Netzkolumne:Das Leben am Hals haben

Netzkolumne: Mit smarten Brillen eine Schicht digitaler Informationen über die Realität legen: Google Glasses.

Mit smarten Brillen eine Schicht digitaler Informationen über die Realität legen: Google Glasses.

(Foto: Filip Singer/dpa)

"Jedes Leben passt auf ein Terabyte": Vom traurigsten Werbeslogan der Welt und weiteren Versuchen von Tech-Konzernen, das Leben in Daten zu sichern.

Von Michael Moorstedt

Was heute noch als Avantgarde gilt, ist morgen schon profan. Selbst die künstliche Intelligenz entkommt diesem ehernen Gesetz nicht. Jedenfalls kommt kaum eine Marketingkampagne heute noch ohne KI-Einsatz aus. Anstatt die Menschheit in ein goldenes Zeitalter zu erheben, wird die Fabeltechnologie von Fast-Food-Ketten oder Brauereien dazu benutzt, "neue" Burger- oder Bierrezepturen zu erfinden. Modehäuser und Plattenlabels lassen KI-Software neue Produkte entwickeln, und das mit einer derartigen Geschwindigkeit und Unnachgiebigkeit, dass zu vermuten ist, dass bald der Einsatz von echter, also menschlicher Intelligenz als Gütesiegel gelten wird.

Bis es so weit ist, möchte nun eine ganze Reihe von Unternehmen und Start-ups mit sogenannten Wearables, also tragbarer Technik, dafür sorgen, dass die Technologie noch weiter in den Alltag der Menschen einsickert. Da wäre zum Beispiel Rewind. Das Gerät sieht aus wie ein Kapselreliquiar, das um den Hals getragen wird. Der Anhänger soll alle Geräusche rund um den Träger aufzeichnen und auf das Smartphone übertragen. Laut Produktpitch sortiert eine KI-Software diese Masse an Audiodaten und gewinnt daraus Erkenntnisse, sodass eine Art durchsuchbare Datenbank mit dem Soundtrack des eigenen Lebens entsteht.

Ein anderes KI-Amulett soll nach dem Willen der Entwickler den "Kontext des Alltags aufnehmen", das Zwiegespräch mit dem Gadget fühle sich an "wie ein spätabendliches Gespräch mit einem Freund". Wie so oft verschwimmen die Grenzen zwischen funktionalem Produkt und Sci-Fi-Wunschtraum. Eine ähnliche Technologie war auch schon in der TV-Serie "Black Mirror" Thema einer Folge. Wer die Dystopie kennt, mag ahnen, dass es nicht gut ausgegangen ist. Das Tempo, mit der die Realität Anleihen bei der Fiktion nimmt - und umgekehrt - nimmt eben immer weiter zu.

Derweil kooperiert Open AI gerüchteweise mit Jony Ive, der lange Zeit den reduzierten Apple-Formfaktor geprägt hat, um das "iPhone für künstliche Intelligenz" zu entwickeln. Die Interaktionen der Nutzer mit Chat-GPT sollen so "natürlicher und intuitiver" werden. Um Datenschutz, Persönlichkeitsrechte der Umstehenden und ähnliche Bedenken schert man sich freilich wenig, umso freigiebiger ist die Tech-Szene mit Geld. Das Unternehmen Humane, das an einer KI-basierten Brosche arbeitet, sammelte gerade 100 Millionen US-Dollar Wagniskapital ein.

"Unsere Geräte werden zu Erweiterungen unseres Körpers, Geistes und Herzens", heißt es aus der dortigen Presseabteilung, und wem aufgrund so viel dreister Selbstüberschätzung schon ganz mulmig wird, der möge sich mit dem Gedanken trösten, dass es schon oft derartige Versuche gab, die allesamt krachend gescheitert sind.

Memex sollte ein "vergrößerter Anhang des Gedächtnisses" werden - und Platz in einem wuchtigen Schreibtisch finden

Das komplette Leben einer Person zu speichern, zu indexieren und auf Wunsch wiederzugeben, ist ein sehr alter Traum der Computerwissenschaft. Schon in den 1940ern erträumte sich der Informatik-Pionier Vannevar Bush einen "Memory Extender". Der sogenannte Memex - ein "vergrößerter Anhang des Gedächtnisses" des Nutzers - sollte Platz in einem wuchtigen Schreibtisch finden, auf dem sich zwei berührungsempfindliche Bildschirme zur Sichtung von Mikrofilmen befanden, außerdem diverse Schalter zum Vor- und Rückspulen von Erinnerungen.

Besser im allgemeinen Gedächtnis verankert ist Googles Versuch, mit smarten Brillen eine Schicht digitaler Informationen über die Basisrealität zu legen. Bald wurden die Träger unsanft aus ihrer selbstempfundenen Vorreiterrolle geholt und von ihren Mitmenschen als "Glassholes" bezeichnet.

Nur in Nerdkreisen dagegen zu Popularität gelangte vor knapp 20 Jahren der Microsoft-Entwickler Gordon Bell mit einem Projekt namens "MyLifeBits". Ausgestattet mit einem Mikrofon und einer um den Hals getragenen Kamera hielt Bell jede Begegnung, jeden Spaziergang und jede seiner Konversationen fest, nur um sie so bald wie möglich auf seiner Festplatte zu archivieren. Damals verschlagwortete Bell seine Erlebnisse noch manuell, heute übernimmt das die KI automatisch. Die Technik wird zum Biografierekorder. "Jedes Leben passt auf ein Terabyte", sagte der Microsoft-Mann damals, und das klingt, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, wie der wohl traurigste Werbeslogan der Welt.

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