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Maggie Nelson:Unser Mordgemüt

Autorin: Maggie Nelson

(Foto: San Francisco Public Library (CC BY 3.0 DE); Bearbeitung SZ)

Mit 23 Jahren wird Jane ermordet. Ihre Nichte Maggie Nelson schreibt über den gewaltsamen Tod ihrer Tante als Familientrauma und fragt: Was ist das für ein Wesen, das die Frau als Opfer sieht und zurichtet?

Von Insa Wilke

In ihrer Tübinger Poetikvorlesung erzählt Marlene Streeruwitz, wie sie im Radio von einem Initiationsritual hört, bei dem jungen Männern der Bauch aufgeschlitzt wird. Die Älteren zwingen die Jüngeren, in ihr Inneres zu blicken, bevor sie als Erwachsene in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Die "Geschichte von der Bauchaufschneiderei" bringt Streeruwitz zu der Frage, wie ein solcher Blick in die Zusammenhänge unserer Gesellschaft möglich wäre und wie sich die sprachlosen Aufträge erkennen lassen könnten, die als innere Erbschaften von einer Generation in die andere "eingepflanzt" werden: "Um eine Erbschaft abzulehnen, muss man wissen, was es ist, das da geerbt werden soll." Genau dafür interessiert sich die amerikanische Autorin Maggie Nelson in "Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses". Sie habe sich ausgemalt, "einen Körper vom Kinn bis zu den Genitalien aufzuschlitzen, seine inneren Organe auszubreiten und zu versuchen, die roten Stellen wie Teeblätter zu lesen." Erst mal also das Einzelleben, seine wunden Stellen. Aber Nelson versteht es, von da zu den "roten Stellen" der Gesellschaft zu kommen, zu unser aller "Mordgemüt".

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