bedeckt München 22°
vgwortpixel

"Montecristo" von Martin Suter:Auftragskiller mit E-Zigarette im Mundwinkel

Suters dreiteilige These: weil alle genauso weitermachen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Bankenkrise kommt. Und weil der Staat die Finanzinstitute nicht noch einmal retten wird, scheuen sie vor keinem Mittel zurück. Doch weil alle darin verstrickt sind, wird Wirtschaftskriminalität irgendwann zur Staatsräson erklärt. Suter hat einen Kriminalroman geschrieben, der alle Kriminalromane in sich vereint. Die Behauptung, dass es kein Verbrechen gebe, wenn es keiner mehr beim Namen nennt, das, so Suter, ist das größte Verbrechen von allen.

Leipziger Buchmesse Diese Bücher haben Chancen auf einen Preis
Leipziger Buchmesse

Diese Bücher haben Chancen auf einen Preis

Ein Sanitäter gerät in Afghanistan in Gefahr. Die Liebe führt einen Jugendlichen in radikale Studentenkreise. Und dann gibt es noch Poesie über die Würgefeige. Die Nominierten für den Leipziger Buchpreis.

Nie zuvor hat der Verschwörungstheoretiker Suter so gut zusammengearbeitet mit dem Beschwörungspraktiker Suter. Den verspiegelten Fassaden der Global Player, hinter die man nie richtig dringt, setzt er Zürcher Lokalkolorit entgegen. Und er sagt ganz genau, wie viel Geld eigentlich 8,4 Milliarden in Hundert-Franken-Scheinen sind: ein Lastwagen voll, achtzehn Paletten.

Wunderwerk der Konstruktion

Hervorragend gelingt es ihm, eine Atmosphäre seelenloser Professionalität zu erzeugen, die ebenso an die Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt denken lässt wie an Anton Corbijns Film "A Most Wanted Man". Zum Beispiel, wenn er einen Auftragskiller nicht als brutale Hackfresse zeichnet, sondern als hochqualifizierten Freelancer mit einer umweltschonenden E-Zigarette im Mundwinkel. Dass der Mann auch noch Opern liebt, ist eigentlich fast schon zu viel, wäre es nicht wieder eine Verneigung vor einem großen Film, Billy Wilders "Manche mögen's heiß", in dem die Mobster sich als Freunde der italienischen Oper tarnen.

"Montecristo", der in dieser Woche die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste erklommen hat, also Suters Stammplatz, ist ein Wunderwerk der Konstruktion. Großartig allein schon, wie er das alte Motiv der Schatzsuche in allen Varianten durchspielt, von der Geheimschublade in einer asiatischen Statue über das Bankschließfach bis zum Computer-File. Und dass Suter die Spur irgendwann erkalten lässt wie eine schlecht angerauchte Montecristo, darin besteht sein bester Trick. Als wollte er sagen, dass eigentlich die Wirklichkeit der wahre ungelöste Fall ist. Und dass die Zigarre nur noch bitter schmeckt, wenn es die Welt selbst ist, die brennt.