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"Der weiße Fleck" von Mohamed Amjahid:Einfach mal zuhören

Die Namen der neun Opfer des rechtsradikalen Anschlags von Hanau am 19. Februar 2020 an einer Hanauer Hauswand.

(Foto: Michael Probst/AP)

Warum nicht gleich auf der guten Seite ist, wer eine Person of Color im Bekanntenkreis hat: Mohamed Amjahids lesenswerte Anleitung zu antirassistischem Denken.

Von Julia Rothhaas

"Mein Name ist Mohamed, und ich mache mir große Sorgen um meine körperliche Unversehrtheit, meine Existenz, mein Leben in Deutschland, in Europa, im sogenannten Westen." So wie Mohamed geht es vielen Menschen in Deutschland. Weil das aber für große Teile der Mehrheitsgesellschaft weiterhin kaum eine Rolle spielt, obwohl mehr denn je über die Benachteiligung von Minderheiten im Öffentlichen wie im Privaten diskutiert wird, weist der 1988 in Frankfurt am Main geborene Journalist und Autor Mohamed Amjahid seine Leser schon gleich zu Beginn auf diesen dunklen "weißen Fleck" hin. Hingucken, immer wieder, darum müsse es in diesem Land gehen, das sich doch eigentlich geschworen habe, "nie wieder" Rassismus zuzulassen.

Schon in seinem Vorgängerbuch "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" ging es 2017 darum, Alltagsrassismus sichtbarer zu machen. Denn dieser Rassismus zeigt sich nicht nur bei denen, die gar kein Problem damit haben, ihn offen zu zeigen, sondern auch bei vielen, die sich eigentlich für tolerant und weltoffen halten - und dabei permanent über ihren eigenen, wenn zum Teil auch unbewussten, Rassismus stolpern.

Davon erzählt Mohamed Amjahid nun auch in seinem neuen Buch. Wenn sich etwa Menschen in der "Opferolympiade" unbedingt nach oben kämpfen wollen - beispielsweise im Sinne des Dauergasts namens "alter weißer Mann", der sich stets im Recht fühlt und nach Kritik bedauert, "von politischer Korrektheit und Tugendterror" unterdrückt zu werden. Noch peinlicher: wenn sich eine Gruppe grundlos selbst zum Opfer von Diskriminierung macht. Als die Firma Katjes ihre veganen Gummibärchen vor einigen Jahren mit einer Frau mit Kopftuch bewarb, warf ein Veganer dem Autor stolz entgegen: "Wir Minderheiten müssen zusammenhalten."

Weiße sind nicht daran gewöhnt, dass ihr Weißsein thematisiert wird

All das mache es umso wichtiger, dass jede Person zumindest mitdenke, in welchen Strukturen sie sich bewege, so Amjahid: "Denn Weiße existieren in der Öffentlichkeit meist nur als Individuen, als Persönlichkeiten, als Subjekte." Sie seien es nicht gewohnt, dass ihr Weißsein thematisiert werde.

Die Familie von Mohamed Amjahid kehrt 1995 aus Frankfurt am Main nach Marokko zurück. Die drei Kinder sind sauer, sie fühlen sich "nach Afrika verschleppt". Während der Vater versucht, den eigentlichen Grund mit Witzen zu verharmlosen, ist die Mutter deutlicher: Die Rückkehr habe mit dem Rassismus zu tun, den sie in Deutschland erlebt hätten. Amjahid erfährt ihn am eigenen Leib, als er von 2007 an in Berlin Politikwissenschaften studiert.

Mohamed Amjahid: "Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken". Piper Verlag, München 2021. 224 Seiten, 16 Euro.

Heute ist er der festen Überzeugung, dass sein Leben eine andere Wendung genommen hätte, wenn die Familie in Frankfurt geblieben wäre: "Ich hätte mit großem Glück als Lagerarbeiter, bei der Müllabfuhr oder in einer Reinigungsfirma für die Vermehrung des deutschen Bruttoinlandsprodukts, die Dividende wohlhabender Investoren oder den Komfort weißer Menschen schuften dürfen." Dabei gehe es ihm nicht darum, einzelne Lohnarbeiten gegeneinander auszuspielen, sondern "welche Wege der westliche Kapitalismus für Nichtweiße bereithält".

Im Buch fragt er, wie es komme, dass viele Begriffe der Rassismusdebatte zwar von Autoren of Color erdacht und weiterentwickelt wurden, die nicht-weißen Quellen dann aber nicht zitiert würden. Stattdessen ließen sich weiße Autoren lieber das Thema Rassismus in den Block diktieren mit dem Argument "Weiße hören Weißen eher zu". An anderer Stelle geht es darum, warum es Unsinn ist, wenn antirassistische Menschen darüber diskutieren, ob die Kapitänin Carola Rackete bei ihrer Rettung von Geflüchteten vor dem Ertrinken im Mittelmeer überhaupt ernst genommen werden darf - wegen ihrer Dreadlocks.

Es gibt 50 konkrete Empfehlungen

Besonders verstörend ist das Kapitel über "refugee porn", Flüchtlingspornografie. In Deutschland wird zu Spitzenzeiten allein auf der Seite xHamster.com pro Monat bis zu 800 000 Mal nach Refugee Porn gesucht. Darin spielen Darstellerinnen hungrige geflüchtete Frauen, die vom weißen Mann gedemütigt werden. Sex gegen Essen. Arabische Männer werden dagegen als besonders gewalttätig dargestellt. Nun lassen sich sexuelle Vorlieben nur schwer beurteilen, doch Amjahid hat recherchiert, dass die Nachfrage nach Clips dieser Art vor allem seit 2015 gestiegen ist, in Zeiten also, in denen Geflüchtete aus Ungarn nach Deutschland einreisten und über Obergrenzen diskutiert wurde. Die Reaktionen, die Amjahid daraufhin auf seine Nachforschungen bekommt: Es seien doch bestimmt Mohameds wie er, die sich solche Videos anschauten. Deutsche würden so etwas nie gucken.

Hier und da tut man sich schwerer, der Empörung zu folgen. Etwa, wenn Amjahid erzählt, wie entsetzt die weißen Fahrgäste im Zug um sich gucken, wenn er den Wlan-Hotspot auf seinem Smartphone anschaltet, den er "Parallelgesellschaft" benannt hat. Schwer vorstellbar, dass sich ein Haufen Menschen tatsächlich kollektiv über einen Hotspot-Namen erzürnt. Oder wenn er sich über plastikfreie Supermärkte als platte Kopie des Basars oder Souks beschwert. Es mag richtig sein, dass es sich seit Jahrhunderten "plastikfrei zwischen Casablanca und Kalkutta" einkaufen lässt. Doch auch im Westen trug man einst seine Linsen im Beutel nach Hause. Übertreibungen wie diese lenken letztlich aber nur kurz vom eigentlich Wichtigen ab.

Am Ende stellt sich der Autor eine einfache Frage: Und jetzt? Weshalb er nicht nur beschreibt, wie tief die Schublade mit den weißen Privilegien ist. Er gibt auch 50 konkrete Empfehlungen. Zum Beispiel: Erst fragen, ob man jemandem helfen kann, anstatt sich als weißer Retter aufzudrängen. Oder einfach nur zuhören, wenn jemand von seiner Diskriminierung redet, statt die eigene kleine, vermeintliche Opfergeschichte noch irgendwie loswerden zu wollen. Und sich klarmachen, dass man nicht zum Antirassisten wird, nur weil man eine Person of Color im Bekanntenkreis hat.

Klar ist, dass es mit dem bloßen Nachdenken über Rassismus noch lange nicht getan ist. Warum die Sichtbarmachung des "weißen Flecks" aber so wichtig ist, wird spätestens am Ende des Buchs deutlich. Ganz schlicht stehen in der Widmung neun Namen untereinander: die Namen der Menschen, die am 19. Februar 2020 in Hanau von einem Rechtsextremisten ermordet wurden.

© SZ/crab
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