Essay: "Die Arbeit der Vögel" von Marica Bodrožić:Archaische Stille

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Essay: "Die Arbeit der Vögel" von Marica Bodrožić: "Das eindimensionale und Besitzansprüche anmeldende Ich hat an Einfluss verloren." - Die 1973 geborene Essayistin und Schriftstellerin Marica Bodrožić wuchs in Dalmatien und Hessen auf.

"Das eindimensionale und Besitzansprüche anmeldende Ich hat an Einfluss verloren." - Die 1973 geborene Essayistin und Schriftstellerin Marica Bodrožić wuchs in Dalmatien und Hessen auf.

(Foto: Peter von Felbert)

Marica Bodrožić wandert auf den Spuren Walter Benjamins über die Pyrenäen - und findet die Zeitdimension jenseits der Menschheitskatastrophen.

Von Joseph Hanimann

Gehen und Denken bilden seit den griechischen Peripatetikern einen Zusammenhang. Jener zwischen Wandern und Denken ist jüngeren Datums. Fliehen und Denken dagegen stehen fast schon in einem Widerspruch zueinander. Im Spannungsfeld dieser Pole bewegt sich dieses Buch: Mit offenen Sinnen für Landschaften, Leseerinnerungen und eigene Empfindungen hat die Essayistin, Gedicht- und Romanautorin Marica Bodrožić noch einmal die letzte Etappe von Walter Benjamins Fluchtweg 1940 über die Pyrenäen abgeschritten. So ein Unternehmen ist der für Gedankenbilder und schillernde Begriffspoesie bekannt gewordenen Autorin wie auf den Leib geschnitten.

Das Nachdenken über Verfolgung, Gefangenschaft, Widerstand, Exil stellt sich ihr im Rhythmus des Ein- und Ausatmens ein, beim bald beschwerlichen, bald beglückenden Aufstieg über den Pyrenäenweg. Betrachtungen über die Geschichtsnarben von Faschismus und Stalinismus wechseln einander ab. Bedrückt bemerkt Bodrožić wie altüberlieferte Zauberwelten durch narzisstisch moderne Sofortkommunikation verdrängt werden. Besorgt denkt sie an die Wonnen des spätkapitalistischen Überangebots und beruhigt sich angesichts der betörend schön erhaltenen Landschaften von Banyuls-sur-Mer bis zum nordspanischen Portbou.

Kurze Zitatsplitter gibt es auch von C. G. Jung, Simone Weil, Adorno, Bataille und Toni Morrison

Als Lesender nimmt man das eine oder andere davon mit, hält manchmal inne, geht an anderem achtlos vorbei und beschleunigt mitunter den Gang wie beim Durchqueren eines uns persönlich nicht ansprechenden Landstrichs. Jeder muss sich seinen eigenen Weg bahnen durchs Gelände dieser Seelenstenogramme aus Assoziationen, Zitaten und historischer Spekulation.

Denn alles, was die Autorin beim "Nach-Innen-Sprechen" wahrnimmt auf dem ihr zuarbeitenden Weg, ist für sie eine Sprache geworden, "die Punkte, Kommas und Semikolons verweigert", und die in absatzlosen Kapiteln die Gedanken in luftige Schlaufen fasst, wie von den beim Wandern allgegenwärtigen Vögel in den Himmel gezeichnet, botschaftslos. So, schreibt die Autorin, "hat das eindimensionale und Besitzansprüche anmeldende Ich an Einfluss verloren" und lässt "ein weiter gefasstes, großzügigeres Selbst" zum Ausdruck kommen. Ein Selbst, das in philosophische und psychoanalytische Tiefenlagen hinabreicht.

Essay: "Die Arbeit der Vögel" von Marica Bodrožić: In Portbou an der Costa Brava in Spanien erinnert dieses Denkmal von Dani Karavan an Walter Benjamin und andere Opfer des Nationalsozialismus.

In Portbou an der Costa Brava in Spanien erinnert dieses Denkmal von Dani Karavan an Walter Benjamin und andere Opfer des Nationalsozialismus.

(Foto: Reinhard Koester/picture-alliance)

An manchen Stellen mag sich dieser Assoziationsstrom vernebeln. Meistens führt aber dank des stetigen Themenwechsels mit jeweils nur kurzen Zitatsplittern von Daniil Charms, Ossip Mandelstam, C. G. Jung, Simone Weil, T. W. Adorno, Georges Bataille, Toni Morrison und natürlich Walter Benjamin schnell wieder eine Spur ans klarere Licht der Reflexion. Überlebensprotokolle von Pawel Florenski und Karlo Štajner aus der sowjetischen Haft, die nie überwundene Erinnerung der Pariser Philosophin Sarah Kofman an die Verschleppung ihres Vaters durch die Nazis und eigene Reminiszenzen der Autorin aus ihren Kinderjahren in der sozialistischen Abgeschiedenheit der dalmatischen Berghänge wechseln einander ab. Palmen ragen als Zeugen des Heiligen aus der Landschaft empor und die Schäfer, die umgeben von Tierherden am Haus von Bodrožićs Kindheit vorbeikamen, werden zu biblischen Gestalten "archaischer Stille". Einen losen, aber anregenden Zusammenhang erhält das alles durch die Konfrontation mit Benjamins Gang pyrenäenaufwärts im September 1940.

Nachgedacht wird hier in klaren Bildern und Worten, ohne raunendes Ungefähr

Marica Bodrožić stützt sich dabei vorwiegend auf die Erinnerungen der Flüchtlingshelfer Lisa und Hans Fittko. Der Satz "Wissen Sie, diese Aktentasche ist mir das Allerwichtigste", den Benjamin beim Aufstieg gesagt haben soll, kommt der Autorin beim Wiederlesen plötzlich "irgendwie schief" vor, "irgendwie nicht mit der Stimme sagbar", eher wie eine nachträgliche Eintragung aus dem Gedächtnis. Und selbst die verbürgten Fakten von Benjamins letztem Gang und Suizid erscheinen ihr zweifelhaft.

Doch geht es im Buch keineswegs um historische Tatsachenklärung, sondern ums Nachdenken über Realität und Geheimnis einer "seelischen" Zeit, in welcher Gegenwart und Zukunft verschmelzen. Die Autorin untersucht dies ausgehend vom Kapitel "Ein Gespenst" aus der "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Sie liest dieses Kapitel überzeugend als ein Beispiel vorausgeahnter Zukunft und deutet es im Spiegel des rückwärtsgewandten Engels der Geschichte, den Benjamin in Paul Klees Zeichnung "Angelus Novus" erkannte.

Essay: "Die Arbeit der Vögel" von Marica Bodrožić: Marica Bodrožić: Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme. Luchterhand, München, 2022. 348 Seiten. 22 Euro.

Marica Bodrožić: Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme. Luchterhand, München, 2022. 348 Seiten. 22 Euro.

Was Marica Bodrožić unter den zeitgenössischen Denkern auszeichnet ist, dass sie sich nicht katastrophensüchtig an vergangenen und gegenwärtigen Dramen ergötzt. Selbst über der Erinnerung an Völkermord, Kriege und Diktaturen leuchtet bei ihr eine andere Zeitdimension, die eine "messianische Zuspitzung des Lebendigen mitten im Lebensfeindlichen" erlaubt. Den Fliehenden um 1940 mag sie oben auf dem Col de Rumpissa beim Grenzübertritt nach Spanien als Erlösung vorgekommen sein, selbst wenn ihr Schicksal wie im Falle Benjamins tragisch endete. Missachtet werde diese Haltung hingegen "von den Leerherzigen, die ihre Verordnungen, ihre neuen Gesetze, ihre tödlichen Wortmaschinen ins Feld führen".

Sie sei im Sozialismus geboren, aber nie ein auf ideologischen Kampf ausgerichteter Mensch geworden, schreibt die Autorin. Empfänglich geblieben ist sie für die Anwesenheit des Heiligen und für die Wirkung der Gnade - ein öfter wiederkehrendes Wort in ihrem Buch. Von solchen Dingen mit klaren Bildern und Worten sprechen zu können, ohne Abschweifung ins raunende Ungefähr, sondern vor dem Hintergrund einer konkreten historischen Situation, ist ein Verdienst. Es macht aus diesem Buch eine Besonderheit, die Bestand hat.

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