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Musik: M.I.A.:Akustische Tracht Prügel

Wie viel Luxus darf sich eine Befreiungskämpferin leisten? Die neue Platte "Maya" der Agitpop-Königin M.I.A. ist ein Soundtrack für Straßenunruhen. Die Bilder.

9 Bilder

Coachella Valley Music & Arts Festival 2009 - Day 2

Quelle: Film Magic

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Wieviel Luxus darf sich eine Befreiungskämpferin leisten? Die neue Platte "Maya" der Agitpop-Königin M.I.A. ist ein Soundtrack für Straßenunruhen. Die Bilder.

Kein Popereignis hat in der jüngeren Vergangenheit vorab für so viel Aufregung gesorgt wie das neue Album der 1975 in London geborenen Mathangi "Maya" Arulpragasam alias M.I.A. Schon Ende April erregte das Video zur ersten Single Born Free Aufsehen. In kaum zu überbietender Drastik jagt darin eine Spezialeinheit der Polizei im Armenviertel einer amerikanischen Großstadt rothaarige Jugendliche, erschießt schließlich den jüngsten Gefangenen und zwingt die übrigen in der Wüste dazu, über ein Minenfeld zu rennen. Gedreht hat den neunminütigen Kurzfilm Romain Gavras, der Sohn des griechischen Regisseurs Constantinos Costa-Gavras, der auch schon für ein Video des französischen Filter-House-Duos Justice eine Gang inszenierte, die in einer Pariser Banlieue wahllos Menschen verprügelte. Das Born Free-Video wurde von YouTube erwartungsgemäß sofort gesperrt.

Text: Jens-Christian Rabe/SZ vom 8.7.2010/sueddeutsche.de/luc/rus

M.I.A. beim Coachella Valley Music & Arts Festival 2009.

M.I.A

Quelle: ap

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Ende Mai erschien dann im Magazin der New York Times ein großes Porträt, das die Glaubwürdigkeit der Künstlerin anzweifelt - nicht zuletzt weil sie inzwischen in Beverly Hills mit Benjamin Bronfman zusammenlebt, dem Sohn des amerikanischen Warner-Chefs und Milliardärs Edgar Bronfman: M.I.A.s politischer Rap sei nicht mehr als "Radical Chic". Für die Tochter eines Aktivisten der tamilischen Befreiungsbewegung, die sich als gerechte Rebellin und - wenigstens verbal - als militante Kämpferin gegen Unterdrückung versteht, war das natürlich nicht hinnehmbar. Auf ihrem Twitter-Account stand bald die private Telefonnummer der NYT-Journalistin. Und damit die Frage im Raum, wie es nun zu sein hat, das Verhältnis von Sein und Bewusstsein. Wie eng dürfen das gute Leben und die gute Sache geführt werden?

M.I.A 2009 bei einer Modenschau von Jimmy Choo in West Hollywood.

M.I.A.

Quelle: ap

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Unbestritten ist das zentrale Talent Mayas, das der amerikanische Rolling Stone in seiner aktuellen Ausgabe als die Fähigkeit bezeichnet, "Wut in wunderbar kaputte Musik" zu verwandeln. Und wer ihren bislang größten Hit Paper Planes vom 2007 erschienenen, zweiten Album Kala kennt, dürfte eine Ahnung haben, was damit gemeint ist. Der baladeske Song basiert auf einem kurzen, monoton absteigenden Gitarrenriff aus dem Clash-Song Straight To Hell, darunter liegt ein ruhiger, für die Basskultur des avancierteren Electro-Punk-Pops der Nullerjahre allerdings typischer, extrem wuchtig federnder Beat, der nur aus Bassdrum-Schlägen besteht. Worauf es allerdings ankommt, ist das Sounddesign des Refrains: Gleichberechtigt zum schleppenden Gesang Mayas und eines Kinderchors sind darin nach den Worten "All I wanna do is..." erst vier krachende Maschinenpistolenschüsse zu hören - BANG, BANG, BANG, BANG! -, und vor der Zeile "And take all your money" schließlich das Rattern einer alten Registrierkasse - KKKAAA CHING!

M.I.A. 2009 beim Coachella Valley Music & Arts Festival.

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Quelle: XL Recordings

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Wer es allerdings auch auf ihrem an diesem Freitag erscheinenden dritten Album Maya (XL Recordings) wieder so vergleichsweise gemütlich erwartet, dürfte nicht allzu viel Freude haben. Geholfen haben schließlich ihr Bruder Suru, der Dubstep-Produzent Rusko, der Rapper und Produzent Blaqstarr und nicht zuletzt Diplo und Switch, die beiden wichtigsten Produzenten des sogenannten Ghetto-Tech, der sich etwa die brachialen Beat- und Geräuschbastelei und die textliche Drastik des brasilianischen Baile-Funk leiht und dann versucht, mit der elektronischen Tanzmusik des Westens zu versöhnen. Maya beginnt dementsprechend sofort mit einer Zumutung. Das kurze The Message ist mit seinem hämmernd übersteuerten Synthie-Beat und dem penetranten Sirenengeheul mehr Katastrophenalarm als Intro; im zweiten Stück Steppin Up ist das zentrale Instrument eine hochtourig beschleunigte Bohrmaschine.

M.I.A.

Quelle: ap

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Mayas aggressiv leiernder Sprechgesang tut sein Übriges, um dem Hörer die Haare aufzustellen. Das darauf folgende erste Schlüsselstück der Platte XXXO kommt einem danach vor wie eine Verschnaufpause, obwohl es kaum weniger aufdringlich arrangiert ist. Der Gesang ist leicht ins Roboterhafte manipuliert, der Beat allerdings treibender als in den beiden brutal stolpernden Auftaktstücken. Im Hintergrund schieben breitwandige Synthie-Samples den Song voran. Schon das folgende Teqkilla allerdings ist wieder ein nervös zappelnder Lärmangriff. Lovalot könnte eine schlank rollende Idee der findigen R'n'B-Produzentin Missy Elliott sein, wenn es nicht so konsequent eine mitreißenden Hookline verweigern würde. Worauf es allein ankommt, ist die maximal brutale Verpackung des zentralen Slogans: "I fight the ones that fight me."

M.I.A. 2009 bei den 51. Grammy Awards in Los Angeles.

M.I.A.

Quelle: ap

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Das zweite Schlüsselstück, Born Free, der Song zum Skandalvideo, treibt das Prinzip noch auf die Spitze. Vier Minuten und acht Sekunden lang - eine Art vorwärtsgehackte akustische Tracht Prügel, maßgeschneidert als Soundtrack für Straßenunruhen mit fliegenden Pflastersteinen und Molotowcocktails. Space gewährt am Ende einen fast meditativen, swingenden Ausklang - wenn es nur nicht weiter so fies fiepen, quietschen und heulen würde.

Auftritt M.I.A.s bei den 51. Grammy Awards 2009.

Nominated British artist Maya Arulpragasam performs during the Mercury Music Prize awards in central London

Quelle: rtr

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Wenn man nicht bereit ist, als linker Aktivist in den bewaffneten Untergrund zu gehen, verblasst nun das eigene Leben gegenüber der Wucht dieser musikalischen Militanz natürlich zwangsläufig. Umso mehr Widersprüche gibt es, wenn man wie Maya auch noch um größtmögliche Aufmerksamkeit bemüht ist. Ohne die Unterhaltungsindustrie ist das nicht zu schaffen. Die hat aber noch jede gute Absicht kleingekriegt.

M.I.A. bei den Mercury Music Prize Awards in London 2005.

Nationwide Mercury Prize - Awards Room

Quelle: Getty

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Im Porträt der New York Times hat auch Jimmy Iovine einen Auftritt. Er ist Chef des Labels Interscope, das das M.I.A.-Album zwar nicht veröffentlicht hat, es aber vertreibt. Er sagt: "Maya hat alles. Als ich sie zum ersten Mal traf, war sofort klar, dass sie jeder unter Vertrag nehmen würde. Ihre politischen Absichten interessierten mich nicht. Es geht letztlich nur darum, den Moment zu erwischen, in dem man die populäre Kultur ein Stück bewegen kann. Maya kann die Position der Nadel verändern. Ich will dahin, wo sie mich hinbringen wird." Nur bitte nicht in ein Krisengebiet.

M.I.A. bei den Mercury Prize Awards in London 2005.

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Quelle: XL Recordings

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Die Sehnsucht nach einer so originellen wie glaubwürdigen Stimme steckt genauso tief im Pop wie das Geschäft. Sie verrät uns am Ende natürlich mindestens so viel über uns selbst wie über die jeweiligen Protagonisten. Ihre Botschaften werden dadurch jedoch weder weniger falsch noch weniger richtig. Das Gutmenschentum von Superstars wie dem Multimillionär Bono leidet übrigens an denselben Widersprüchen, es ist nur viel bequemer als Mayas Wut. Es lässt uns mit ihm als Wohltäter erscheinen. Mayas Kunst gibt uns eine Ahnung davon, was die, denen wir wohl tun wollen, eigentlich von uns halten.

© sueddeutsche.de/luc

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