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"Warburgs Schnecke. Kulturwissenschaftliche Skizzen" von Martin Warnke:Ehrenrettung der Bilderstürmer

Übergang von aristokratischen zu bürgerlichen Tugenden: Francisco de Goyas "Die Familie Karls IV." (1800-1801) hängt im Museo del Prado.

(Foto: Wikimedia / gemeinfrei)

Martin Warnkes Blick für die Randzonen der Kultur und das Soziologische in der Kunst kann man in einem Sammelband jetzt endlich wiederentdecken.

Von Jan van Brevern

Als Goya um 1800 die spanische Herrscherfamilie porträtierte, war er bereits taub. Ohne den Gebrauch von Handzeichen, so hatte er kurz zuvor geschrieben, könne er sich nicht mehr verständigen. Aber vielleicht machte ihn gerade das besonders sensibel für die Veränderungen im königlichen Gestenrepertoire? So vermutete Martin Warnke in einem Aufsatz, der zuerst 1981 erschien und sich nun - zusammen mit einer Reihe weiterer Texte des Kunsthistorikers - in einem Band mit dem Untertitel "Kulturwissenschaftliche Skizzen" wiederentdecken lässt. Wie Warnke sich Goyas Gruppenporträt nähert, ist tatsächlich im besten Sinne kulturwissenschaftlich.

Die gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstmals unternommenen Versuche zu einer Universalisierung der Gebärdensprache führt er mit jenem epochalen Wandel der körperlichen Gesten zusammen, der Europa im Zuge der französischen Revolution erfasst hatte. Die alten Repräsentationszeichen waren dabei, ihre Legitimität zu verlieren. Wie die Kernfamilie sich in der Bildmitte als Einheit aus der größeren Gruppe herauslöst, wie die Infantin am rechten Bildrand ihre Tochter auf dem Arm hält - das sollte weniger aristokratische als neue bürgerliche Tugenden vermitteln. "Durch den Wegfall des höfischen Gestenapparats, der das Auftreten bisher gesichert hatte, ergibt sich ein gestischer Leerraum, in dem man sich neu organisieren, jeden Schritt neu erlernen muss." Wie aber besetzte man diesen Leerraum in einem Land ohne tragfähiges Bürgertum? Für Warnke ist Goya der visuelle Chronist dieses mühsamen Lernprozesses mit all seinen "gestischen Verunsicherungen".

Es zeichnete Martin Warnke aus, dass ihn solche Verunsicherungen immer am meisten interessiert haben. Man darf seinen eigenen vorsichtigen, fragenden Gestus, der in den Texten aufscheint, nicht unterschätzen. Methodisch hatten seine Forschungen eine enorme Sprengkraft. Sie orientierten sich an Erwin Panofsky und vor allem an Aby Warburg, lange bevor sie zu Säulenheiligen der Kunstgeschichte wurden. Nicht der ästhetische Gehalt des einzelnen Kunstwerks stand dabei im Mittelpunkt, sondern die "soziologische Energetik" der Kunst - ein Begriff von Warburg, der die historischen Kräfte, die in Bildern gespeichert sind, genauso meint wie die Energien, die von ihnen ausgelöst werden. An den Bilderstürmen wunderte Warnke folglich nicht, dass sie stattgefunden hatten, sondern dass sie so einen schlechten Ruf genossen.

Die Kunstgeschichte wurde erst durch Warnke wieder, was sich Panofsky erträumt hatte

Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die akademische Kunstgeschichte in Deutschland erst durch Warnke - und in der Folge durch seine zahlreichen Schüler - wieder zu der Geisteswissenschaft wurde, die Panofsky sich 1940 im Exil in Princeton erträumt hatte. Umso merkwürdiger, dass von diesem produktiven und überaus eleganten Schreiber kaum noch etwas greifbar ist. Warnkes wichtige Arbeiten zum Bildersturm sind genauso vergriffen wie seine Sozialgeschichte des Hofkünstlers oder die beiden Sammelbände "Künstler, Kunsthistoriker, Museen" (1983) sowie "Nah und Fern zum Bilde" (1997), in denen zumindest einige seiner Aufsätze enthalten waren. Es ist das Verdienst von Matthias Bormuth, diesem Missstand entgegenzuwirken. Nach einer Sammlung kürzerer Essays über Kunsthistoriker und einer Auswahl von "Künstlerlegenden" ist dies nun der dritte von ihm herausgegebene und im Wallstein-Verlag erscheinende Band. Es ist zugleich der erste, der posthum erscheint, denn Warnke starb kurz vor der Fertigstellung Ende 2019.

Versammelt sind hier Schriften, die mehrheitlich in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden. Sie stellen manchmal provozierend einfache Fragen. "Die Couchecke ist einmal entstanden", schrieb Warnke 1979 in einem Beitrag zu Habermas' "Stichworten zur ,Geistigen Situation der Zeit'": "Was wäre verloren oder gewonnen, wenn sie wieder verschwände?" Der Fernseher, so Warnke, habe die Sofaecke jüngst in eine schwere Krise gestürzt, ihre Zukunft sei ungewiss. Warnkes aufklärerischer Witz bestand darin, einen Gegenstand wie das bürgerliche Wohnzimmer zugleich zu ironisieren und ernst zu nehmen. Das "Plädoyer für die Aussagekraft des an die Randzonen der Kultur gedrängten", das er Aby Warburg zuschrieb, hätte auch von Warnke selbst stammen können. Als wissenschaftlicher Gegenstand ist die Sofaecke nicht weniger interessant und bedeutsam als ein Gemälde von Goya. In einem Fach, das ein durchaus emphatisches Verhältnis zur Hochkultur hat, ist das bis heute eine Ansage.

Martin Warnke: Warburgs Schnecke. Kulturwissenschaftliche Skizzen. Herausgegeben von Matthias Bormuth, mit einem Essay von Horst Bredekamp. Wallstein, Göttingen 2020. 244 Seiten, 18,90 Euro.

Als wissenschaftlicher Renegat hatte sich Warnke spätestens auf dem berühmt gewordenen Kunsthistorikertag 1970 in Köln geoutet. Sein Vortrag "Wissenschaft als Knechtungsakt" ist im vorliegenden Band ebenfalls wieder abgedruckt. Der kunsthistorischen Populärliteratur, verfasst von den damaligen Größen des Fachs, wies er eine Metaphorik der Gewalt nach. In der kunstwissenschaftlichen Sprache hatte sich die nationalsozialistische Ideologie mit ihrer "Unterwerfung des Einzelnen unter Zwang des Ganzen" unbewusst sedimentiert. Weil der Vorwurf zutraf, brachte er die alten Ordinarien zum Toben. Der Kunsthistorikerverband sah sich zu einer offiziellen Distanzierung von Warnke veranlasst - ein ziemlich einmaliger Vorgang, der natürlich nach hinten losging. Die Progressiven um Warnke schickten sich in den darauffolgenden Jahren an, die Lehrstühle zu erobern.

Es ist ein bisschen schade, dass man die Gelegenheit verpasst hat, diesen für die Fachgeschichte so wichtigen Text stärker zu kontextualisieren, um seine weitreichenden Folgen verständlicher zu machen. Viel gravierender aber ist ein anderes Manko, das den Band beinahe zu einem Ärgernis werden lässt. Verlag und Herausgeber haben sich nämlich dafür entschieden, auf alle Abbildungen der Erstabdrucke zu verzichten. Zwar gibt es Arbeiten von Warnke, die ohne Bilder auskommen. Für die Mehrzahl der hier versammelten Texte gilt das aber nicht. "Goyas Gesten" etwa ist ursprünglich mit rund 50 Abbildungen veröffentlich worden. Diese Bilder sind bei Warnke nicht nur Illustrationen, auf die man auch mal verzichten kann, sie sind wesentlicher Teil des Arguments. Ohne sie wirken die Texte wie verstümmelt - der brillante Aufsatz zu Warburgs Theorie des sozialen Gedächtnisses wird ohne Abbildungen streckenweise unverständlich. Ganz besonders gilt dies auch für den langen Essay zu "Cranachs Luther", der 1984 als einer der ersten Bände in Klaus Herdings legendärer und reich bebilderter Reihe "kunststück" erschien. Den Wiederabdruck des nackten Textes muss man als editorischen Unfall bezeichnen.

Und doch ist dieser Band auch ein Glücksfall: Weil er ex negativo deutlich macht, wie sehr die Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft auf das Visuelle angewiesen bleibt. Und weil er dazu anregt, sich die bebilderten Schriften Warnkes rasch antiquarisch zu besorgen, solange das noch geht.

© SZ/masc
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