Nachruf auf Christian Boltanski:Der Nachlassverwalter

Nachruf auf Christian Boltanski: Christian Boltanski in einer Aufnahme von 2014.

Christian Boltanski in einer Aufnahme von 2014.

(Foto: Miguel Riopa/AFP)

Christian Boltanski ist gestorben. Schon zu Lebzeiten studierte der Künstler die Spuren des Todes.

Von Till Briegleb

Das Ungeheure von Nachlassspuren war das große Thema von Christian Boltanski. In großen Installationen inszenierte er Archive der Toten, kreierte eine unheimliche Atmosphäre persönlicher Berührtheit, die nicht leicht zu ertragen war - vor allem, wenn es um das Lebensthema des französischen Künstlers ging, die Erinnerung an die Opfer von Holocaust und Naziregime.

Als Teilnehmer von drei Documentas und Künstler für viele ortsspezifische Arbeiten in Museen und an historischen Plätzen komponierte er Situationen, die zwar nie direkte Zeugnisse der Schoah verwendeten. Aber die Begegnung mit engen Tunneln durch muffige Kleiderberge, mit seriell gestapelten Zinkkisten, die letzte Habseligkeiten beinhalten konnten, oder von Wandarbeiten mit unscharfen Schwarz-Weiß-Fotografien, matt beleuchtet von Bibliothekslampen, ließen ohne jede weitere Erklärung bei den Besuchern ein Grauen aufsteigen, das sich auf die systematische Ermordung während der Nazizeit bezog.

Er wollte das Individuelle des Sterbens zurückholen, das durch das massenhafte Töten ausgelöscht werden sollte

Über 50 Jahre variierte Boltanski das Thema des anonymen und oft auch gewaltsamen Todes. Anfänglich mehr mit der Absicht, rätselhafte Biografien zu konstruieren, fand der kurz nach der Befreiung Frankreichs 1944 geborene Christian Liberté Boltanski bald zu seinem zentralen Anliegen: das Individuelle des Sterbens zurückzuholen, das durch das massenhafte Töten ausgelöscht werden sollte. Die konkrete Bedrohung, die durch die Menschenjagd der Nazis als Schock in Europa verbreitet wurde, war als Trauma auch in seine Familiengeschichte eingeschrieben. Boltanskis Vater, ein zum Katholizismus konvertierter Jude, überlebte die Besetzung Frankreichs unter den Dielenbrettern des Elternhauses. Der Sohn wuchs in Angststarre auf, verließ als Kind nie allein das Haus.

"Ich bin kein Jude und interessiere mich wenig für die jüdischen Traditionen", sagte Boltanski einmal in einem Interview: "Aber ich bin ein Kind der Schoah." In einem bewundernswerten Akt der Bewältigung verwandelte er dieses unerwünschte Erbe in eine kreative Strategie. In der ständigen Annäherung an das Unbegreifliche des Todes schuf er Kenotaphe historischer Erinnerungen - nicht nur in Bezug auf die europäische Vergangenheit. Boltanski sammelte 70 000 Herzschläge von Japanern, arbeitete in der chilenischen Wüste zu den Opfern des Pinochet-Terrors und in Sao Paulo über die Toten der dortigen Diktatur. Und 2018 eröffnete Boltanski eine Installation in der Völklinger Hütte, die den Tod der Zwangsarbeiter in dem Betrieb als würdigen Abschied inszenierte und als Dauerinstallation weiterhin zu sehen ist.

Mit seinem wachsenden Erfolg wurde Boltanski stilprägend für einen bestimmten Kanon der Gedächtniskunst. Immer wieder begegnete man in Kunstausstellungen Lookalikes seiner Trauerästhetik. Sogar die Installation "Saal der Erinnerungen" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sieht original aus wie eine Boltanski-Arbeit, ist aber nicht von ihm. Boltanski selbst hat nie ein KZ oder Yad Vashem besucht. Ihm ginge es nicht um die Wiederholung des Grauens, sondern um lebendige Erinnerung in "kleiner" Form eines atmosphärischen Kunstwerks.

Er kämpfe mit jedem neuen Werk wieder "gegen den Tod und das Vergessen an", sagte Boltanski. Um immer wieder zu scheitern

Wegen des großen Einflusses und Erfolgs und der stilbildenden Kraft seiner Bildwerke wurde Boltanski immer wieder ein gewisses Kalkül des Schreckens unterstellt. Die grundsätzliche Crux einer derartig emotional geprägten Kunst ist es eben, dass sie mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit und Authentizität ihrer Absichten kämpfen muss. Aber Boltanski selbst wies den Vorwurf, ein berechnender Designer des Schreckens zu sein, immer weit von sich. Er kämpfe mit jedem neuen Werk wieder "gegen den Tod und das Vergessen an". Um immer wieder zu scheitern, wie er hinzufügte. Der Tod bleibe am Ende der Sieger.

Jetzt ist Christian Boltanski im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Paris gestorben. Sein Versuch, die Vergänglichkeit des Menschen mit Kunst vergessen zu machen, musste natürlich scheitern, wie er immer wusste. Aber ihm selbst hat dieses große Erinnerungs-Werk eine gewisse Unsterblichkeit verliehen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Christian Boltanski

Kunstgalerien in Paris
:Siehst du nicht die Geister

Das Werk von Christian Boltanski beschäftigt sich mit Tod, Krankheit, Leid. Jetzt zeigt die Pariser Galerie Marian Goodman die Arbeiten, die während der Zeit des Lockdowns entstanden sind.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB