Metallica und Lou Reed gemeinsam Fans zürnen, doch es ist große Kunst

Metallica machen es ihren Fans mal wieder richtig schwer. Die erfolgreichste Metal-Band aller Zeiten hat sich mit Avantgarde-Großvater Lou Reed zusammengetan, um Frank Wedekinds "Lulu" zu interpretieren. Da geht es derb um Gier, Hass und Sex, und es ist nicht leicht zu hören. Gerade weil es so extrem ist, wird daraus ein bedeutendes Album.

Von Alexander Menden

Der Song "Frustration" trieft vor delirierender Hassliebe: "Ich kotze dir meine Eingeweide vor die Füße, du bist mehr Mann als ich. Ich will dir so sehr weh tun, heirate mich!" Im Vordergrund die wie trockenes Laub raschelnde Altmännerstimme von Lou Reed, im Hintergrund Lars Ulrichs verschwitzte Drumbreaks und tritonusschwangere Streicher.

Lou Reed ist begeistert von Metallica

US-Rocker Lou Reed hat keine Angst vor Metallica-Fans - trotz böser Reaktionen auf seine Zusammenarbeit mit der Band für das gemeinsame Album "Lulu". mehr ...

Der Songtitel "Frustration" fasst auch bestens zusammen, was viele empfanden, als sie zum ersten Mal das Doppelalbum namens "Lulu" hörten. Metallica als Backing-Band für ein Lou-Reed-Projekt, das auf Frank Wedekinds "Lulu"-Dramen basiert?! Er habe bereits Morddrohungen von Metallica-Fans erhalten, hat Lou Reed gerade mitgeteilt, auch von denen, die "Lulu" noch gar nicht gehört hätten: "Einfach dafür, dass ich da überhaupt aufgetaucht bin."

Reed stand vor zwei Jahren zum ersten Mal gemeinsam mit Metallica auf einer Bühne. Da spielten sie in New York bei einer Jubiläumsshow der Rock'n'Roll Hall of Fame gemeinsam "Sweet Jane". "Als wir zu spielen anfingen, dachte ich: wow", erzählte Reed später. Die "Power of Rock" habe ihn mitgerissen. Wer bei "Lulu" allerdings mit Stadionrock in welcher Form auch immer rechnet, wird nicht nur enttäuscht, sondern geradezu gedemütigt. Das Ganze ist ein Gebilde aus Angst, Hass und Gier, das sich jeder beiläufigen Konsumierbarkeit entzieht.

Die einzelnen Teile knirschen streckenweise wie im Dunkeln ineinandergefügte Zahnräder. Reed klingt immer mehr wie der späte William S. Burroughs und ergeht sich mit seinen Texten in sadomasochistischen Phantasien. Da werden Messer geschluckt und ein "gerinnendes Herz pumpt Blut im Sonnenschein". Das "Lulu"-Material, das er bei seiner Arbeit an Bob Wilsons Wedekind-Inszenierung für das Berliner Ensemble kennenlernte, reizte Reed offensichtlich durch seine rohe Fleischlichkeit, die Wilson selbst natürlich nicht auslotete. Dass ein annähernd siebzigjähriger Mann aus der Perspektive einer weiblichen Männerphantasie wie Lulu Dinge singt wie "öffne die Stöckchenbeine, die ich trage, und dann führ eine Faust ein", ist dann eine ähnlich gemütliche Erfahrung, wie es die Premiere von Wedekinds "Erdgeist" 1898 für das Leipziger Premierenpublikum gewesen sein muss.

Metallica klingen bei all dem, als stünden sie im Nebenzimmer und hämmerten an die Tür, um auch mal einen Blick auf den Schmutz werfen zu dürfen, den Reed da ausbreitet. "Lulu" sind anderthalb Stunden härtester Rezeptionsarbeit, die fast mit dem mithalten können, was Lou Reed dem Hörer 1975 mit seiner Feedbackorgie "Metal Machine Music" abverlangte. Aber am Ende wartet, bei aller Überdrehtheit mancher Textpassagen, bei aller Humorlosigkeit des Vortrags, jene befreiende kathartische Erfahrung, die wahre Kunst vom Kommerz trennt.

Letztlich kommen in diesem Album drei Strömungen zusammen, die sich, obwohl stilistisch höchst unterschiedlich, aus derselben Quelle speisen: In Wedekinds triebgesteuerten Kolportagefiguren, in Reeds widerborstiger Warhol-Factory-Dekadenz und auch in Metallicas punkigen Speed-Metal-Wurzeln manifestiert sich ein hartnäckiges Außenseitertum, das sich unbeeindruckt und unbeeinflusst vom Publikumszuspruch zeigt.

Das gilt besonders für Metallica, die erfolgreichste Metal-Band aller Zeiten: Es verdient Bewunderung, wie regelmäßig sie, die mit dem Aufguss der immer gleichen Formel in alle Ewigkeit lastwagenweise Geld scheffeln könnten, ihre traditionell konservativen Fans vor den Kopf stoßen, um etwas Neues auszuprobieren.

Lars Ulrich schafft es auf "Lulu", sein Schlagzeug nachgerade expressionistisch klingen zu lassen. Und der gewöhnlich dominante James Hetfield tritt als Sänger völlig hinter Reed zurück und überlässt es ihm, sein finsteres Menschheitsbild zu malen. "Lulu" ist ein großer Wurf. Lou Reed weiß, dass es so bald keine Fortsetzung geben wird. "Aber auf Radio Lou, in meinem Kopf, wo ich diese Songs höre, will ich noch mehr davon", sagte er. In den Sender würde man zu gerne mal reinhören.

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