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Pop und Kunst:Das Dilemma mit Michael Jackson

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"Untitled (Jesus aged 43)" von Johannes Kahrs aus dem Jahr 2015.

(Foto: Peter Cox; siehe oben)
  • Die Bonner Kunstausstellung "Michael Jackson: On the Wall" will die Geschichte der Rezeptionsästhetik Michael Jacksons erzählen.
  • Sie wurde lange vor der neu aufgeflammten Debatte um Michael Jacksons angeblichen sexuellen Missbrauch von Kindern kuratiert.
  • Die Bonner Kunsthalle kommt aber nicht raus aus der Schlinge, die diese Debatte - zu Recht - um die Ausstellung gelegt hat.

Pop, so lautete einmal das geheime Versprechen, greift aus dem banalen Hier in das ewige Jetzt. Nur darum konnte aus dem ordinären, strassbesetzten Baumwollhandschuh eines Michael Jackson die aus der Ewigkeit reichende, glitzernde Hand eines Halbgottes werden. Und nur darum wird die Ungeheuerlichkeit eines spektakulären Tanzschrittes zum letztgültigen Ausdruck für die Erfüllung des Versprechens eines stehen gebliebenen Augenblicks: Mit dem "Moonwalk" schaffte es Jackson, zugleich rückwärts zu gehen und dabei doch fortzuschreiten. Im popkulturellen Kontext war der Moonwalk die Mondlandung.

Kein Wunder also, dass man Michael Jackson schon zu Lebzeiten zum "King of Pop" ernannte. Und dass sich sogar Künstlerkollegen aus Film, Fotografie, Skulptur und Malerei abmühten, dieser ersten globalen Medienikone mit ihren eigenen Arbeiten beizukommen. Von denen ein großer Teil in der Ausstellung "Michael Jackson on the Wall" zu sehen ist, die nach Stationen in London und Paris in der Bonner Kunsthalle zu sehen ist.

Und damit sind wir bei einem unerträglichen Dilemma. Denn spätestens seit Beginn des Monats, seit der Ausstrahlung der TV-Dokumentation "Leaving Neverland" des amerikanischen Bezahlsenders HBO, ist es unmöglich geworden, das Phänomen Jackson vom mutmaßlichen Kinderschänder Michael Jackson zu trennen, der zwar oft angeklagt, aber nie verurteilt wurde. Der aber in dieser Doku von zwei Männern, Wade Robson und James Safechuck, in erdrückender Eindringlichkeit als Monster geschildert wird.

Bonn kommt also nicht raus aus der Schlinge, die die neue Jackson-Debatte - zu Recht - um die Ausstellung gelegt hat

Beide waren als Kinder Dauergäste auf Jacksons Neverland-Ranch und beide werfen ihm schon seit Langem vor, sie über Jahre hinweg systematisch sexuell missbraucht zu haben. Solche Vorwürfe gab es von verschiedenen Seiten schon seit 1993 immer wieder. Im Prozess gegen den Superstar zehn Jahre später traten die beiden, die nun Jacksons Schuld behaupten, als jugendliche Entlastungszeugen auf. Jackson wurde 2005 von allen Vorwürfen freigesprochen.

Zu Lebzeiten blieb "Jacko" offiziell makellos. Man tat die zunehmende Pergamentartigkeit seines Gesichts, die zum Schluss rasierklingenscharfe Nase, die lackierten Haare, die weißen Socken, den ganzen Quatsch, den er außerhalb von Konzertsälen veranstaltete, als Exzentrik eines Superstars ab. Solange er auf seinen Konzerten und im Studio Weltklasse lieferte, war alles von ihm nur popköniglich.

Das geht aber nun nicht mehr. Das Children's Museum of Indianapolis entfernte Jackson-Exponate aus seiner Sammlung, Radiosender auf der ganzen Welt spielen seine Songs nicht mehr, Modehäuser überdenken ihre Kollektionen mit Stücken in seinem Stil, in Talkshows werden die Schuld des mutmaßlichen Kinderschänders, das Leiden seiner Opfer debattiert.

Die Bonner Ausstellung weiß nicht nur um all das, sie steht völlig im Schatten der Debatte. Jedenfalls drehte sich die Presseführung durch Rein Wolf, den Kunsthallen-Chef, und Nicholas Cullinan, den Direktor der National Portrait Gallery in London, am Donnerstag um nichts anderes.

Doch ist diese Schau, die schon im Sommer in London und im Herbst in Paris zu sehen war, vor der aktuellen Jackson-Debatte konzipiert worden. Und, das darf man ja nicht vergessen, sie zeigt nicht Jackson selber oder Reliquien aus seinem Leben, sondern Jackson im künstlerischen Werk von 50 Zeitgenossen. Sie will also keine Biografie und keine Hagiografie sein, erst recht keine Seligsprechung per Kunst.

Sie will ein Stück Kulturgeschichte, die Geschichte der Rezeptionsästhetik zu Jackson, erzählen. Obwohl ihr das nun kaum noch gelingt. Man hat in Bonn lediglich durch die Präsentation der Exponate, das Hervorheben der auch ironisch-kritischen Arbeiten zu Jackson, die Verbeugung vor Jackson in den zahlreichen Kolossalarbeiten etwas in den Hintergrund gerückt.

Denn monumentale Kitschporträts wie die Gemälde von Yan Pei-Ming, Kehinde Wiley und David LaChapelle wirken auch hier noch wie lackierte Hochzeitstorten. Nur kann man sie nicht mehr durch den Meta-Meta-Fleischwolf der Ironie drehen. Selbst Mark Floods "Michael and ET", das einen vieräugigen Jackson im Arm von Spielbergs Außerirdischem zeigt, also Aliens unter sich, ist kaum noch witzig.

Dagegen sind Arbeiten wie Jordan Wolfsons "Neverland", das lediglich Jacksons geschminkte, blinzelnde Augen in einer riesigen weißen Fläche zulässt, oder Appau Junior Boakye-Yiadoms "PYT", das Jackson-Loafers aufgehängt an Vergnügungsparkballons schweben lässt, sehr viel aussagekräftiger, weil sie das Medienphänomen Jackson thematisieren und keinen Pop-König vergöttern.

Dasselbe gilt für David Hammons "Which Mike Do You Want to Be Like ...?", eine Installation von drei unerreichbar hoch platzierten Mikrofonen für die drei schwarzen Medienlieblinge der Neunziger: Michael Jackson, Mike Tyson und Michael Jordan. Am ehesten angemessen erscheinen nun die Foto-Arbeiten von Todd Gray, der von 1979 bis 1983, also lange vor dem Hype, persönlicher Fotograf von Jackson war und später anfing, seine eigenen Jackson-Porträts aus der Frühzeit zu verfremden, um sie zu hinterfragen.

Bonn kommt also nicht raus aus der Schlinge, die die neue Jackson-Debatte - zu Recht - um die Ausstellung gelegt hat. Man will darum durch verstärkten Einsatz von Kustoden Fragen des Publikums beantworten helfen. Außerdem ist für den 7. April eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Fall Jackson anberaumt. Das ist ein Tag nach der Ausstrahlung der HBO-Dokumentation auf dem Sender Pro7 hierzulande. Die Zeit der Pop-Könige ist vorbei, aber in Bonn gibt es dazu eine letztlich trotz der Schatten doch wunderbare Ausstellung.

Michael Jackson: On the Wall. Bundeskunsthalle Bonn, bis 14. Juli 2019. Info: www.bundeskunsthalle.de. Katalog 220 Seiten, 32 Euro.

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