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Musikgeschichte:Die letzte Luft

Man muss drücken und ziehen, saugen und pusten: Dann ist es, wenn nicht das Leben, so doch Musik. Das Akkordeon ist ein Apparat aus dem 19. Jahrhundert - der uns viel über die Gegenwart erzählt.

Von John Lennon gibt es eine wenig bekannte Fotografie, die ihn im Juni 1967 bei den Aufnahmen für "All You Need Is Love" zeigt. Skeptisch schaut er zu Paul McCartney hinüber. Dieser bläst Posaune. Er selbst aber hält ein Akkordeon auf dem Schoß, auf dem er ein paar Tasten drückt, die nach G-Dur aussehen (das Stück steht in dieser Tonart). Die linke Hand, die auf den Knöpfen liegt, benutzt er nur, um genügend Luftdruck für seine drei Töne zu schaffen.

John Lennon habe das Instrument bei dieser Gelegenheit nur verwendet, heißt es in der Geschichtsschreibung der Beatles, um den Musikern aus dem Orchester ein paar Klangideen vorzuführen. Aber er wusste, wie man mit diesem Gerät umging: Als Kind hatte er, wie so viele Musiker seines Alters, das Spiel auf dem Akkordeon gelernt. Nach der Mundharmonika war es sein zweites Instrument gewesen. Die Gitarre kam erst später, weshalb vielleicht manche frühen Stücke der Beatles den Eindruck erwecken, sie seien auf dem Akkordeon entstanden (in "I Don't Want to Spoil the Party" aus dem Jahr 1964 etwa klingt eine Polka durch). Und auf immerhin elf ihrer dreizehn Langspielplatten ist ein Akkordeon zu hören.

Man sieht dem Instrument seine Herkunft aus der Zeit der frühen Industrialisierung an

Eine Reproduktion jener Fotografie hängt, obwohl der Schriftzug "Hohner" auf dem Kasten prangt und auf Trossingen in Oberschwaben verweist, in einem italienischen Museum. Es befindet sich unter dem Rathaus einer Kleinstadt und heißt "Museo internazionale della fisarmonica" - "Internationales Museum des Akkordeons". Castelfidardo heißt dieser Ort, der lang gestreckt auf einem Bergrücken liegt und auf eine hügelige Landschaft herunterblickt, an deren östlichem Rand die Adria zu erkennen ist.

In der Nachbarschaft befinden sich eine ganze Reihe solcher scheinbar über den Rest der Welt erhabenen Orte, Recanati zum Beispiel, Osimo oder Camerano. Miteinander bilden sie eine Gegend, die durch den Bau von Musikinstrumenten geprägt ist, seitdem man dort in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, Akkordeons herzustellen. Anderswo in der Welt, in Klingenthal im Vogtland zum Beispiel oder im russischen Tula, sind mehr "Quetschkommoden" gebaut worden als in der Provinz Ancona. Doch hier werden sie immer noch hergestellt, zu einem großen Teil in Handarbeit, und nicht nur sie, sondern auch Saxofone ("Borgani"), Gitarren ("Eko", auch als "Vox" verkauft) und allerhand elektronisches Gerät. Und so, wie die Geschichte des Akkordeons die Geschichte der populären Musik ist, bis auf den heutigen Tag, so ist die Geschichte dieser Gegend die Geschichte ihrer Instrumente.

Das Akkordeon ist ein Apparat aus dem 19. Jahrhundert - der uns viel über die Gegenwart erzählt: Szene aus dem Buch "Artigiani del suono" von Beniamino Bugiolacchi / Fabio Buschi / Roberto Carlorosi. Edizioni Tecnostampa, Loreto (artigiani della fisarmonica anni).

(Foto: TECNOSTAMPA)

Das Akkordeon ist ein Apparat aus dem 19. Jahrhundert. Es ist ein Produkt der frühen Industrialisierung, was man ihm heute noch ansieht, an der Feinmechanik ebenso wie am Celluloid, mit dem die Oberflächen der meisten teuren italienischen Akkordeons seit den Zwanzigern überzogen werden. Es ist auch ein Instrument der Demokratisierung von unten. Es mag technisch von der Sackpfeife abstammen, was man seinem quengelnden Ton nach wie vor anhört. Aber es gab nicht nur einem einzelnen Musiker die klanglichen Möglichkeiten eines ganzen Orchesters in die Hände, mitsamt Geigen und Hörnern, Flöten und Bässen - ohne dass er sein Instrument hätte stimmen müssen. Es lieferte darüber hinaus zu jedem Ton den Bass und die Harmonie, sodass jeder Knopf und jede Taste, einmal gedrückt, womöglich zu ungewöhnlichen Dingen führte, nie aber zu falschen Tönen. Auch Anfänger können auf diesem Instrument überzeugen, weshalb der Akkordeonist nicht nur dem Dorfgeiger und dem Hackbrettspieler den Garaus machte, sondern auch ein Volk von Musikern hervorbrachte - das Wirtshaus, die Straße und die Wiese wurden erst im späten 19. Jahrhundert zu musikalisch geprägten Orten (nicht zuletzt in der Diaspora, also in den Ländern der Auswanderer), und die längst maschinell produzierten Akkordeons bildeten das Instrumentarium für diese Volkstümlichkeit.

Es keucht asthmatisch, bevor es den ersten Ton ausstößt

Das Museum in Castelfidardo dient nicht nur der Ausstellung einer großartigen Vergangenheit und einer nicht ganz so prächtigen Gegenwart. Es ist auch eine Heimstatt für Veteranen. "Krise?", fragt Lazaro Carini, der nun über achtzig Jahre alt ist und ein Virtuose der handgemachten Stimmplatte war, "es ist immer Krise" - nach dem Ersten Weltkrieg, während des Zweiten, in den Sechzigern, als die elektrischen Gitarren kamen, und eben auch heute. Zuletzt verschwand die Firma Borsini, deren kleine Fabrik noch im historischen Zentrum von Castelfidardo liegt, ein rosafarbener Bau im Stil des "razionalismo", der italienischen Sachlichkeit. Die Arbeiter seien im vergangenen Jahr nicht mehr aus den Weihnachtsferien zurückgekehrt. Der Schauspieler Ulrich Tukur spielt oft ein Instrument von Borsini, wenn er mit den Rhythmus Boys durch deutsche Stadthallen tourt. Von Borsini ist jetzt aber keine Rede mehr. Lazaro Carini weist auf ein schwarzes Monstrum in der Vitrine: Das sei eine "Scandalli Super VI", ein Modell aus den frühen Fünfzigern, vermutlich das beste Akkordeon, das je gebaut worden sei. Es werde noch heute produziert, aber die neuen Exemplare klängen nicht mehr ganz so gut wie es die alten - warum, wisse er nicht. Er sagt nicht "super sei", was "super sechs" hieße, sondern "super sesso" - "super Sex".

Die größte aller Krisen, die das Akkordeon zu überstehen hatte, wurde durch die Elektrifizierung der Gitarre ausgelöst. Sie allein hätte sich nie gegen das Akkordeon behaupten können. Dazu wäre sie viel zu leise gewesen. Ein Verstärker und ein paar Lautsprecher eröffneten andere Möglichkeiten: Ein einzelner Mensch, mit nichts als einem Brett vor dem Bauch, vermag seitdem mit seinem Lärm die größten Hallen zu füllen, auch mit wenigen Akkorden, und oft reicht eine schlichte Quinte aus, verzerrt und auf den beiden tiefen Saiten angeschlagen, um einen wahrlich mitreißenden Effekt zu erzielen. Einen "power chord" nennt man eine solche Quinte, mit der man ähnlich wenig falsch machen kann wie mit einem Tastendruck auf dem Akkordeon. Und auch die Karrieren der beiden Instrumente in der populären Musik ähneln einander, die Herkunft aus dem Dilettantismus, die wilde Professionalisierung durch Nachahmung und ohne Noten, das allmähliche Herausbilden von Kunst und Meisterschaft. Dem Akkordeon widerfuhr indessen ein Verhängnis: Denn aus der alle Traditionen zerstörenden Kraft, mit der es einst das Volk eroberte, ist zumindest (und nicht nur) in Deutschland eine Kraft der Tradition geworden, in oft enger Verbindung zu einer vermeintlichen Volksmusik, die ebenfalls weit älter zu sein scheint, als sie tatsächlich ist. Die Gitarre hingegen ist ein heroisches Instrument geblieben.

Die Farfisa-Orgel verbindet Pink Floyd und Percy Sledge

Ein paar Kilometer von Castelfidardo entfernt, auf einem anderen Bergrücken, liegt das Städtchen Camerano. Hinter dem offenbar nicht mehr häufig genutzten Theater, einem wunderbar geometrischen Bau der Neo-Renaissance, führt eine Gasse zu einem dunklen Eingang, über dem ein großes Plakat hängt. Hier entstehe, ist darauf zu lesen, ein Museum der "Farfisa". So hießen die Orgeln, die aus den Akkordeons hervorgingen, oder genauer: aus einem Zusammenschluss der Hersteller Scandalli, Soprani und Frontalini (die, jede für sich, noch heute bestehen). Im Jahr 1947 gegründet, sollte die neue Firma das Prinzip Akkordeon in die Zeit der Elektrifizierung tragen. Sie tat es mit Erfolg, mehrere Jahrzehnte lang. Ihr größter Triumph, zumindest in musikalischer Hinsicht, steht unscheinbar in der Ecke des zukünftigen Museums, in dessen Räumen früher eine Hemdenfabrik und dann eine Schule untergebracht waren: Es ist die Orgel, tatsächlich dasselbe grünliche Ding, das Richard Wright benutzte, als Pink Floyd, eines Musikfilms wegen, im Jahr 1971 im Amphitheater in Pompeji auftraten. Eine ganze Reihe von frühen Stücken dieser Gruppe, "A Saucerful of Secrets" zum Beispiel oder "Time" auf dem Album "The Dark Side of the Moon" (1973), wurden mit einer Farfisa aufgenommen - ebenso wie "When a Man Loves a Woman" (1966) von Percy Sledge oder das Album "Jack Johnson" (1970) von Miles Davis.

Die Farfisa hatte einen eigenen Ton. Er war meist heller, drängender und künstlicher als der Klang einer Hammond-Orgel. Sie eignete sich zur Erzeugung besonders sphärischer Klänge, damals auch "space-age sound" genannt. Sie war zudem deutlich billiger als die Konkurrenz, was zu ihrer Beliebtheit beitrug. Technisch unterlegen war sie nicht, wie sich überhaupt die Herstellung von Musikinstrumenten in den Marken, tief in der italienischen Provinz, stets auf der Höhe ihrer Zeit hielt (bei Hohner verlief die Entwicklung übrigens ähnlich, mit dem Übergang vom Akkordeon zu elektrischen Tasteninstrumenten wie dem Clavinet). Farfisa vollzog sogar noch den Übergang zur Digitalisierung. Doch dann war die Kraft aus der Firma entwichen. Im Jahr 1995 wurde die Fabrik geschlossen. Sie ließ Claudio Capponi zurück, einen Pianisten und Klavierbauer mit selten traurigem Blick, der seitdem das Erbe der Firma Farfisa in Gestalt ihrer Geräte verwaltet: Er rettet sie, Stück für Stück, repariert sie, stellt sie aus, betreibt ein virtuelles Museum (claudiocapponi.it) und veranstaltet einmal im Jahr in Camerano einen "Farfisa Day" für alle vergessenen Musiker, die in der Jugend ihr Herz an eines dieses Instrumente verloren haben. Die ehemalige Schule hinter dem Theater wird sein Lebenswerk zusammenfassen, die gesamte Geschichte der Firma "Farfisa", abgeleitet aus dem Akkordeon. Im kommenden Juni soll das Museum eröffnet werden.

Und so trägt Claudio Capponi ein zusammengestückeltes Verlängerungskabel durch die kalten Räume der einstigen Bildungsanstalt und schließt damit eine Orgel nach der anderen an. Ein gewaltiges Gerät namens "Pergamon" mit zwei Manualen, etlichen Zugriegeln, einem "menschlichen Chor" und noch mehr bunten Leuchten keucht asthmatisch, bevor es den ersten Ton ausstößt. Auf einem elektrischen Klavier erklingt Kraftwerks "Tanzmusik". Und das grünliche Ding, auf dem einst Richard Wright in Pompeji spielte, muss für Tomaso Albinonis Adagio in G-moll herhalten, in einer Variante, die verdächtig an die Aufnahme einer niederländischen Rockgruppe namens Ekseption aus den frühen Siebzigern erinnert, mit der die Musiklehrer jener Zeit ihre Schüler zum Hören von Klassik verführen wollten. Es ist offensichtlich, welches Versprechen einst in diesen Instrumenten lag, nicht nur musikalisch, sondern auf die Zukunft einer ganzen Gesellschaft bezogen. Es ist aber auch erkennbar, dass es sich mit dieser Zukunft nun ungefähr so verhält wie mit dem Zentrum von Camerano: Am Schwarzen Brett hinter der Bushaltestelle hängt der Aufruf eines "Komitees für die Altstadt", das in heftigen Worten die Planlosigkeit beklagt, mit der die historische Substanz Cameranos einer Spekulation geopfert worden sei, die zu nichts geführt habe. Immerhin sind die Klänge der alten Orgeln von Farfisa als Emulationen erhalten, in vielen modernen Keyboards, was man auch in nur entfernt vergleichbarer Weise von der Altstadt nicht behaupten kann.

Doch während die elektrischen Orgeln nur noch als Zitate, als Wiedergänger ihrer selbst auftreten, leben die Akkordeons fort, in der Rockmusik, bei Bands wie Arcade Fire, Calexico oder den Decemberists, im Jazz, bei Richard Galliano zum Beispiel, in der lateinamerikanischen Musik, in den scheinbar wilden Orchestern vom Balkan und vor allem in den sich immer breiter auffächernden Übergängen zwischen volkstümlicher und zeitgenössischer Musik. Immerhin gibt es noch 32 Akkordeon-Hersteller in Castelfidardo und Umgebung, auch wenn nicht alle Edles produzieren. Als Gianluigi Trovesi, ein nicht nur in Italien bekannter Klarinettist, und der Akkordeonspieler Gianni Coscia vor einigen Jahren ein Album mit Kompositionen Kurt Weills aufnahmen, schrieb Umberto Eco, es gehe bei dieser Musik um "eine Erinnerung, eine Passion, gewiss eine Nostalgie". Befreit von ihren historischen Bezügen, habe sie sich indessen in eine persönliche Angelegenheit verwandelt. Als solche werde sie "gemurmelt, manchmal fast wörtlich zitiert, öfter bloß angedeutet, kurz aufgegriffen und wieder fallengelassen, in den Fluss anderer melodischer und harmonischer Erinnerungen eingefügt". Das ist eine Erklärung für die kaum gebrochene Lebendigkeit dieses Instruments. Die andere besteht aus lauter Luft, aus Drücken und Ziehen, aus Saugen und Pusten, aus Tätigkeiten also, die elementar menschlich sind.