Schriftstellerin Masha Gessen Ein schwuler Putin als Papierhampelmann

Masha Gessen daheim in Harlem: "Die Zukunft ist Geschichte" heißt ihr Buch über das postkommunistische Russland, für das sie in den USA zum Orakel erhoben wurde.

(Foto: Wolfgang Wesener)

Masha Gessen liefert die aktuell düstersten Analysen zu Russland. Kein Wunder: Für eine lesbische, jüdische Journalistin hatte das Land bislang in keiner Phase viel Toleranz übrig. Ein Besuch in Harlem.

Von Sonja Zekri

Wo Masha Gessen lebt, ist Moskau nie weit und sei es im Norden des Central Parks. Ein paar Straßen hinter ihrem Block mit dem "Deli Harlem Empire" ragen die Projects auf, kahle Plattenbauten über skelettartigen Spielgerüsten und alten Bäumen. Von einem Ast baumelt ein schwarzer BH. Abgesehen von der Wäsche in den Zweigen sehen große Teile der russischen Hauptstadt genau so aus, und zwar nicht nur die sozial schwachen.

Masha Gessen lebt nicht in den Projects, sondern seit ihrem Umzug aus Russland nach New York im Jahr 2013 in einem nahen Brownstone mit Treppe und handtuchgroßem Grünfleck. Auf dem Weg in die Küche begleitet die Besucher Gypsy, eine Art schwarzer Riesenpudel von entwaffnender Zutraulichkeit. Holztisch, spiegelblanke Töpfe an einem Haken, am Fenster ein schwuler Putin als Papierhampelmann mit Regenbogenflagge und Blumenkranz: So beinhart Masha Gessens politische Beschreibungen sind, es muss in ihr auch eine andere, verspieltere Seite geben.

Am Mittwochabend bekommt Masha Gessen zum Auftakt der Leipziger Buchmesse den Preis für Europäische Verständigung für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte" (auf Deutsch bei Suhrkamp). Für viele ist es die aktuell schlüssigste Exegese des russischen Postkommunismus, ganz sicher ist es eine der düstersten. In den Vereinigten Staaten haben sie ihre Autokratie-Analysen gerade zu einer der gefragtesten Kommentatorinnen gemacht hat. Aber unter dem Putin-Hampelmann in ihrer Küche muss es natürlich erst mal um Russland gehen.

Der russische Zoll konfiszierte ihr Buch. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Autorin

Welchen Ruf sie in Russland inzwischen hat, erfuhr sie, als ein befreundeter Anwalt in Russland eine englische Kopie ihres Buches bestellte. "Er wurde zum Zoll bestellt, wo er unterschreiben sollte, dass das Buch keine extremistischen Inhalte verbreitete. Daraufhin sagte er, das wisse er nicht, er habe es ja noch nicht gelesen." Nach einigem Hin und Her bekam er das Buch, zog aber wegen der Konfiszierung des Buches vor Gericht, wo er die interne Begründung des Zollbeamten einsehen konnte. "Der Zollbeamte hatte mich im Internet gesucht, wo ich als jemand gelte, der Homosexualität propagiert", sagt sie. "Das Buch wurde also nicht wegen seines Inhaltes, sondern wegen der Autorin kassiert. Deshalb wird es auch nie übersetzt werden."

Masha Gessen ist in Moskau geboren, in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, 1996 nach Russland zurückgekehrt, das sie 2013 erneut verließ, um sich mit ihrer Frau und drei Kindern in New York niederzulassen. Als lesbische, jüdische Journalistin ist ihre Maximaldistanz zum Kreml fast schon logisch: Die russische Geschichte kannte nur wenige Phasen, in denen auch nur eine ihrer Eigenschaften auf Toleranz gestoßen wäre, auch im postkommunistischen Vierteljahrhundert. In einer "totalitären Gesellschaft, die von einem Mafiastaat regiert wird", so beschreibt Masha Gessen Russland, seien Homosexuelle ideale Opfer, ihre schwule Identität, ihr Anspruch auf gleiche Rechte ließen sich leicht als westlichen Einfluss denunzieren: "Keiner kennt einen Schwulen persönlich, es ist perfekt." Mag sein, dass sie übertreibt, wahrscheinlich sogar sehr, aber sie hat alles Recht, es so zu sehen.

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Unter den vier Porträts russischer Jugendlicher in ihrem Buch ist der schwule Wissenschaftler Ljoscha auch nicht der interessanteste. Gessens Lieblingsfigur ist eine junge Frau, die ebenfalls Mascha heißt, eine gefährlich idealistische Überlebenskünstlerin, die den postkommunistischen Staat als eine Art Vakuum erlebt, in dem ihre Mutter unter Schmerzen an Brustkrebs sterben muss, weil sie kein Morphium bekommt. Einer von Maschas Jobs besteht darin, die Zahlung von Bestechungsgeldern für eine Kosmetikfirma zu organisieren: der Staat als Beute. Diese Mascha wäre gern zur Armee gegangen wegen der Ordnung und des höheren Sinns, aber nicht zur russischen, denn welchem höheren Sinn hätte diese abgewrackte Truppe in den Neunzigern schon gedient?

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Es ist kein Widerspruch dazu, sondern nur zeitgemäß, dass sich Mashas Mascha bei den Protesten gegen Wladimir Putin im Herbst 2011 auf dem Bolotnaja-Platz einfindet. Es ist aber ebenso wenig ein Widerspruch, sondern fast logisch, dass sie heute, nach der Niederschlagung der Proteste und der Einleitung des Hochputinismus, der Ordnung und höheren Sinn oder zumindest die Simulation von beidem bietet, für den staatlichen Auslandssender Russia Today arbeitet. "Sie geht dahin, wohin der Wind sie trägt", sagt Masha Gessen.

Kritiker haben Gessen vorgeworfen, dass in ihrem Buch bis auf den Putin-Ideologen Alexander Dugin nur regierungskritische Menschen vorgestellt werden. Wäre es nicht wichtig gewesen, auch mal einen eloquenten Putin-Anhänger zu Wort kommen zu lassen? Das findet Masha Gessen überhaupt nicht, sie glaube nicht daran, dass jemand, der dem Regime nahesteht, die Situation klug analysieren könne. Das ist einerseits richtig, führt andererseits aber zu dem Eindruck, dass ganz Russland nur noch aus Oppositionellen oder Vollstreckern besteht, dass es so etwas wie Mitläufer gar nicht geben kann. Die Existenz von Unbeteiligten hält sie tatsächlich für eine Illusion: "Im Totalitarismus tauschen Täter und Opfer ständig die Plätze. Es gibt keine Zuschauer."

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Inzwischen ist das T-Wort schon einige Male gefallen. Aber je häufiger Gessen es einsetzt - in ihrem Buch widmet sie ihm viele theoretische Betrachtungen, im amerikanischen Original taucht es sogar im Untertitel auf: "How Totalitarianism Reclaimed Russia" - desto störender wird es für den deutschen Leser. Der Suhrkamp-Verlag war klug genug, eine andere Unterzeile zu wählen: "Wie Russland die Freiheit gewann und verlor", was die interessante Frage aufwirft, wann Russland denn tatsächlich mal nahe dran war, an der Freiheit. In der Interimspräsidentschaft unter Dmitrij Medwedjew vielleicht, an die manche Liberale voller Nostalgie denken? "Natürlich nicht", bescheidet Gessen: "Die Menschen waren begeistert, weil sie es sein wollten. Und ich habe sie sogar verstanden. Ich erinnere mich, dass ich im Autoradio eine Medwedjew-Rede hörte und ergriffen war: Nach zehn Jahren sprach zum ersten Mal jemand in einer überzeugenden Sprache über russische Politik." Es war eine weitere Illusion. Putin und Medwedjew richteten sich an unterschiedliche Zuhörerschaften, das weiß sie heute, Putin an eine größere, traditionellere, Medwedjew an eine kleinere, urbane, jüngere: "Sie teilten Russland auf." Aber es war dasselbe Projekt.

Die Intelligenzija hätte die Chance gehabt, ein anderes, humaneres Russland zu entwerfen, eine neue russische Botschaft an die Welt, sagt sie. Dass sie es nicht schaffte, wieder einmal nicht schaffte, weil Sacharow tot war und Russland eben nicht Estland ist, das sei die größte Tragödie der Neunziger gewesen.

Etwa an dieser Stelle der Unterhaltung zischt aus dem Heizkörper eine Dampfwolke. Das sei völlig normal, sagt Gessen, kein Grund zur Beunruhigung. Gypsy schläft unbeeindruckt auf der Coach in der Nähe des Kickers im Wohnzimmer. Zwischendurch hat Gessen auf eine SMS ihrer Tochter geantwortet. In solchen Momenten ahnt man hinter der intellektuellen Streiterin einen loyalen, warmherzigen, trotz aller Artikel über sich selbst vielleicht sogar scheuen Menschen, der sich nur eben entschlossen hat, in ein paar Fragen keine Kompromisse zu machen.

Für das US-amerikanische Publikum hat sie das in den Status eines Orakels erhoben. Sie spricht in Talkshows, schreibt eine Kolumne im New Yorker, ihr publizistischer Einfluss ist so groß wie nie. Wie steht es nun um den russischen Einfluss in der amerikanischen Politik? Wird die Robert-Mueller-Untersuchung Trump zu Fall bringen? Das sind Überlegungen, auf die sie immer wieder stößt und für die sie eine typische Antwort bereithält: "Amerika ist von Russland besessen, aber diese Obsession lässt die schlichte Tatsache außer Acht, dass Trump von den Amerikanern gewählt wurde", sagt sie. Ganz gleich, was Mueller herausfindet: "Trump wird nicht plötzlich verschwinden."

Aber empfindet sie es nicht als Tragödie, dass sie die Autokratie unter Putin verlassen hat, um auf die demokratiefeindlichen Fantasien von Donald Trump zu treffen? Sie lacht trocken: "Offenbar bringe ich Unglück." Das Gegenteil ist der Fall: Masha Gessen ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn wenig braucht Amerika derzeit nötiger als Russlandexpertise, und sei es nur, um zu begreifen, was Putin über Trump denkt. Er halte ihn für "jarkij", hatte Putin einst gesagt. Ein amerikanischer Journalist übersetzte das als "brillant". Es heißt aber "grell". So entstehen historische Legenden.

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