Theaterfotografie:Verweile doch

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Das Museum für Fotografie zeigt in einer großen Einzelausstellung Theaterfotografien von Ruth Walz aus den letzten 50 Jahren. Für die Schaubühne Berlin hat Walz von 1976 bis 1990 legendäre Inszenierungen unter anderem von Peter Stein, Luc Bondy oder Rober

"Parsifal" von Richard Wagner an der Staatsoper Berlin 2015, Regie und Bühne: Dmitri Tcherniakov.

(Foto: Ruth Walz)

Kunst des Augenblicks: Das Berliner Museum für Fotografie ehrt die große Theaterfotografin Ruth Walz mit einer Ausstellung.

Von Peter Laudenbach

Der Theaterfotografin Ruth Walz in der Ausstellung zu begegnen, die ihr das Berliner Museum für Fotografie ausgerichtet hat, ist ein Erlebnis. Wer das Theater liebt und nicht völlig geschichtsblind ist, kennt und bewundert ihre Bilder. Seit fünf Jahrzehnten hält Ruth Walz Theatergeschichte im Moment ihrer Entstehung fest, während der Proben, die sie wochenlang begleitet. Einfach mal kurz vorbeizuschauen und ohne Ahnung von den Stücken und den Künstlern ein paar möglichst knallige Bilder zu knipsen, wäre möglicherweise effizient, aber auch so ziemlich das Gegenteil ihrer Arbeitsauffassung. Dass sie dabei sehr oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, ist erstens ein Glück für die Nachgeborenen und zweitens kein Zufall. Ruth Walz wusste offenbar schon als Berufsanfängerin in jungen Jahren, welches Theater sie mehr als alles andere interessiert, nämlich einfach das beste der Welt oder zumindest das schönste, strahlendste und künstlerisch kompromissloseste in der kleinen Bundesrepublik - und das war in den ein, zwei Jahrzehnten nach 1970 natürlich die Berliner Schaubühne unter Peter Stein. Viele der ikonisch gewordenen Theateraufnahmen dieser Jahre stammen von Ruth Walz.

"Das Theater ist mir wichtiger als die Fotografie", sagt die Fotografin im Gespräch. Ihr Verhältnis zu ihrem fotografischen Werk ist nüchtern und unsentimental. Eine der bedeutendsten Theaterfotografinnen der Welt sieht sich nicht unbedingt als autonome Künstlerin, eher als geduldige Beobachterin, die in ihren Bildern die flüchtigen Momente des Theaters festhält. Das Theater, das ihr etwas bedeutet, zu fotografieren, war offenbar ihr Weg, daran teilzuhaben. Diese Teilhabe bedeutete im Fall der alten Schaubühne nicht nur wochen- und monatelange Probenbeobachtung. Auch bei den Gastspielen, den Diskussionen und Vollversammlungen des kollektiv geführten Theaters war Ruth Walz dabei. Diese Nähe, die Aufmerksamkeit und das Sensorium für den entscheidenden Moment sieht man ihren Fotografien an.

Bilder, die einen archaischen Schrecken festhalten - aber auch die Schönheit

In der Berliner Ausstellung und dem prächtigen Ausstellungskatalog kann man zum Beispiel die Arbeit des Ensembles an Peter Steins berühmter Inszenierung der "Orestie" verfolgen - von der mächtigen Wand des Bühnenbildes, die Außenseite des Palastes, die die Schauspieler zu Beginn der Probenarbeit selbst mauern, bis zu einer Bildsequenz, die festhält, wie Edith Clever als Klytaimnestra ihren Gatten und dessen Geliebte ermordet. Es sind Bilder, die einen archaischen Schrecken festhalten. Wie Schlachtvieh liegen die Ermordeten vor, unter der blutbeschmierten Rasenden. Dass Theater Grenzerfahrungen dessen erkundet, was Menschen sind, was sie sich und einander antun können, dass das Theater als Menschenerkundungskunst im Schrecken und in der Schönheit etwas sehr Besonderes und Einzigartiges ist (oder zumindest in seinen großen Momenten sein kann), das sieht man in diesen Aufnahmen von Ruth Walz.

Das Museum für Fotografie zeigt in einer großen Einzelausstellung Theaterfotografien von Ruth Walz aus den letzten 50 Jahren. Für die Schaubühne Berlin hat Walz von 1976 bis 1990 legendäre Inszenierungen unter anderem von Peter Stein, Luc Bondy oder Rober

Botho Strauß "Die Zeit und das Zimmer", Berliner Schaubühne 1989, Regie: Luc Bondy.

(Foto: Ruth Walz)

Andere Bilder zeigen den Regisseur Peter Stein, wie er seinen Schauspielern aus dem Textbuch vorliest - Momente der langen, aufmerksamen Exkursionen in die Welt des Theaterstücks, mit dem sich das Ensemble beschäftigt. Die Fotografien halten die selbstvergessene Konzentration, Wachheit, strahlende Intelligenz und Konsequenz dieser Theaterproben fest: Künstler bei der Arbeit, gleichzeitig demütig (im Sinne von: Wir dienen gemeinsam dem Werk der Dichter) und stolz, weniger auf die eigene Könnerschaft als auf die Ernsthaftigkeit, mit der hier die Möglichkeiten des Theaters erkundet und immer weiter getrieben werden. Man wünscht sich unwillkürlich, die so entstandenen Aufführungen noch einmal zu sehen.

Robert Wilson, der Ruth Walz seit seiner ersten Arbeit an der Schaubühne vor mehr als vier Jahrzehnten kennt, erzählt in einem Interview, was ihre Fotografien für ihn so besonders macht: Sie hält Gesten fest, den Augenblick: "one moment frozen in time". Wenn er ihre Aufnahmen von seinen Proben betrachte, sagt Wilson, lerne er, was an den Szenen stimme und was er besser, anders machen sollte. Etwas Ähnliches berichtet Ruth Walz von Peter Steins Umgang mit ihren Fotografien, die er sich oft während der Proben von ihr geben ließ: Der unbestechliche Blick der Fotografin zeigt dem Regisseur die eigene Inszenierung in etwas anderer Perspektive.

Auch wenn Ruth Walz sich eher als Dokumentaristin und nicht so sehr als autonome Künstlerin sieht, haben ihre Fotografien natürlich eine eigene Bildsprache. Die Berliner Ausstellung wird ihr gerecht, indem sie Aufnahmen zu Leitmotiven zusammenstellt, etwa mit einer Reihe von Studien zu Theatervorhängen - wehende, transparente, geöffnete, schwere Falten werfende Theatervorhänge aus den unterschiedlichsten Inszenierungen. Der schönste Raum der Ausstellung gilt dem vor zwei Jahren verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz, über vier Jahrzehnte der Lebensgefährte von Ruth Walz. Ihm ist die Ausstellung gewidmet.

Ruth Walz - Theater im Sucher. Museum für Fotografie Berlin, bis 13. Februar 2022. Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen.

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