Sextalk im Theater:Kevins kleiner Penis

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Yoga für die Seelen- und Unterleibsentspannung: Szene mit (v.l.) Lukas Turtur, Genija Rykova, Carolin Haupt, Konrad Singer und Jenny König.

(Foto: Gianmarco Bresadola)

Sechs Personen suchen einen Orgasmus: Maja Zades Stück "Reden über Sex" an der Berliner Schaubühne.

Von Peter Laudenbach

Kevin kommt aus dem Wedding und hat einen sehr kleinen Penis. Zum ersten und letzten Mal wollte er vor 15 Jahren mit einer Frau schlafen. Das war erst sehr romantisch, aber dann hat sie ihn wegen seines winzigen Geschlechtsteils ausgelacht. Seitdem geht es Kevin (Lukas Turtur) nicht so gut.

Marie (Jenny König) findet das Stöhnen in den Pornos gewalttätig. Sie ist Lehrerin und hat zu allem dezidierte Ansichten und simple Erklärungen, vor allem für ihre eigene Trantütigkeit: "Ich bin eben einfach etwas langsamer in meinen emotionalen Reaktionen." Bernd (Robert Beyer) pflegt seine kranke Mutter und hat schon lange keine Zeit mehr für Sex. Aber wenn schon Sex, dann besser mit Vertrauen, findet der harte Mann mit Lederhose und Hipsterbart. Pascal (Konrad Singer) ist schwul und katholisch und wollte deshalb mit seinem Freund keinen Sex vor der Homoehe. Das war auch besser so, denn er erste Sex nach der Hochzeit war fürchterlich - kein Vergleich zum keuschen Kuscheln davor.

Britta (Genija Rykova) wurde erst mit Ende zwanzig von einem Hans-Joachim entjungfert, aber der war Blut-Fetischist und wollte nur mit ihr schlafen, wenn sie ihre Periode hatte. Und Fedora (Carolin Haupt) ist überzeugt, dass Sex eine wichtige Sache ist: "Es ist wie beim Sport. Manchmal muss man sich dazu zwingen, aber hinterher ist man froh darüber."

Sind wir nicht alle ein wenig "oversexed and underfucked"?

An der Berliner Schaubühne erfährt man von Leuten, die man lieber nicht näher kennenlernen will, lauter Intimitäten, die den Rest der Welt eigentlich nichts angehen. Über irgendwas muss man an langen Theaterabenden halt plaudern, um sich die Zeit zu vertreiben. Schuld an dem Sextalk ist die Autorin Maja Zade, die dem Publikum mit ihrem neuen Stück genau das zumutet, was der Titel des Abends verspricht: "Reden über Sex". Ob sie damit Foucaults These, je mehr über Sex gesprochen werde, desto weniger werde er praktiziert, demonstrieren will, oder nur aus dem Kalauer, dass wir alle "oversexed and underfucked" seien, ein ganzes Theaterstück machen wollte, bleibt ihr Geheimnis.

Das Setting in Marius von Mayenburgs Uraufführung ist denkbar simpel. Sechs Durchschnittszeitgenossen treffen sich regelmäßig, um sich auf ihren Yogamatten über ihr Sexleben auszutauschen: Sechs Personen suchen einen Orgasmus. Zwischendurch gönnt ihnen der Regisseur zur Erholung hübsche Gesangseinlagen, darunter eine gekonnt gestöhnte Fassung des Schmachtfetzen-Klassikers "Relax" von Frankie Goes to Hollywood.

Vielleicht dient die Aufführung ja als Ersatzbefriedigung in pandemischen Zeiten

Seit Maja Zade, eine sehr geschätzte Dramaturgin an der Schaubühne, vor zwei Jahren anfing, sich für eine Autorin zu halten, schreibt sie ein Stück nach dem anderen. Nach zwei cleveren Typen-Komödien auf der Höhe des Zeitgeists ("Status Quo", "Abgrund") und einer völlig konfusen "Ödipus"-Aktualisierung ist "Reden über Sex" ihre vierte Uraufführung an dem Haus binnen zwei Jahren. Mit ihrem in Unterleibsfragen so auskunftsfreudigen Personal gelingt ihr immerhin ein neues, leider völlig überflüssiges Genre: das pointenlose Boulevardstück.

Zade schickt ihre ausgedachten Figuren auf den Gedankenstrich. Jeder und jede dieser Sprechblasenlieferanten hangelt sich mäßig inspiriert durch Tief- und Höhepunkte des Trieblebens, ohne dass man so recht wüsste, woher dieser Bekenntnisdrang rührt und wohin er will: Schön, dass wir darüber geredet haben. Sollen die intimen Geständnisse für eine therapeutische Klärung der trüben Seelen sorgen? Oder geht es nur um etwas müde Eitelkeitsdemonstrationen der schwer von ihren Feuchtgebieten und erigierten Thesen faszinierten Geschlechtslebenbesitzer? Vielleicht dient die Aufführung auch einfach der Ersatzbefriedigung: Wenn man schon pandemiebedingt kaum noch ein Sozialleben hat, kann man wenigstens im Theater ein paar Zeitgenossen dabei zusehen, wie sie sich beschnuppern. Wer vor dem Besuch der Schaubühne dachte, dass Sex eigentlich eine ganz erfreuliche Sache ist, wurde gründlich eines Öderen belehrt.

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