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Netz-Depeschen:Manierlicher Zensor

Gegen den unaufhaltsamen Mitteilungsdrang: Für autoritär geführte Staaten ist der Informationsaustausch im Internet ein Ärgernis. Nun gewährt ein Zensor den Blick hinter die Kulissen, und zwar in einem Internet-Forum.

Michael Moorstedt

Was das Internet so schön wie schrecklich macht, ist die Tatsache, dass jeder Nutzer glaubt, hier etwas zu sagen zu haben. Eine der eher guten Ausprägungen dieses unaufhaltsamen Mitteilungsdrangs findet sich auf dem News-Aggregator reddit.com. Die Website ist weder besonders ansprechend noch übersichtlich programmiert, hauptsächlich werden hier Links zu vermeintlich diskussionswürdigen Schlagzeilen gepostet, über die man sich dann mit den Mitforisten unterhält, sich der gegenseitigen Wertschätzung versichert oder streitet.

Internet Cafe in Dubai / Vereinigte Arabische Emirate

Internet-Cafe in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Höfliche Auskunft über geblockte Websites.

(Foto: REUTERS)

Was reddit von ähnlichen Seiten unterscheidet ist die Rubrik IAmA - also "ich bin ein". Hier kann jeder seine Geschichte erzählen, oder er steht der Nutzergemeinde Rede und Antwort. In zwei Kategorien, AMA (ask me anything), und AMAA (ask me almost anything), berichten die Menschen irgendwo zwischen Beichte und Verhör aus ihrem Leben. Mal interessieren sich nur fünf User für ihre Geschichten, mal sind es 5000.

Ganz nach dem Motto der Unterzeile "Wo das Alltägliche auf einmal faszinierend wird und das Außergewöhnliche normal erscheint", ist von unheilbar krebskranken Teenagern über ungarische Pornoproduzenten bis hin zu Gary Johnson, dem ehemaligen Gouverneur von New Mexico und Mitbewerber als republikanischer Kandidat für die US-Präsidentschaftswahl 2012, so gut wie jeder Menschenschlag vertreten. Damit nicht allzu viel Missbrauch betrieben werden kann, werden die Angaben der Menschen, die sich den IAmAs unterziehen zuvor von den reddit-Moderatoren geprüft und verifiziert.

In der vergangenen Woche stellte sich nun ein User namens kerfuffly vor, der angab, Mitglied eines Online-Zensurausschusses in einem nicht näher genannten arabischen Land zu sein. In der tagelangen Frage-Antwort-Sitzung gab er einen erstaunlich freimütigen Einblick hinter die Kulissen. "Am Anfang", schreibt er, "war ich vor allem mit der Technik beschäftigt, als Entscheidungen zu treffen. Das hat es nicht einfacher gemacht, war aber leichter zu rechtfertigen." Im Verlauf des Gesprächs wurde mehrfach versucht, das Land zu identifizieren, für das der Ersteller arbeitet. Seinen eigenen Hinweisen zufolge dürfte es sich dabei entweder um die Vereinigten Arabischen Emirate oder Qatar handeln.

Höflich gibt kerfuffly Auskunft über die Zusammensetzung des Ausschusses, das jährliche Budget und den Zukauf westlicher Filter-Software und entsprechender Hardware - unter den Lieferanten sei auch Siemens -, die das Umgehen der Sperrungen mittels Anonymisierungsdiensten wie TOR verhindert. Er listet auch einige von ihm geblockte Websites auf. So seien sämtliche Voice-over-IP-Services ebenso gesperrt wie Video- und Bild-Sharing-Seiten, amerikanische Nachrichtenangebote und sämtliche Seiten mit einer israelischen Domain.

Auch Blogs habe sein Ausschuss im Blickfeld: Wenn ein bislang nicht dagewesener Traffic-Zuwachs aufkommt, werden die entsprechenden Seiten gesperrt. Am erstaunlichsten ist aber die Erkenntnis, welche Websites nicht unter die Zensur fallen. Unter ihnen ist auch 4chan. Das Forum, das als Geburtsort der Netz-Guerilla Anonymous gilt, ist das Paradebeispiel von Online-Anarchie.

© SZ vom 17.10.2011/pak

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