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Universalgeschichte der Musik:Wiegenlieder und Virtuosenstücke

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Beliebter Opernstoff im 19. Jahrhundert: die Kreuzzüge. Hier ein Szenenbild von Alessandro Sanquirico zu "Il crociato in Egitto" von Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864).

(Foto: Costa/picture-alliance / Leemage)

Von Barockoper über Arbeitergesangverein bis Rap: Essays beleuchten eintausend Jahre Musikgeschichte, in der die Realgeschichte nachhallt.

Von Michael Stallknecht

Barockopern erfreuen sich heutzutage einer Beliebtheit, die ein Publikum der 1950er-Jahre noch mächtig erstaunt hätte. Was ein Kastrat war, wissen deshalb die meisten Operngänger. Was sie in der Regel nicht wissen, ist, was mit den unzähligen kastrierten Jungen passierte, bei denen es nicht zum Farinelli reichte. Nicht selten verdienten sie ihren Lebensunterhalt als Stricher. Diesem Gewerbe dürften zwar die wenigsten der vielen überzähligen Musiker nachgehen, die heutzutage an den Musikhochschulen ausgebildet werden. Aber auch ihre Lebensbedingungen bleiben oft prekär, und keine der herkömmlichen Musikgeschichten verzeichnet ihre Namen. Denn deren Erzählungen breiten sich eher entlang der Meisterkomponisten und der Stilgeschichte aus.

Kein Wunder also, dass der Sammelband "Musik und Gesellschaft" so dick geworden ist: Mehr als 1400 Seiten umfassen die beiden schweren Bände, die auch den sozialgeschichtlichen und realhistorischen Bedingungen nachgehen, unter denen Musik entsteht. Lesen lassen sie sich trotzdem leicht, geht es den drei Herausgebern doch explizit um die Popularisierung von Ansätzen, die innerhalb der universitären Musikwissenschaft längst etabliert sind. Keine neue Meistererzählung soll hier ausgebreitet werden, sondern ein bewusst heterogenes Geflecht aus 421 Kurzessays von 107 Autoren, die die letzten eintausend Jahre Musikgeschichte beleuchten, gegliedert nur nach Jahreszahlen.

Wo Musik Tagespolitik zu schreiben versuchte, wurde es oft peinlich

Dass im gängigen Opern- und Konzertbetrieb vieles ausgeblendet bleibt, liegt durchaus in der Sache selbst begründet. Musik bewegt sich immer in einem Wechselspiel von Autonomie und Heteronomie, weil sie zwar als Sprache betrachtet werden kann, aber nur als eine ohne konkrete Semantik. Wo Musik tatsächlich Tagespolitik zu schreiben versuchte, war das Ergebnis oft genug so peinlich, dass die Geschichte nicht zu Unrecht den Mantel des Vergessens darüber breitete. Johannes Brahms' "Triumphlied" für den deutschen Sieg über Frankreich im Jahr 1870 ist da nur ein vergleichsweise harmloses Beispiel.

Dennoch klingt Realgeschichte ununterbrochen in der Musikgeschichte nach. Etwa in Gestalt der Eisenbahn, die so häufig in musikalische Strukturen übersetzt wurde wie kein anderes Verkehrsmittel, von Eduard Straussens Schnellpolka "Ohne Bremse" über Duke Ellingtons "Daybreak Express" bis zu Andrew Lloyd Webbers "Starlight Express". Wer beim Jahr 1845 die Gründung mehrerer Eisenbahngesellschaften mitdenkt, versteht besser, warum gleichzeitig die Virtuosenmusik das Rasen anfängt.

Frieder Reininghaus, Judith Kemp, Alexandra Ziane (Hg.): Musik und Gesellschaft â€" Marktplätze, Kampfzonen, Elysium. Königshausen & Neumann

1442 Seiten Musikgeschichte: "Musik und Gesellschaft".

Oft genug sind die Wege auch verschlungener, weil historische Ereignisse erst Jahrhunderte später aufgegriffen werden, wenn etwa Kreuzzüge und Troubadoure des Mittelalters zu bevorzugten Opernstoffen des 19. Jahrhunderts werden. Von denen einzelne in der Gegenwart noch immer ebenso gespielt werden wie die vielen Barockopern, deren Wiederentdeckung das Repertoire der Opernhäuser in den letzten Jahren mächtig erweitert hat.

Von Arbeitergesangverein bis Wiegenlied

In solchen Momenten löst sich auch die Abfolge der Jahreszahlen auf, wovon die vielen Querverweise zwischen den Essays zeugen. Ebenso wie die Stile hier ohne oben und unten, U oder E nebeneinander zu stehen kommen. Obwohl Klassisches wohl schon aufgrund der Biografien der Herausgeber den dichtesten Knoten des Geflechts bildet, finden der mittelalterliche Spielmann ebenso seinen Auftritt wie die Operette, die Flamenco-Tänzerin ebenso wie der Arbeitergesangverein und das Wiegenlied ebenso wie der Rap.

Dass in einzelnen Essays immer wieder außereuropäische Musiken eingebunden werden, um eine Enthierarchisierung auch der Musikkulturen anzudeuten, wirkt dagegen etwas feigenblatthaft, dient aber wohl der Begrenzung des Umfangs. Eine Globalgeschichte der Musik in einzelnen Schlaglichtern bliebe also noch zu schreiben, aber wenn, wünscht man sie sich wie diese: als bunten Flickenteppich, bei dem man ganz nach Lust und Laune mal diesen, mal jenen Faden hervorziehen und weiterverfolgen kann.

Frieder Reininghaus, Judith Kemp, Alexandra Ziane (Hg.): Musik und Gesellschaft - Marktplätze, Kampfzonen, Elysium. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020. 2 Bände, 1442 Seiten, 58 Euro.

© SZ/Masc
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