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Nazi-Architektur:Spur der Steine

Das Münchner Haus der Kunst soll wieder so sichtbar werden, wie es sich die Nazis erdachten. Darf das sein?

Okwui Enwezor hat keine Angst. Jedenfalls nicht vor der Vergangenheit. Er fürchte sich auch nicht vor dem Kolosseum in Rom, sagt der Chef des Münchner Hauses der Kunst und blinzelt vor den eichendicken Steinsäulen seines Ausstellungsgebäudes in die Sonne. Im Kolosseum töteten Gladiatoren einander.

Im Haus der Kunst ist niemand gestorben, oder? Es war immer schon ein Bilderbau, ein Ort der gesellschaftlichen Selbstdarstellung. Am 15. Oktober 1933 legte Adolf Hitler den Grundstein für den nationalen "Tempel der Kunst" (so ein zeitgenössischer Rezensent). Er hatte sich gewünscht, dass der Monumentalbau von einem Museum für Zeitgeschichte und einem Palais für den Reichsstatthalter flankiert wird und der ganze Komplex weit in den Englischen Garten hineinragt, den Park also nicht nur abschließt, sondern ihn beherrscht. Dagegen aber wehrte sich der Architekt Paul Ludwig Troost, den der gescheiterte Künstler Hitler verehrte. Unübersehbar wurde das Haus auch so mit seiner Länge von 175 Metern, seinem einschüchternden Säulengang, den zu hohen Wänden und zu wuchtigen Türen.

Was macht man mit so einem Klotz, rund 80 Jahre nach seiner Eröffnung, wenn er nun dringend einer Sanierung bedarf? Enwezor träumt von einer weltoffenen Begegnungsstätte, einem Kulturzentrum, in dem nicht nur wie bisher die Gegenwartskunst zu ihrem Recht kommt, sondern auch Diskussionsrunden, Bühnenveranstaltungen, Lesungen Raum finden. Ein Ort, an dem man auch ohne Grund hingeht, um etwas zu essen, Zeitung zu lesen, Leute zu treffen. Je mehr Leben sich hier abspielt, desto erträglicher wird in den Augen des gebürtigen Nigerianers die Last der Geschichte. Es liegen nun erste Entwürfe aus dem Architekturbüro David Chipperfields vor, die Enwezors Vision umsetzen (SZ vom 24. September). Sie haben bereits einen Fürsprecher, den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle, der angesichts der Skizzen von einem "sehr demokratischen Umgang mit der Geschichte" schwärmt.

Stimmt das - und wenn ja, übertrumpft dieses "Demokratische" nicht nur im ideellen, sondern auch im physischen Sinne die Marmor- und Steinberge der Diktatur, die von München aus zur Welteroberung aufbrach?

Leider nein. Es geht bei dem Vorhaben vor allem um einen Rückbau in den Zustand der Nazizeit. Von demokratischem Widerspruch gegen den damaligen Größenwahn ist in den Plänen nur wenig zu spüren. Die Architekten lassen sich von zwei Zielen leiten: Transparenz und Behutsamkeit. Sie wollen alle acht statt der bisherigen vier Türen zum Englischen Garten öffnen und in der Mittelhalle die Glasdecke freilegen. Ursprünglich war sie aus Milchglas, künftig soll sie durchsichtig sein und das Spiel der Wolken hereinbitten. Die umliegende hohe Galerie wird wieder erschlossen, was den Blick nach oben lenkt. Der Saal wird sich dann nicht mehr klimatisieren lassen und eignet sich nicht wie bisher als Ausstellungsfläche.

Haus der Deutschen Kunst in München

Ungestört: Ein Propagandafotograf feiert im Jahr 1937 die mächtigen Säulen des von Paul Ludwig Troost entworfenen Hauses der Kunst.

(Foto: Wasow/bpk)

So war er von Troost auch gar nicht gedacht: In der "Ehrenhalle" hielt Adolf Hitler am 18. Juli 1937 seine Eröffnungsrede. In die Lüster waren dafür Lautsprecher montiert worden, und eine hochmoderne Mikrofonanlage sorgte für eine Übertragung im Rundfunk. Die Halle diente fortan den massenwirksamen Vernissagen der Propagandaschauen. Künftig wird sie wohl wieder zum Versammlungsort, diesmal zum Lob der oft widerspenstigen internationalen Gegenwartskunst. Wie schon in den Dreißigerjahren soll es im Haus auch ein zweites Restaurant geben, allerdings seitlich versetzt im linken Flügel.

"Wir werden in dieses bedeutende Baudenkmal aus den Dreißigerjahren nur dann eingreifen, wenn es einen harten Grund gibt", sagt der Architekt Martin Reichert vom Büro Chipperfield. "Unser Anliegen ist keine Intervention, sondern nur die Stärkung ursprünglicher Qualitäten und eine vorsichtige Neuinterpretation des Vorhandenen."

Jetzt soll kein Gras mehr wachsen über die Geschichte

Das aber heißt: Nichts an der neuen Begegnungsstätte wird die Naziarchitektur stören, jedenfalls keine bauliche Maßnahme. Für Brüche sorgen höchstens die ausgestellten Werke der Künstler. Schaut man sich aber deren aktuelle minimale Veränderungen der Fassade an, etwa Christian Boltanskis Plakataktion "Résistance" an der Vorderfront, dann verschwinden diese optisch vor Troosts Koloss. Das wird erst recht so sein, wenn Chipperfield, Enwezor und Spaenle ihre Lieblingsidee durchsetzen: Die "grünen Vorhänge" sollen weg, das heißt, die in den Nachkriegsjahrzehnten gepflanzten Bäume und Büsche vor und hinter dem Haus werden abgeholzt, wenn das Baureferat der Stadt München und die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung dies nicht noch verhindern. Das Grün sollte die Monumentalität des Steinmonstrums verdecken. Dieser Gedanke der frühen Bundesrepublik ist auch am Münchner Königsplatz zu erleben, wo noch die Sockel der beiden "Ehrentempel" der Nazis stehen. Der eine ist immer noch überwuchert, der andere wurde erst kürzlich freigelegt, als das dortige NS-Dokumentationszentrum entstand.

Jetzt soll kein Gras mehr wachsen über die Geschichte, jetzt soll alles offen daliegen. Ist das Transparenz, ein Sieg des demokratischen Geschichtsverständnisses? Oder im Gegenteil eine Kapitulation vor der Wucht gigantomanischer Weltentwürfe, in denen es sich ja auch ganz gut speisen, feiern, Kunst genießen lässt?

"Sichtbarkeit bedeutet nicht gleich demokratische Transparenz", sagt Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München und Experte für NS-Architektur. "Die Bäume sind Teil des Umgangs mit dem Haus nach 1945. Sie sollten stehen bleiben. So vermeiden wir den Eindruck, dass hier eine übermächtige nationalsozialistische Architektur wiederhergestellt wird." Schließlich gehöre auch die Nachkriegszeit zur Geschichte des Hauses und müsse gezeigt werden. "Diese Spannung schafft mehr Transparenz als eine reine Sichtbarkeit."

Sichtbarkeit wollten auch die Nazis. Man muss sich nur einmal die Fotografien der NS-Zeit anschauen, als noch kein Altstadttunnel die Prinzregentenstraße verschandelte, um von der ursprünglichen Wirkung des Säulengangs eine Ahnung zu bekommen. Er dominiert alles, der Englische Garten ist kaum noch zu erahnen, auch das Bayerische Nationalmuseum in der Nachbarschaft scheint nur Anhängsel zu sein. Die Nazis griffen im Straßenbild durch. Ein Fotostudio, das an der Prinzregentenstraße mit einem Drachen warb, musste diesen abmontieren.

Zurück blieb nur die Kälte des weißen Steins. Diesen Purismus der Macht hat Troost selbst nicht mehr erlebt, der Baumeister starb bereits im Januar 1934. In einem seiner allerersten Entwürfe waren noch Bäume vor der Fassade eingezeichnet, die beinahe bis zum Portikus reichen. Nicht einmal der rigide Zuchtmeister einer neuen technokratischen pseudoklassizistischen Architektur mochte den Säulengang vor dem Haus der Kunst ganz nackt sehen. Und wollen die Münchner wirklich aus Teilen des Englischen Gartens von keinem Baum gehindert auf den hinteren Riegel des Kunsthauses schauen, so wie Hitler sich das erträumt hatte? Eher als den Spaziergängern dient diese Idee den Restaurantbesuchern, die in Enwezors Sinne wie in den Dreißigerjahren ins Haus der Kunst strömen sollen.

Wenn das Gebäude nun, mit kleinen Änderungen, die ursprüngliche Anmutung zurückerhält, ist das keine Demokratisierung, sondern die pure Einfallslosigkeit. Ja, es war eine verschämte und hilflose Idee der Nachkriegszeit, die NS-Brocken einfach den Naturkräften zu überlassen. Und ja, die Mittelhalle des Hauses der Kunst mit modernen Installationen vollzustellen hat noch nie funktioniert. Das hat vielleicht davon abgelenkt, dass Hitler hier seine Ideologie verkündete; es tat der Kunst aber keinen Gefallen, die auch ohne offene Glasdecke nicht gegen die monströse Aura des Saals ankam. Aber es gibt ja auch andere Antworten auf faschistische Bauten als die der alten Bundesrepublik. Man könnte dem Wahn etwas Eigenes entgegensetzen, mutige architektonische Zeitgenossenschaft. Der Grazer Günther Domenig gewann 1998 den Wettbewerb zum Dokumentationszentrum auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände mit dem Vorschlag, einen Pfahl aus Glas und Stahl in die NS-Ruine zu treiben. Sein gebauter Protest bleibt ein Pfeil im Fleisch der NS-Propaganda.

Magnus Brechtken, stv. Direktor des Instituts für Zeitgeschichte

"Sichtbarkeit bedeutet nicht gleich demokratische Transparenz"

So entschieden aber sind die Münchner nicht, auch ihr Dokumentationszentrum am von den Nazis geliebten Königsplatz fügt sich als weißer Würfel brav in seine kantige Umgebung. Gerade aus dem Büro eines Stararchitekten wie David Chipperfield wären laute Lösungen zu erhoffen gewesen. Einfach die Berliner nachzumachen, die ihr NS-Olympiastadion munter weiternutzen, ist zu einfach. Man muss ein Baudenkmal nicht gleich zerstören. Es genügt, ihm etwas hinzuzufügen, das wirklich modern, wirklich anders ist. Das kann ein Anbau sein, eine neue Teilfassade, eine begehbare große Skulptur im Garten, zur Not auch einfach ein grasgrüner Anstrich der Säulen. Irgendetwas, das nicht ins Bild passt. Etwas, das wirklich stört - nicht nur das alte Gebäude, sondern auch den neuen Trubel, der sich ansonsten allzu behaglich in den großzügigen Hallen einrichtet.

Am Ende des Rundgangs durch das sanierungsbedürftige Haus führt Enwezor in die angegliederte Goldene Bar, die immer noch eingerichtet ist wie zur Gründungszeit. Landkarten an den Wänden verkünden eine großdeutsche Weltsicht, auf die Kacheln des Likörschranks sind Indianer und andere "Exoten" gemalt. Ganz schön kolonial, oder? "Stimmt", sagt Enwezor, "aber es sitzt sich hier so gut, darüber hat sich noch niemand beschwert."

© SZ vom 01.10.2016
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