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Münchner Kammerspiele:Jelineks "Wut" ist eine Mischung aus Clownsspiel und schwarzer Messe

'Wut' in den Münchner Kammerspielen

"Wut" in den Münchner Kammerspielen: Schauspielerin Jelena Kuljic im Stück von Elfriede Jelinek.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Elfriede Jelinek arbeitet an den Münchner Kammerspielen die Anschläge auf "Charlie Hebdo" auf - und inszeniert einen vielstimmigen Wut-Chor. Selbst für Böhmermann ist Platz.

Das Stück "Wut" von Elfriede Jelinek umkreist die Anschläge auf Charlie Hebdo, versucht sie nachzuvollziehen, sie mit Sprache zu fassen in all ihrer Unfassbarkeit. Der Text ist eine wild mäandernde Suada, in der es buchstäblich um Gott und die Welt geht, um den einen Gott und die anderen, um Väter, Täter, Opfer und Propheten, wobei nicht immer klar ist, wer nun eigentlich wer ist und wer gerade spricht. In dem endlos dahinrauschenden Text spricht mal ein "Wir", mal ein "Ich". Dabei nimmt Jelinek die Anschläge immer wieder en detail in den Blick, springt dann aber zum IS, in die griechische Mythologie oder zum Völkermord in Ruanda. Jelinek hat das Stück direkt in den Wochen nach dem Angriff geschriebenm als noch keiner wissen konnte, was noch alles passieren wird. Die Anschläge in Paris, Istanbul, Lahore, Brüssel, die Wahlerfolge der AfD - all das macht "Wut" erschreckend aktuell.

Trifft der Titel "Wut" zu?

Absolut. Der Text ist pure Sprachwut - oder wie es im Programmheft heißt: "ein vielstimmiger Wut-Chor". In diesem Chor der Wütenden kommen nicht nur die Pariser Attentäter und andere Dschihadisten zu Wort, sondern auch die deutschen Wutbürger, Pegida-Anhänger und AfDler, nicht zu vergessen die rasenden Kommentatoren aus den Internet-Foren. Es wird auf der Bühne sogar ein richtiger Shitstorm inszeniert, und zwar ganz analog und im wörtlichen Sinne: braune Kackhäufchen dienen als Wurfgeschosse. Auch wütende Frauen, die von ihrem Mann betrogen wurden, melden sich zu Wort, und antiker Wut-Referenzheld ist Herakles, der im Wahn die eigene Familie auslöscht. Und dann ist da natürlich noch die Wut der Autorin selbst, die ihren Sprachfuror überhaupt erst anheizt und am Brodeln hält. Es ist auch eine Wut auf die eigene schreiberische Ohnmacht.

Wie ist die Inszenierung?

Die Inszenierung ist klug und ziemlich beeindruckend und wird im Laufe des Abends immer besser. Nicolas Stemann, der selber mit auf der Bühne ist, und seine sieben Schauspieler arbeiten sich in einer Art Bühnenlaboratorium so richtig mit Herzblut und Hirnwut (und gutem Humor) an dem oft auch nervigen Text ab. Auch Stemanns Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sind wieder live (und sehr zentral) mit auf der Bühne. Es wird ständig mit Selfie-Sticks und Handykameras gefilmt, manchmal schwillt die Musik bedrohlich an. Eine furiose Mischung aus Leseprobe, Wut-Performance und Textoratorium, auch Clownsspiel, Satire und schwarzer Messe, sehr assoziationsreich und musikalisch großartig - mit satirischen Einlagen und aktuellen Anspielungen (z.B. der Fall Böhmermann).

Bester Auftritt

Stemann inszeniert ein sehr lustiges Stelldichein verschiedener Gottheiten mit Jesus als Gastgeber. Zu Besuch kommen ein dicker Buddha, Zeus mit dem Zackenblitz und ein vierarmiger indischer Ganesha, aber auch der Weihnachtsmann und "das fliegende Spaghettimonster" sitzen mit in der Sofarunde. Jeder erzählt, was er besonders gut kann (z.B. hat Jesus da diesen Trick mit dem Übers-Wasser-Gehen), und dann machen sie ein Selfie und winken in die Kamera, um den einen zu grüßen, der fehlt: "Mo!" Als Franz Rogowski plötzlich im Goldröckchen mit Pumps in die Runde platzt, erschrecken alle anderen sehr und weichen zurück. Da sagt Rogowski: "Hey, Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich Mohammed bin! Ich bin eine Böhmermann-Karikatur."

Lieblingsszene

Die tolle Julia Riedler legt an einem Notenständer ein rotzig-lässiges Solo hin, in dem sie im fliegendem Stimmwechsel einen Disput zwischen Schauspielerin, Regisseur und Autorin persifliert. Wobei sie Jelinek ("Elfie") im breitesten, genervtesten Österreichisch reden lässt: "Ich sage wir, aber ich bin es nicht, ich bin die alle nicht ... Sie wollen das Innerste der Menschen von mir, aber wie soll ich das kennen? Sie wollen richtige Menschen von mir? Dann müssen Sie sich an jemand anderen wenden!"

Die Inszenierung ist etwas für Sie, wenn ...

... Sie keine Angst vor Jelinekaden haben und nicht immer alles verstehen (wollen) müssen. Achtung Textlawinengefahr! Die Aufführung dauert dreidreiviertel Stunden, gespielt wird ohne Pause, aber man darf auch rausgehen und kann sich was zu trinken holen.

Ein Satz zum Mitreden?

"Ach, ich schäume schon wieder vor Wut, ich weiß, ich sollte das nicht."

© SZ/jasch/cag
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