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Neue Bücher: Senioren im Urlaub:No Country for Old Men

Die neue Humor-Saison hat ihr Thema gefunden: den Rollatorbenutzer auf Reisen. Früher war die Angst vor den Alten nur ein Thema für die Politik. Wird soziale Kälte jetzt lustig?

Es geht steil los in der lustigen Reiseliteratur dieses Winters, schon bei der Wahl des Urlaubsziels. Näher als Kenia wären ja die Kanaren, denkt sich die Hauptfigur von Heinz Strunk in Afrika, nur leider seien die "als Vorgriff auf das, was uns in naher Zukunft überall auf der Welt erwarten wird, fest im Griff der Rentner. Eine Seniorendiktatur. Steinalte, verkohlte Truthähne, so weit das Auge reicht. Erst Teneriffa, dann den Rest der Welt."

Streit über den Kaffee: Wenn alte Menschen grantig werden

"Greise, die ohne nennenswerte Erfahrung ihren endlosen Abendfrieden, die sinnlose Lebensverlängerung, den frech nach hinten geschobenen Tod genießen":  Drei neue Bücher beschäftigen sich mit den immer präsenten Alten. Eine neue Art von Humor?

(Foto: dpa)

Damit ist das Thema der Humor-Saison gefunden: der Lebensabend. Dieser dauert heute ja oft sehr lange, erklärt Strunk das Dilemma, unter Umständen länger als Morgen und Mittag zusammen. Entsprechend sind die Promenaden vieler Urlaubsorte von Alten besetzt, "Greise, die ohne Nutzen für irgendjemanden und ohne nennenswerte Erfahrung ihren endlosen Abendfrieden, die sinnlose Lebensverlängerung, den frech nach hinten geschobenen Tod genießen."

Strunk, bald fünfzig, schrieb vor Jahren Fleisch ist mein Gemüse, einen Bestseller. Er gehört also selbst nicht mehr zur jugendlichen Zielgruppe seines Buches. Trotzdem kultiviert Strunk eine ausgewachsene Urlaubs-Gerontophobie. Tun die Senioren etwas, findet er das schrecklich: "Wollen einfach nicht alt werden, die Alten. Hochbetagt besteigen sie den Mount Everest, lassen sich mit Ende neunzig immatrikulieren, wissen einfach nicht, wohin mit der sinnlosen Lebenserwartung." Tun sie nichts, ist das fast noch schlimmer: "Raus aus der Erotik, rein ins Alter. Hineingezwungen in völlige Untätigkeit, ohne Geschäfte, ohne Aufgaben, gefangen im rückwärtsgewandten Leben, eingemauert in der eigenen Erstarrung, irren sie durch die hellen Nebel der Kindheit."

Irgendwann denkt er sich dann selbst, es sei jetzt aber auch mal gut mit dem Seniorenbashing. Etwas erleichtert und amüsiert über das ansonsten wie immer hervorragende Buch, wendet man sich sogleich an Strunks Reisebegleiter, der im Buch immer nur als "C" auftaucht.

Das steht für Christoph Grissemann, Teil des deutsch-österreichischen Satiriker-Duos Stermann & Grissemann, die soeben selbst einen gewagten Avantgarde-Thriller vorlegen, der im Februar unter dem Titel Speichelfäden in der Buttermilch erscheint: 700 Seiten, gefühlte 14000 gelungene Pointen. Und was begegnet einem da, auf Seite 26? Die reinste Altersdiskriminierungs-Prosa: "Das Problem war, dass es für die Senioren keine Freizeitangebote gab, kaum Seniorenzentren, so war es kein Wunder, dass sie Alkohol tranken und Zigaretten rauchten. Auch körperlich waren sie in schlechtem Zustand, Falten, schlechte Zähne, schlechte Haltung. Außerdem hatte keiner der Senioren einen Job. ...Was uns traurig machte, war, mitansehen zu müssen, wie perspektivenlos sie waren, sie waren die 'No future'-Generation. Aber - na bravo! - medikamentensüchtig."

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