei Genreausflügen ausgebaut. Mal gibt es verzerrte Gitarren, dann ein paar Synthieschleifen. Hier ein Hauch Autotune, da der gemütliche Reggae-Schwank. Musikalisch ist das mehr als durchwachsen. Macht aber gar nichts, weil Olli Schulz in seinen besten Momenten immer noch ganz famose Zeilen aus einem angeschlagenen Leben dichten kann: "Ich mein', wenn man jemanden gern hat, vielleicht sogar liebt, dann ist es scheißegal, ob es schmeckt, wie Pisse riecht."

Julian Dörr

Justin Timberlake - "Man of the Woods" (Sony Music)

Jeder weiß ja, dass "wood" im Englischen nicht nur das Holz, sondern auch die Latte ist. Der "Man of the Woods" (Sony Music), als der Justin Timberlake jetzt nach fünf Jahren zurückkehrt, ist deswegen nicht einfach der Hinterwäldler im karierten Flannelhemd, der sich darüber aufregt, dass alle die Südstaaten schlecht machen. Sondern auch der Typ, der dauernd will und kann. Doppeldeutig, aber sicher kein Widerspruch, nicht wahr? Ironischer Priapismus im Zeitalter von "Me Too": mieses Timing für ein Comeback, eigentlich. Aber die Musik auf dem Album ist gut. Justin und seine Produzenten - die Neptunes und Timbaland - schaffen es, Country, Hip-Hop und Dance-Pop so zusammenzubringen, dass es wie aus einem Guss klingt. Auf Lady Gagas Album "Joanne" standen die Stile ja noch komisch unverbunden nebeneinander. Hier, in "Sauce", reitet die Wüstenrock-Gitarre ganz logisch einen blubbernden Funk-Groove, und im Titelstück umspielen Steel-Gitarre und Country-Twang eine Akkordfolge, die - Südstaaten-Hip-Hop lässt grüßen - auf hoch und runter gestimmten Toms getrommelt wird. Das ist sicher keine Anbiederung an MAGA-Mützen tragende Rednecks im Zeitalter des Trumpismus. Sondern eher eine Erinnerung daran, dass, wer "great again" werden will, sich weiterentwickeln und neuen Einflüssen öffnen muss. Nummer-1-Hits? Dafür gibt es heute den anderen Justin (Bieber). Und "Filthy" hat es ja immerhin in die Billboard-Top-Ten geschafft.

Jan Kedves

© SZ.de/doer/crab/mane

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