"Wild" von Nicolette Krebitz im Kino Dieser Wolf ist kein Märchenbewohner - er ist schlicht ein wildes Tier

Was kauft man für einen großen Hund, fragt Ania im Supermarkt, "wenn's was Besonderes sein soll?" "Das wird nicht billig", sagt der Metzger. Ania zuckt die Schultern und hängt ein teures Steak ins Gebüsch. Sie googelt "Wolf Deutschland". Sie liest ein altes Buch über die Lappjagd, bei der ein ganzes Waldstück mit bunten Bändern verhängt wird, an denen sich Wölfe dann nicht mehr vorbeitrauen, und man sie zusammentreiben kann.

Aber der Wolf bleibt erst einmal verschwunden. Er ist kein computeranimiertes Wesen aus dem Reich der Fantasy, kein großer, böser Märchenbewohner, kein liebeshungriger Werwolf und kein Heuler im Mondlicht, nicht einmal ein besonderes Symbol für das Verdrängte in uns. Er ist ein wildes Tier. Und also ist es dann die Frau, die Initiative zeigen muss, damit aus der Beziehung auch was wird. Wie immer.

Wolf Immer mehr Wölfe in Bayern unterwegs
Raubtier in Starnberg

Immer mehr Wölfe in Bayern unterwegs

Die Sichtung eines Tiers im Starnberger Raum ist kein Zufall: 31 Rudel gibt es inzwischen in Deutschland. Die Menschen bekommen davon allerdings kaum etwas mit.   Von Christian Endt und Christian Sebald

Ania inszeniert ihre ganz persönliche Lappjagd, und der Film verwendet viel Zeit darauf, das ausführlich zu beglaubigen: Woher sie die ganzen bunten Stofffetzen hat, wer ihr hilft, wem der Transporter gehört, welchen Tierbetäubungscocktail sie verwendet (es ist, wie sollte es anders sein, die bewährte "Hellabrunner Mischung") und warum sie schießen kann, mit der Pistole wie auch mit dem Blasrohr. Danach ist der Wolf dann Gefangener in ihrer Wohnung, in einem anonymen Apartmenthochhaus, und man hört das sächselnde Keifen der Hausmeisterin: Was stinkt hier denn so?

"Ich musste mich ihm öffnen", sagt die Schauspielerin über den Wolf

Eine Liebe also, die fürs Erste geheim bleiben muss. Der Wolf lebt allein in einem Zimmer, Ania nebenan - sie ist ja nicht lebensmüde. Oder doch? Nachts sind auf einmal alle Türen offen, eine Blutspur führt ins Bad, der Wolf folgt ihr schlabbernd, aha, es ist Menstruationsblut, die nackte Ania erwartet ihn, der Wolf leckt weiter, und schließlich leckt er auch direkt an der Quelle.

Ein Moment, den der Chefkritiker des Hollywood Reporter nie mehr vergessen wird, und wahrscheinlich auch sonst niemand, der ihn gesehen hat. War aber, puh, nur ein Traum. Außer natürlich für die Schauspielerin Lilith Stangenberg, die diese Bad-Girl-Fantasie mit ihrem Körper beglaubigen musste, mit Wolfsfängen, Wolfsatem, Wolfsgesabber im Schoß. Und einem erfahrenen ungarischen Tiertrainer, gerade mal so außerhalb des Bildes.

Lilith Stangenberg macht das mit atemberaubender Souveränität, und wenn man sie heute darüber reden hört, war da wirklich etwas zwischen ihr und dem Wolf, eine Chemie, ein Einverständnis. "Wenn ich nicht direkt war oder wenn ich einen Zweifel hatte und in der Körperlichkeit uneindeutig, verkrampft war, hat der Wolf sofort angefangen, mir zu misstrauen", sagt Stangenberg. "Ich musste mich ihm öffnen."

Das ist die Ebene des Konkreten, die hier mächtig präsent bleibt, während sich nun die Realität langsam auflöst, während der Wolf und die Frau sich finden und sie die letzten Verbindungen abbricht, die sie bisher noch gehalten haben, zum Alltag, zur Zivilisation, zur Wirklichkeit.

Aus dem Meer der Gleichförmigkeit des deutschen Films ragt dieser turmhoch heraus

Zu Papier bringen kann man ja viel, als feministisches Statement, als weibliche Dominanz- oder Unterwerfungsfantasie, als kleine oder große Flucht. Aber alles ist noch mal anders, wenn man dann wirklich eine Frau und einen Wolf vor der Kamera zusammenbringt. Da entsteht etwas Unerklärliches, ein nicht ganz auflösbares Rätsel, das seine eigene Wahrheit hat, vielleicht im gemeinsamen Ursprung zweier Lebensformen, im fernen Echo der Evolution.

"Wild" ist Nicolette Krebitz' dritter Spielfilm. Hauptsächlich arbeitet sie als Schauspielerin, nur alle sieben bis neun Jahre schreibt und inszeniert sie etwas Eigenes. Vielleicht liegt es daran, wie eigen ihre Sachen sind: "Jeans" war der Versuch, einen unwiederbringlich großen Berlin-Sommer festzuhalten, mit nichts als den besten Freunden. "Das Herz ist ein dunkler Wald" erzählte von der Erweckung einer Frau, Nina Hoss, aus Lüge, Mutterschaft und Selbsttäuschung.

All diese Filme haben etwas Suchendes, Unvollendetes, über das man sich leicht erheben kann. "Das Herz ist kein dunkler Wald, sondern ein sehr kraftvoller Muskel", hat Rainald Goetz dazu einmal notiert, gegen den fatalen Drang, es sich im Poetischen allzu bequem zu machen. Das ist wahr. Und ein Wolf ist ein Wolf ist ein Wolf.

Solch angeberhafter Materialismus führt aber, wie Goetz gleich anschließend einräumen muss, auch nicht wirklich weiter. Eher gilt es, stur zu bleiben und sich den tausend wohlmeinenden Ratschlägen zu widersetzen, die insbesondere unser Filmfördersystem für alle bereithält, die wirklich mal etwas riskieren wollen. Das ist Nicolette Krebitz bei "Wild" gelungen. Aus dem Meer der Gleichförmigkeit, das wir den deutschen Film nennen, ragt sie damit turmhoch heraus.

Wild, Deutschland 2016 - Regie und Buch: Nicolette Krebitz. Kamera: Reinhold Vorschneider. Schnitt: Bettina Böhler. Musik: Terranova, James Blake. Mit Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl. Verleih: NFP, 97 Minuten.

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