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Madonna-Konzert in Berlin:Das Spiel ist maximal weit weg jetzt. Denkt man.

Was man von Madonna dann tatsächlich zu sehen bekommt, ist zunächst einmal allerdings: nichts. Nicht halb zehn, auch um zehn noch nicht. Irgendwann durchfährt einen ein schauderhafter Verdacht: Die schaut in ihrer Garderobe erst noch das Spiel zu Ende! Während es sonst in der Halle auf ihr Geheiß nirgendwo zu sehen sein darf, auf keinem einzigen der vielen, vielen Monitore, die überall herumhängen. Fies? Böse? Madonna.

US pop singer Madonna performs during a concert of her MDNA world tour in Berlin

Madonna im Konzert. Bewegungsfolgen aller Jane-Fonda-Aerobic-Kassetten.

(Foto: Reuters)

Es ist dann exakt 22:17 Uhr, als die Glocken erklingen und dreizehntausendeinhundert Fotohandys den Introitus filmen. Lob des Mobilfunks an sich: Man kann bei der Gelegenheit gleich noch mal schauen, ob sich was am Spiel getan hat. Elfmeter Özil, 2:1 Endstand. Oh, mein Gott! Das sagt in exakt dem Moment allerdings auch Madonna. Sie sagt: "Oh, my God", und: "I am heartily sorry for having offended Thee and detest all my sins." Es ist zum Kreischen. Sie sieht aus wie Uta von Naumburg und schwebt durch gotisches Pfeilerwerk. Dazu Weihrauch aus dem ganz großen Kessel. Wo ist bitte Martin Mosebach, wenn man ihn mal zum Ganz-fest-in-den-Arm-kneifen braucht?

Das Spiel ist maximal weit weg jetzt. Denkt man. Aber dann kommt plötzlich Balotelli auf die Bühne, und dann gleich nochmal und nochmal, und Pirlo und all die anderen; Madonnas Tanzbrigade ist die italienische Nationalmannschaft mit freien Oberkörpern. Ein grausames Schauspiel. Aber es sublimiert den Schmerz. Weiß sie das? Weiß sie, dass man die Sache schon deswegen nicht aus dem Kopf kriegen kann, weil man ins Pissoir gemalte Tore treffen soll, wenn man in dieser Halle mal für kleine Jungs gehen muss, wie man gerade hier und heute mal so sagen dürfen muss. Angeblich weiß Madonna doch alles über kleine Jungs und vor allem kleine Mädchen. All diese kleinen bösen Jungen und Mädchen um die vierzig, die immer brav alle Platten von Madonna gekauft haben und sie trotzdem so wahnsinnig hassen. Hassen, hassen, hassen, hassen und trotzdem zum Konzert müssen. Um mit Feldstechern nach Spuren von Alterung zu gieren.

Was soll eigentlich dieser Falten-Faschismus? Seit wann soll Jugend denn eine Frage des Alters sein? Und wozu überhaupt? Was die Herren Walser, Roth und Vargas Llosa dürfen, wird man ausgerechnet Frau Madonna ja wohl nicht verbieten wollen. Soll sie doch bitte sehr gerne und immer wieder von "girls" auf dem "dancefloor" flöten, die Raves der Zukunft werden ohnehin Seniorentanztees sein, und wem das zu unauthentisch ist, der kann ja stattdessen Kerzen auf Chiantiflaschen pfropfen oder zu Tracy Chapman gehen, falls die noch lebt.

Nett genug, dass sie trotzdem so tut

Eine andere Unsitte ist es, von Madonna zu verlangen, dass sie auch noch selber singt, während sie die Bewegungsfolgen aller Jane-Fonda-Aerobic-Kassetten in jedem Lied aufs Neue nachtanzt. Nett genug, dass sie trotzdem so tut. Es sähe auch so alles ganz hinreißend aus. Madonna als Funkenmariechen. Madonna als Killerin. Madonna in Unterwäsche. Oder im Glitzerkittel wie auf dem Weg zur Star Wars Convention. Und immer wieder bei der rhythmischen Bodengymnastik. Madonna kann, offensichtlich, alles. Kann sie nicht auch machen, dass die scheußliche Halle einfach wieder wegfliegt? Und dass Deutschland vielleicht doch gewonnen hat? Es gibt Momente in dieser Revue, in denen glaubt man, mit entsprechendem Bauchmuskeltraining ist nichts mehr unmöglich.

Wenn nur die Musik nicht wäre. Beziehungsweise wenn da Musik wäre. Eigentlich will man die ganze Zeit nur wissen, was SIE da eigentlich auf ihrem Ohrstöpsel hört, das sie so zum Ausrasten und Rumrasen bringt. Der billig daherscheppernde Dorfdiscoquark, den WIR währenddessen hören, kann das ja unmöglich sein. Grob gesagt, klingt das ganze Konzert mehr oder weniger wie die Kreuzung vor dem Soho House. Surrende Kleinwagen. Dieselmotoren bei Sommerhitze. So in etwa. Erst ganz zum Schluss, bei "Celebration", dem Rausschmeißer, kommt eine Art Beat dazu, den man ernst nehmen kann. Jetzt geht es, wie man so sagt, ab. Jetzt hat sie, bis auf ein paar spätadornitische Nörgelnerds auf der Strafbank der Journalisten vielleicht, alle. Jetzt marschiert sie durch. Jetzt herrscht endlich das sogenannte Utz, Utz, Utz.

Es klingt, natürlich, beim genauen Hinhören bald wie Eilts, Eilts, Eilts.

Dieter Eilts, liebe Frau Madonna, hat bei unserem EM-Sieg 1996 . . . Hach ja. Aber das muss Sie ja nicht kümmern.